Liebe ohne Limit

Dorothea Schug für #kkl3 „Liebe kann…“


Sie beobachtete ihn, wie er an der Spüle stand und in Gedanken versunken das restliche Geschirr vom Vortag abwusch. Die Platte seines liebsten Jazz-Musikers war aufgelegt und er wippte mit den Füßen im Takt. Jede Gabel, jeden einzelnen Teller und die Weingläser säuberte er mit einer solchen Hingabe und Vorsicht, dass es ihr das Herz zusammenzog. Sie beobachtete seine geschmeidigen Hände, die langen Finger, die behaarten Arme, den nass gewordenen Pullover, den er hochgekrempelt hatte und den sie ihm vor einem Jahr aus ihrem Lieblingsladen nicht weit entfernt von der Wohnung mitgebracht hatte. Sie nahm seine gestutzten Haare in Augenschein, den sinnlichen, langen Hals, die breiten Schultern, den festen, trainierten Oberkörper, den man selbst durch den dicken Stoff hindurch sehen konnte, bis hinunter zur kurzen Trainingsshorts die er nur zuhause trug und die nackten Füße, die immer kalt waren, egal wie heiß es draußen oder unter Decken auch sein mochte. Alles an ihm liebte sie.

In sein Aussehen hatte sie sich in der ersten Sekunde verliebt, in der sie ihn hatte an der Bar stehen sehen. Danach war er ihr oft in der Stadt begegnet, aber es brauchte noch zwei weitere Monate, bis sie endlich den Mut fasste ihn anzusprechen. Hätte sie es nicht getan, hätte sie sich einiges ersparen können.

Er schaute sie an. „Und?“ fragte er. „Was?“ Sie hatte seine Frage nicht gehört. „Soll ich dir noch einen Kaffee machen, bevor du zur Arbeit fährst.“ „Nein danke, ich mach mir einen, wenn ich dort bin.“ Er ging ins Bad und sie konnte hören, wie er in die Dusche stieg und das Wasser lief.

Er tat so, als wäre nichts geschehen. Als wäre der gestrige Abend verlaufen so wie jeder normale Abend sonst. Als wäre es nicht eskaliert, als hätte er nicht wieder geschrien wegen einer Kleinigkeit, als hätte er nicht Teller gegen die Wand geworfen und wäre dann nicht mit erhobener Hand auf sie zugekommen. Sie krempelte die Ärmel ihres Hemds herunter, zog ihre Stiefel an, schlüpfte in den langen Trenchcoat und fuhr los zur Arbeit. Sie bekam Komplimente für ihr Outfit, für die perfekt manikürten Nägel und das makellose Make-up. Keinem schien etwas aufzufallen, keiner stellte Fragen. Vielleicht wollte es auch einfach niemand bemerken. Sie stand niemandem hier wirklich nah, es waren Arbeitsbekanntschaften, aber keine Freund*innen. Sie ging aufs Klo, weinte leise und kurz, richtete ihre Haare, legte eine neue Schicht Puder auf und ging zurück zu ihrem Platz. Sie hatte sich auf einen Drink nach der Arbeit mit ihrer besten Freundin verabredet. Sie sagte ab: „Sorry, schaffe es heute Abend doch nicht, bin total k.o. von der Arbeit und muss morgen super früh raus. Lass es uns auf nächste Woche verschieben. Hab dich lieb, sei nicht sauer <3.“

Bevor sie nach Hause fuhr, ging sie einkaufen. Sie wollte heute Abend Linsensuppe mit Fladenbrot machen, sein Lieblingsgericht. Als sie nach Hause kam, war der Tisch gedeckt, die Kerzen waren an und es roch herrlich in der Küche. Es gab überbackene Süßkartoffeln mit frischem Feldsalat, ihr Lieblingsgericht. Das Essen war unglaublich, er hatte sich mal wieder selbst übertroffen. Er erzählte von der Arbeit, sie erzählte von der Arbeit. Nach dem Essen hatten sie Sex. Es war gut, so wie immer. Obwohl sie schon zwei Jahre zusammen waren, war der Sex immer noch umwerfend.

Sie wartete, bis er eingeschlafen war und ging dann vor die Haustüre, um eine zu rauchen. Sie könnte jetzt einfach ihre Sachen packen und abhauen. Auf der Arbeit würde sie niemand vermissen, sie würde schnell etwas Neues finden. Sie hatte sich in dieser Stadt noch nie wirklich wohl gefühlt, sie war damals nur wegen ihm hiergeblieben. Wie oft hatte sie nachts wachgelegen und darüber nachgedacht ihn zu verlassen. So oft, dass sie es schon nicht einmal mehr zählen konnte. Das schmerzhafteste waren nicht die blauen Flecken oder die Blutergüsse oder die Krankenhausbesuche, bei denen jede Ärztin, jeder Arzt, jeder Krankenpfleger und jede Krankenschwester genau wusste, was los war. Es waren auch nicht die Nächte, in denen sie diskutierten, in denen sie sich rechtfertigen musste für Dinge, die sie nie getan, gefühlt oder gedacht hatte. Oder die Sachen, die sie sich anhören musste, die ihr das Herz zerrissen, innerliche Narben hinterließen, die nie ganz verheilen würden. Das, was am schmerzhaftesten war, war die Gewissheit, dass egal was er ihr noch antun würde, egal was er zu ihr sagen würde, egal wie fest er zuschlagen würde: Sie würde ihn lieben, egal was passierte.

Sie drückte die Zigarette aus, lief wieder hoch in die Wohnung, zog Jacke und Schuhe aus und legte sich wieder ins Bett. Sie legte seinen Arm um sich und drückte sich dicht an ihn, sog den Duft seines Körpers auf und fiel endlich in tiefen Schlaf.



Dorothea Schug

„Ich bin 22 Jahre alt und studiere Deutsche Sprache und Literatur sowie Geschichte an der Universität Köln. Seit meiner Jugend schreibe ich Kurzgeschichten, Romane und Gedichte zu den verschiedensten Themen. Vor allem feministische Texte haben es mir angetan.“

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: