Aufrichtige Liebe auf der Schleimspur (Ein Brief)

Peter Biro für #kkl3 „Liebe kann…“

Teuerste Hedwig, meine allerliebste Zuckerschnecke!

Seit unserer zufälligen Begegnung links hinten am kleinen, randständigen Weinstock kann ich an nichts Anderes mehr denken als nur an Dich. Zu schade, dass ich kein Liebhaber der schweren Shirazrebe bin und stattdessen eher zum prickelnden Riesling neige. Aber geschmackliche Differenzen sollten uns nicht davon abhalten, wieder in trauter Zweisamkeit zusammen zu sein. Wer weiss, vielleicht werden wir eines Tages noch in kalkfelsenfester Übereinstimmung zu Rosé-Liebhabern. Aber das nur so nebenbei; was zählt, ist unsere baldige Wiedervereinigung.

Es war so schön mit Dir, Leib an Leib am knorrigen Stamm Deiner Heimatrebe entlang zu kriechen und immer wieder tief in Deine grossen Antennenaugen zu blicken. Damals schautest Du dabei ein wenig verlegen zurück, und allein damit hast Du schon mein farbloses Blut in Wallung gebracht – und mindestens drei meiner vier schlauchartigen Herzen auf einmal gebrochen. Und wenn Dein alter, väterlicher Schneckepotz für eine kleine Weile wegschaute, dann nahm ich Deinen zarten Kriechfuss in die meinen, und drückte Dir mit Wonne mein Atemloch auf Deine mit heissem Atem nach Luft schnappende Trachea. Dabei rieben wir unsere feuchten, vielzahnigen Raspelzungen aneinander, und fühlten uns dabei wie im siebten Stylommatophoren-Himmel, …weisst Du noch, dort unter dem zartgrünen Weinblatt mit der feinen Äderung und dem kleinen, neckischen Reblausfrass? Wir tranken aus demselben glitzernder Tautropfen und schauten vergnügt dem Ballett der tanzenden Raubmilben zu. Ach, war das romantisch!

Du sagtest, Du wärest vordem mit Johannes verlobt gewesen, aber er würde zu sehr dem Rebensaft zusprechen und mitunter verantwortungslos im Kreis rumkriechen. Das mag in Dir schwerwiegende Zweifel an seiner Begattungsfähigkeit geweckt haben. Und das mal ganz abgesehen von seinem unordentlich aussehenden Haus, den er mit voller Absicht – nach der wohlbekannt liederlichen Art französischer Escargots à L’Alsacienne – ganz schräg und betont lässig auf seinem Buckel trägt. Wahrscheinlich glaubt er damit besonders keck zu wirken. Aber Du bist viel zu bodenständig, um auf eine solch lächerliche Nummer hereinzufallen. Schau mal, ich dagegen bin ganz und gar solide. Kein Alkohol bei der Arbeit und auch sonst nur in moderaten Mengen, allenfalls am Wochenende im Kreis der Kumpel vom vergorenen Fallobst. Ich bin jung, stark und überaus schleimig. Auf mich kannst Du bauen – sieh nur wie hübsch ich mein Haus für Dich mit feinsten Moosfasern herausgeputzt habe!

Als Verlobungsgeschenk bringe ich Dir dieses kleine Wirsingblatt, frisch gerupft und schon halb angedaut – ich hoffe, es wird Dir Freude bereiten. Bitte lass uns bald Hochzeit feiern und demnächst unseren vor Verlangen bebenden Keimdrüsen das Wort erteilen. Nur zu gerne möchte ich mit Dir einen ganzen Schauer heissester Liebespfeile austauschen, auf das wir uns gegenseitig befruchten und alsbald viele, herzige, kleine Eier ablegen. Es würde mich nicht sonderlich überraschen, wenn aus unserem heimeligen Gelege einige Dutzend entzückend süsse Rosé-Liebhaber hervorkrabbeln würden. Kann es denn überhaupt ein grösseres Glück als das geben?

Und doch scheinst Du mir manchmal abweisend zu sein. Warum denn nur, liebste Hedwig? Weswegen musstest Du neulich in halsbrecherischem Schneckentempo von 7 Zentimetern pro Minute davonrasen, just als ich endlich meinen ganzen Mut zusammengenommen hatte, um Dir endlich einen wahrhaft unsittlichen Antrag zu machen? Dabei hatte ich mich ziemlich verausgabt mit meinem aufwändigen Balzritual. Wir sollten es nochmal versuchen… kriech zu mir zurück und lass uns einen Neubeginn wagen.

Du kannst unbesorgt meiner Schleimspur folgen; du wirst mich mit offenen Antennen, direkt unter der halb verfaulten Rieslingtraube, antreffen. Ich warte!

Dein Dich unentwegt anbetender Alois

Alois Schneck
c/o Fam. Winkler (am Faden der Winkelspinne zweimal zupfen)
Rebstockzeile 17, Rebe Nr. 28
78001 Weinberg am Südhang




Peter Biro, Jahrgang 1956, ist Professor für Anästhesiologie, Kulturkenner und weitgereister Weltbürger. Der Narkosearzt und Dozent am Zürcher Universitätsspital blickt auf ein breites Spektrum medizinischer Fachbeiträge, schreibt Glossen für Online-Magazine und spricht fünf Sprachen fliessend – wenn er einmal zu Wort kommt. Im Job hat er überwiegend nicht-kommunikative Bewusstlose um sich. Deshalb kompensiert er nach Feierabend das große Schweigen mit dem Verfassen unterhaltsamer Parodien und anderer kurzer Textformen.

Bisher unveröffentlichte belletristische Werke sind «Alles ausser Rand und Band (50+ krude Kurzgeschichten für nervenstarke Leser», die Parodiensammlung «Der Tarator – Eine Gurkensuppe auf literarischen Abwegen», «Reiseberichte aus Absurdistan» (satirische, fiktive Reiseberichte) und einen autobiographischen Roman mit dem Arbeitstitel «Vom Taumeln zwischen den Kulturen», der im Herbst 2021 im Werd & Weber Verlag erscheinen soll.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Aufrichtige Liebe auf der Schleimspur (Ein Brief)

  1. Hallo Peter,
    darf ich Dir sagen dass Du mich immer wieder faszinierst mit Deinen Geschichten, Erzählungen , Deiner Phantasie die ich mit Dir teilen darf.
    Deinen leidenschaftlichen „Brief“ ist wieder ein Beitrag zum Träumen.
    Ganz liebe Grüße aus Wien.

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