Dimension

Thyra Thorn für #kkl2 „Freiheit“

Morgens ist der Kampf zwischen Traum und Wachsein eine Weile unentschieden. In dieser Zeit erscheinen Dinge und Geschehnisse wahr, die es nicht sind. Erinnerungen werden nach unerfindlichen Regeln zu neuen Mustern zusammengefügt. Schwarzweißes wird bunt, Absurdes vernünftig. Und manchmal wird das Diffuse so prägnant, dass es den Sprung ins Tageslicht schaft.

So auch heute. Ich erinnerte mich nach dem Aufstehen noch sehr gut an das Gezeigte und trug die Frage, welcher Art von Realität es entspräche, in meinen Alltag hinüber. Ich behielt die Bilder beim Waschen, Anziehen, Frühstücken und – coronabedingtem – Home-Office im Kopf. Obwohl ich wenig von Traumdeutungen und umso mehr von Synapsenbildungen und neuronalen Instandhaltungen, Delta- und sonstigen Wellen halte, maß ich diesmal den Ereignissen in der Aufwachphase Bedeutung bei. In gewisser Weise schien mir das Gesehene hyperreal.

Ich sah meine ganze Familie im Wohnzimmer versammelt. Die Kinder gingen an den Bücherschrank und holten unsere alten Alben heraus: Halb verblichene Fotos von nackten Babies am Strand, die Chronologie der Faschingskostüme, Oma und Opa im besten Alter, schon lang gestorbene Haustiere, deren Namen man erst nach langem Nachdenken wieder findet. Die Beiden freuten sich an den Erinnerungen. Dann stockten sie. Es sah aus, als wäre so manche Seite des Albums nicht umzulegen. Auch schien es nicht mehr möglich, die Fotobücher zuzuklappen.

Die Bilder veränderten sich. Kindergartenfeste und erster Schultag dehnten sich aus, nahmen die ganze Seite ein und flossen über die Ränder. Dann pumpten sich die Aufnahmen auf und gewannen an Volumen. Schultüten staken in den Himmel, Kinderschaukeln flogen hoch in die Luft. Alle abgebildeten Personen standen als etwa dreißig Zentimeter große Miniaturen erhobenen Hauptes vor uns, die Fotos nur mehr Teppich unter ihren Füßen, nur mehr Grund. Ausgangspunkt.

Die Figürchen setzten sich in Bewegung, liefen im Zimmer umher. Ich sah meine Kinder in den verschiedenen Stadien ihrer körperlichen Entwicklung. Außerdem wurden sie zu allem, was sie sich immer erträumt hatten; die Tochter zur Forscherin, die mit Delphinen und Walen tauchte, zur Reisenden und Piratenkönigin. Der Sohn verwandelte sich in einen Eskimo, Indianer, ritt auf Mammuts und Eisbären. Fortwährend veränderten sie sich, spielten Hunderte Variationen durch. Lachten. Stritten. Kämpften. Tanzten. Umarmten sich.

Meine Familie und ich,

wir Großen, wir „realen Menschen“,

sahen ihnen zu.

Nichts weiter.

Wir konnten sonst nichts tun.

Dabei verloren wir an Masse,

wurden dünner,

durchscheinender,

flacher.

Offenbar gab es eine direkte Korrelation zwischen der zunehmenden Pracht der Miniaturen und unserer eigenen abnehmenden Masse. Je praller und runder sie wurden, desto flacher wurden wir. Schließlich waren wir nur noch papierdünn. Würde man uns an die Fenster kleben, so ließen wir das Licht hindurch, unsere Farben verblassten im Sonnenlicht und unsere Konturen lösten sich auf, bis wir völlig verschwänden.

Die Kleinen stahlen unserem Raum die Tiefe.

Sie liefen damit weg.

Weit weg.

Waren frei.




Thyra Thorn ist Ethnologin und Mitglied im deutschen Schriftstellerverband. Seit 2008 veröffentlicht sie literarische Texte. Sie schrieb für die österreichischen Literaturzeitschriften „Mosaik“, „DUM“, „Reibeisen“ und für die deutschen Magazine „Neolith“ und „Zugetextet“. Ende Oktober 2020 nahm sie als eine der neun Finalisten an der FLORIANA Literaturbiennale in St. Florian/Österreich teil.

Zahlreiche Veröffentlichungen: zuletzt „Madame Fangs Lächeln – Hongkong“, PänK Verlag UG.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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