Sagen und nichts sagen

Paul Fehlinger für #kkl3 „Liebe kann…“


„Ach die Sonne“, stöhnte Julia. „Scheint und wärmt auch bei Schnee… Wenn auch nur kurz…“

Sie füllte das Glas auf. Einfallende Sonnenstrahlen ließen das dreckige Metallgeschirr glänzen. Tatsächlich war es in der Küche angenehm warm, vermutlich war auch die Heizung aufgedreht, was sie sich aber bei Johan nicht vorstellen konnte… So angenehm warm… Außerdem irrten hier keine Tabakschwaden wie in Johans Zimmer umher… Sie seufzte. Widerwillens ging sie in jenes Zimmer zurück. Als sie eintrat, saß Johan am Schreibtisch und drehte sich bereits die nächste Zigarette.

„Kannst du wenigstens am Fenster rauchen? Also am offenen?“, fragte sie sichtlich verärgert.

„Gerne“, sagte Johan emotionslos. „Wenn du meine Heizkosten zahlst…“

„Du verstehst nicht!“, brauste Julia wieder auf. „Ich sterbe, wenn du so weiterqualmst. Meine Migräne ist jetzt schon unerträglich…“

„Quatsch“, verhöhnte Johan sie. „Du siehst munter aus… Du willst mich nur mit dieser Nicht-Raucher-Scheiße auf den Sack gehen…“

Julia blieb still. Gewaltphantasien liefen vor ihrem inneren Auge ab, empfand jene aber als zu stillos, zu grob, während Johan die Passanten beobachtend auf der Fensterbank saß und den Rauch gegens Fenster blies.

„Ich hol mir noch Schokolade“, murmelte Julia, um bloß noch etwas mehr frischere Luft atmen zu können. Währenddessen drehte sich Johan nicht einmal um, auch nicht, als sie die Tür, wie üblich, unverhältnismäßig laut schloss. Johan wirkte wie gefangen in seiner Gleichgültigkeit, in seiner Gleichgültigkeit gegenüber allem und jeden.

Sie streckte den Arm durch, um zum obersten Schrankfach zu gelangen. Am Ärmel spürte sie etwas… Ein Gefühl wie von einem Heizstrahler… Julia fummelte die Schokolade aus dem Lebensmittelchaos heraus. Sie machte das Fach zu und schaute sich dann die Küche genauer an. Von der Herdplatte kam die Wärme… Sie war auf „neun“ eingestellt…

Dieser Trottel muss sie angelassen haben… Beim Speckanbraten… Totes Tier in dünnen Scheiben… Dieser Trottel… Julia überlegte was zu tun sein. Schließlich grinste sie.

Jeder normale Mensch hätte sie ausgestellt. Doch Normalität existiert nicht in der Liebe. Sei es durch die Rosa-Rote-Brille, oder durch die Sehnsucht nach Drama, Überlegenheit und Ruin. Folgerichtig ließ Julia die Platte an und hatte für eine halbe Minute vor Johans Tür damit zu kämpfen, das Grinsen aus ihrem Gesicht zu entfernen.

Möglichst aufgebracht und resigniert wie vorhin drückte sie die Klinke runter. Als sie ihn sah, ließ sie ihren Hass wieder freien Lauf:

„Du drehst dir ja schon wieder eine… Korrigiere – einen…“

Sie wurde, der Wut nachgebend, noch lauter:

„WAS SOLL DAS SCHON WIEDER?! WENN DU DEN RAUCHST, VERLASSEN WIR HEUTE NICHT MEHR DAS ZIMMER… DABEI WOLLTEN WIR NOCH SPAZIEREN GEHEN… ERZÄHL MIR NICHTS… WENN DU GEKIFFT HAST, WILLST DU NIE RAUS… NIE…“

Wenn nicht der Inhalt, so hatte wenigstens die Lautstärke bei Johan Wirkung. Beschwichtigend redete er auf sie ein. Es half nicht.

„Wenn du den Joint rauchst, hau ich wieder ab“, sprach sie plötzlich gelassen und gleichzeitig klar und drohend.

