Liebe kann Leben sein

Annabelle Bülck für #kkl3 „Liebe kann…“

Sie sitzen nebeneinander. Schweigend. Versunken in ihren eigenen Gedanken. Ihre Beine berühren sich nicht und nur manchmal, wenn der Bus in eine scharfe Kurve biegt und sie nicht rechtzeitig nach der Haltestange greifen könne, stoßen sie mit ihren Schultern aneinander. Nur eine kurze Berührung, ein schneller Blick, eine knappe Entschuldigung. Dann verschwinden sie wieder in ihren eigenen Welten. Ihre Gedanken führen sie zu weit entfernten Orten. Zu den endlosen, weißen Stränden der Karibikinsel und den ausgetretenen Wanderwegen des Schweizer Bergdorfes, wo sie vor wenigen Wochen noch die Sonne genossen und, zumindest für wenige Tage, alle Sorgen vergessen haben. Heute regnet es. Schwere Tropfen prallen gegen die Fensterscheibe, die Landschaft dahinter ist bloß verschwommen zu erkennen. Das Geräusch des prasselnden Regens wird übertönt von lautem Stimmengewirr. Scherzende Jugendliche, streitende Paare, die Selbstgespräche einer alten Dame. All das prallt von dem Schutzschild ab, welches sie um sich herum errichtet haben. Wie die Regentropfen an der Scheibe. Ihre Gedanken kreisen um dieselben Themen, doch sie wissen es nicht. Die Erinnerungen werden lauter und die Geräuschkulissen leiser und sie schließen die Augen, gleichzeitig, als hätten sie sich miteinander abgesprochen. Das Meer funkelt im Sonnenschein, die Wellen rauschen an den Strand. Die Beine werden mit jedem Schritt leichter, das Gipfelkreuz ist schon in Sicht. Sie lächeln und ihre Herzen werden schwer. Die Realität hat sie noch zu sehr im Griff, als dass sie die Sehnsucht nicht spüren könnten. Der Bus fährt eine scharfe Rechtskurve, sie stoßen aneinander, schrecken aus ihren Träumen auf. Einen schnellen Blick und eine knappe Entschuldigung später sind sie erneut in ihren Erinnerungen versunken. Sie sind sich nah, erwecken den Eindruck eines Paares, doch sie sind es nicht. Bloß zwei Fremde, die nebeneinander sitzen. Wenn sie sich später noch einmal über den Weg laufen werden, werden sie sich nicht erkennen. Zu weit entfernt werden ihre Gedanken gewesen sein. Der Regen wird heftiger. Menschen steigen ein, Menschen steigen aus. Ein kalter Windzug durchzieht den Bus, jedes Mal, wenn sich die Türen öffnen. Unbewusst rücken sie näher aneinander. Ihre Beine berühren sich jetzt doch. Sie schweigen noch immer. Ungesagte Worte hängen in der Luft. Niemand spricht sie aus. Es ist der falsche Ort, der falsche Zeitpunkt, es sind die falschen Personen. Sie träumen nicht mehr von ihren Urlaubsreisen, diese wurden mittlerweile von ihren Zielorten verdrängt. Das Abendessen mit Freunden, die Spätschicht. Erwartungen und Hoffnungen, Ängste. Innerlich bereiten sie sich auf die Ereignisse des Abends vor. Ihren Blick richten sie auf die vorüberziehende, verschwommene Landschaft, doch sie sehen diese nicht, nur das Ziel. Sie bemerken nicht, dass ein entgegenkommendes Fahrzeug auf der nassen Straße die Kontrolle verliert. Erst als dieses in die Längsseite des Busses schlittert, die scherzenden Jugendlichen, die streitenden Paare und sogar die Selbstgespräche führende alte Dame zu kreischen beginnen und sie unter Glasscherben und verbogenen Seitenwänden begraben werden, reißen sie die Augen auf und schreien. Ihre Hände finden einander. Sie lassen sich nicht mehr los.




Annabelle Bülck wurde 2004 in Neumünster, Schleswig-Holstein, geboren, wo sie bis heute lebt. Im Moment geht sie in die 10. Klasse eines Gymnasiums, an dem sie voraussichtlich 2023 ihr Abitur absolvieren wird. In ihrer Freizeit verschlingt sie ein Buch nach dem anderen, entwirft eigene Geschichten und musiziert an der Geige oder am Klavier. Schon seit sie denken kann, träumt sie davon, eines Tages ihre eigene Geschichte in Form eines Buches in der Hand halten zu können.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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