Miasma


J. W. Anders für #kkl1 „Zukunft neu erdenken“


Seine Schritte sind schon lange nicht mehr elastisch. Eher schlurft er oder schleppt sich. Kein Wunder, die Sorge für eine fünfköpfige Familie wiegt schwer. In jedem wachen Moment. Und auch in seinen Träumen, wenn er denn schlafen kann. Er befühlt den Teelöffel in der Jackentasche, das Muster am Griff. Ein Gebeugter kommt ihm entgegen. Schiebt ein Päckchen unter die abgewetzte Jacke und knöpft die verbliebenen Knöpfe zu.

Er zieht seinen Mundschutz höher. „Gibt’s heut was?“, ruft er über den Mindestabstand hinweg.

„Einen halben Katzenschwanz.“ Die Stimme durch das Tuch gedämpft. Nicht zu erkennen, ob der Gebeugte ein Bekannter ist, doch das spielt nun auch keine Rolle mehr. Seit Beginn der Seuche gibt es nur noch Fressfeinde.

„Nicht viel, um satt zu werden.“ Sein Finger folgt den eingravierten Initialen.

„Hat mich die Uhrenkette meines Großvaters gekostet. Kaum noch was übrig.“

Er nickt und geht weiter zu der Metzgerei. Die Glastür und die Schaufenster sind längst durch dicke Holzbretter ersetzt. Ein Schrei. Er schaut über die Schulter zum Gebeugten zurück. Der liegt am Boden, während eine andere vermummte Gestalt seine Jacke aufreißt und das Paket herauszieht.

Besser der als ich, denkt er. Früher war er nicht so. Früher hätte er dem Gebeugten vielleicht sogar geholfen.

Er wummert mit der Faust gegen die Holztür. Ein schmaler Durchguck wird geöffnet.

„Was willst du?“

„Habt ihr noch was? Ich geb euch einen Silberlöffel.“

Seine Finger auf dem altersrauen Metall. Durch so viele Hände gegangen. Von seiner Mutter liebevoll poliert, bevor der Löffel bei einem Familienfest auf die weiße Tischdecke gelegt wurde, sorgsam ausgerichtet. Damals, als die Zeiten noch besser waren. Und nun wird er weggegeben, vielleicht für einen Katzenschwanz.

„Nichts mehr da.“

„Aber ich hab doch was zum Tauschen.“

„Egal. Wir haben nichts mehr.“

„Was? Aber das geht nicht. Meine Frau, meine Kinder. Und meine Mutter. Ich kann sie doch nicht hungern lassen.“

„Verschwinde!“

„Nichts? Überhaupt nichts mehr? Ihr werdet doch noch irgendetwas haben.“

„Hau endlich ab!“ Der Durchguck wird mit lautem Knall geschlossen.

Er dreht sich um. Seine Schritte bleischwer, hallen von den Hauswänden wider. Er stolpert über einen Riss im Asphalt. Was soll er zuhause sagen, wenn sie ihn fragend anstarren? Mit diesen rotgeränderten Augen, die über eingefallenen Wangen riesig wirken? Mit zusammengepressten Lippen, die schon lange nicht mehr lächeln können? Soll er sagen: morgen wird’s besser? Wer glaubt das denn noch?

Eine Gestalt schiebt sich um die Hausecke. Baut sich vor ihm auf. „So, einen Silberlöffel?“ Die Gestalt kommt noch näher. Fauliger Atem. „Na dann mal her damit.“




J. W. Anders lebt und arbeitet im Großraum Stuttgart. Nach ersten Gehversuchen im Bereich Kurzgeschichte während der Schulzeit drängte das alltägliche Leben diese Ausdrucksmöglichkeit in den Hintergrund. Durch das Schreiben von Theaterstücken und deren Aufführung mit dem eigenen mittelalterlichen Figurentheater kehrte die Freude am Fabulieren zurück. Lieblingsthemen sind, neben Frühzeit und Mittelalter, postapokalyptische Zukunftsszenarien. Anders ist Mitglied der Autorengruppe 7 Punkt 3 und war mit diversen Kurzgeschichten an Lesungen beteiligt.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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