„Nein, bitte nicht…“, flehte Johan etwas lieblos. „Wieso stellst du mir immer so ein Ultimatum? Als wär alles so unvereinbar…“

„Du kannst faseln…“, spottete sie zurück. „Ich bleib dabei – ein Zug von dem Joint und ich bin weg…“

Johan hatte sich längst entschieden. Er leckte schon am Klebestreifen und rollte ihn zu. Stumm trabte er zum Fenster.

Der Joint gab Johan ein anderes Gefühl, bzw. überhaupt erst ein Gefühl. Kleine, künstliche Sehnsucht nach Harmonie. Er wollte dumme Missverständnisse der letzten Monate aus dem Weg räumen und sich irgendwie ihr annähern, wo sie erstaunlicher Weise doch geblieben war. Er interpretierte dieses Bleiben als verzweifelte, aufrichtige Liebe. Jedoch lag sie auf dem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, den Rücken ihm zugedreht. Er konnte auf sie einreden, wie er wollte. Entschuldigungen, Komplimente, Vorsätze, unterhaltsame Anekdoten… Alles was er sich aus den Fingern sog, schien sie nicht zu interessieren… Dabei hatte er sogar gelüftet, ihr seine letzte Ibuprofen vermacht, ihr Wasserglas nachgefüllt… Was sollt ich denn noch tun, fragte er sich…

So lagen sie nun da… Julia weiterhin zur Wand gedreht… Er auf dem Rücken, die Decke anstarrend… So lagen sie nun da… Johan kam es endlos vor, so als wären schon Tage schweigend vergangen. Als er dann auf den Wecker schauen wollte, schrillte der Feuermelder auf. Sofort rannte er los… Durch den Flur, panisches Abscannen… Etwas Rauch strömte aus der Küche… Ein Geruch, der die Nase freiätzte… Die kleine Obstschale aus Plastik hatte die Farbe gewechselt… Von Neongelb zu einem schleimigen Braun-Schwarz… Drumherum tanzten kleine Flämmchen… Instinktiv griff Johann nach der Blumenvase, schmiss die verwelkten Was-Auch-Immer-Blumen ins Waschbecken und löschte mit dem Blumenwasser… Ein Zischen… Dampf, der aufstieg… Ununterbrochen hustete er… Röchelnd füllte er die Vase nochmal auf, um völlig sicher zugehen… Dann riss er das Fenster ganz auf… Warum denn Feuer?

Viel mehr Zeit hatte Johann nicht, um seinen Gedanken nachzugehen, denn Julia war ihm bereits in den Raum gefolgt.

„Was zur Hölle ist passiert“, fragte sie aufgebracht.

Johann deutete stumm und verängstigt zum Herd.

„Du Idiot!“, fing sie an sich auszulassen. „Unverantwortlich bist du… Ein normaler Mensch vergisst doch sowas nicht… Nur Kiffer-Hirne vergessen die wichtigsten Dinge im Leben… Lebensgefährlich… Lebensgefährdend…“

Innerlich genoss es Julia. Sie war dabei ein Duell zu „gewinnen“. Schließlich war Liebe gestern gewesen. Längst ging es darum den anderen fertig zu machen. Längst wurde nur dafür die Energie aufgebracht… Irrationaler Hass und kindlicher Konkurrenzkampf, worin Beziehungen schnell abgleiten und man tut dann genau das, was man tun nicht sollte… Man vergleicht einander… Wer ist der bessere Mensch? Wer ernährt sich besser? Wer ist gebildeter? Wer ist besser in Form? Und so weiter und so weiter… Klar vertrugen sich Julia und Johann sich auch hin und wieder, aber nur bis zum nächsten Gefecht…


Paul Fehlinger, geboren 1999, wohnhaft in Kiel.
Bisherige Veröffentlichungen von mir:
Die Erzählung „Gib dir die Blöße“, in: 6. Bubenreuther Literaturwettbewerb, Tredition Verlag
Die Erzählung „Ein besinnlicher Vorweihnachtstag“, in: Der Baum ist schon wieder schief, Dein Lieblingsbuch Verlag
Die Erzählung „Verheizt“, in: Umbrüche, Roloff Verlag

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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