Hinaus in ein Leben

Iris Rösner für #kkl3 „Liebe kann…“


Chris fährt sich mit der Hand durch das braune Haar. Er schluckt, während er die Seite mit dem nächsten Song aufschlägt. Seine Oberarmmuskulatur spannt sich an, als er zur Gitarre greift. Sanft streichen seine Finger über die Seiten des Instruments und entlocken ihm romantische Töne.

Ein Schauer durchfährt Laura, als sie der Musik lauscht und die Fingerfertigkeit von Chris bewundert. Ebenso zärtlich hatte er ihre Wange gestreichelt, ihren Körper bespielt. Mehr als einmal. In der Musik, die den Raum erfüllte, fand sich der Ursprung ihrer Leidenschaft. Es war ihr Lied. Eigentlich das Lied von Benedikt und Laura.

Angestrengt starrt Laura auf die spitzen ihrer Schuhe, die unter dem langen Kleid hervorblitzen. Tränen sammeln sich in ihren Augen. Laura wischt sie verstohlen mit dem Handrücken fort.

Es war eine kluge Entscheidung. Wohldurchdacht.

Benedikt und Laura. Er, der erfolgreiche Anwalt für Wirtschaftsrecht, für den es an der Zeit war ein eigene Familie zu gründen. Sie, die 15 Jahre jüngere Tochter aus einer angesehenen Unternehmerfamilie. Der perfekte Deal.

Bis Chris vor einem halben Jahr auftauchte.

„Christian wurde mir von einer Bekannten aus dem Golfclub wärmstens empfohlen“, stellte Lauras Schwiegermutter ihr den Musiker für die Zeremonie zur standesamtlichen Trauung vor. Ein mittelloser Gitarrist, der in einer Zwei-Zimmer Wohnung lebte. Im Souterrain und sich mit Musikunterricht und Auftritten bei Familienfeiern durchs Leben schlug. Ein Musiker, der Lauras Herz aus dem Rhythmus gebracht hatte. Der mit ihr durch den Sommerregen tanzte und Wolken am Himmel beobachtete.

Laura streicht sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr und blickt sich verstohlen im Raum um. Im gediegene Trausaal der Burg strahlen ihre Eltern sowie die restliche Verwandtschaft um die Wette. Auf das Happy End wartend.

„Benedikt ist eine ausgezeichnete Partie“, wischte Lauras Mutter am Vorabend der Trauung die Zweifel ihrer Tochter zur Seite, „er ist wohlhabend, gutaussehend und er liebt dich. Du bist einfach nur aufgeregt. Das ist völlig normal.“

Während Chris die letzten Töne des Liedes spielt, fängt Lauras Herz wild zu hämmern an. Schweißperlen sammeln sich auf ihrer Stirn und ihr Magen krampft sich zusammen. Sollte heute nicht der glücklichste Tag ihres Lebens sein? Warum fühlt sie sich dann derart bedrückt und elend? Es scheint, als würden dunkle Wolken den Trausaal fluten. Dabei scheint die Herbstsonne durch das bunte Glasfenster und hinterlässt farbige Flecken auf Benedikts Anzug.

Der letzte Ton verklingt im Raum. Zwei blaue Augen schauen Laura sehnsuchtsvoll an, während die Oberarme an Spannung verlieren. Verlangen und Mutlosigkeit zugleich liegen in diesem Blick. Lauras Herzklopfen nimmt an Fahrt auf, während sie Chris betrachtet. Er stellt die Gitarre auf den Ständer ab und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Laura weiß, was jetzt auf dem Programm steht. Zuerst die Trauung vor dem Standesbeamten und anschließend kommt ihr Lied. Das Lied von Chris und Laura. Das Lied, bei dem er sie zum ersten Mal geküsst hatte. Das Lied, das seit diesem Zeitpunkt Schmetterlinge in ihrem Bach verursachte. Das Lied, welches zugleich Anfang und Ende der Leidenschaft bedeutet.

Es ist an der Zeit für Lauras Auftritt.

Benedikt erhebt sich und hält ihr auffordernd die Hand hin, damit sie gemeinsam den Bund der Ehe eingehen. Gemeinsam den Weg antreten, in ein gut geplantes, sorgenfreies Leben. Ohne Pizza auf dem Sofa oder Croissants im Bett. Keine Leidenschaft, kein Liebesspiel im Heu, keine Wolkentiere am Himmel.

Erwartungsvolle Stille liegt über dem Saal.

Laura steht auf und räuspert sich. In ihr tobt ein wilder Kampf. Ihr Wangen glühen. Sie schließt die Augen, atmet tief ein. Es gibt keinen Zweifel.

Laura greift nach Benedikts Hand und streichelt sie. „Ich kann nicht“, flüstert sie ihm ins Ohr, „ich habe die Liebe kennengelernt und kann nicht mehr ohne sie leben.“

Laura haucht Benedikt einen Kuss auf die Wange. Dann geht sie auf Chris zu, der sie verwundert anschaut. Sie lächelt und greift nach seiner Hand. Ein Strahlen breitet sich auf dem Gesicht des Musikers aus. Laura zerrt ihn in Richtung Ausgang. Vor der Tür dreht sie sich noch einmal um und schaut in die verwirrten und leicht empörten Gesichter ihrer Eltern. Mit den Lippen formt sie die Worte „es tut mir leid“. Dann wirft sie schwungvoll den Brautstrauß in die Gästemenge und läuft gemeinsam mit Chris die Treppe hinab. Hinaus in ein Leben voller Liebe.



Die Autorin (*1975) wohnt im Taunus. Bisher hat sie zwei geschichtliche Sachbücher sowie einen Roman und einen Krimi in Verlagen veröffentlicht. Kurzgeschichten der Autorin finden sich in verschiedenen Anthologien.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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