25 Jahre später

Daniel Schulz für #kkl3 „Liebe kann…“


Ich nehme an du bist glücklich.

Denn das Glück ist mit den Mutigen.

Und das bist du für mich.


Weil du dein Unglück durchgestanden hast.


Ein Grund, um morgen aufzustehen.

Ein Grund, um weiterhin nicht aufzugeben.

Ein Grund, um trotz allem weiter fort zu leben,

und um der Welt etwas von dir zu geben,

was du mir einst geschenkt hast.


Was Liebe alles kann


Du stelltest mich vor eine Wand

an der es nicht mehr weiter ging,

an der alles was uns verband

auf einmal auseinander ging.


Alles was ich glaubte zu besitzen


verschwand.


Nur ein Funke,

der blieb in mir.


Was Liebe

alles kann.





Lavinia

Lavinia hatte keine Hände. Lavinia hatte keinen Mund. Lavinia stand da und entblößte die Faustabdrücke auf ihrem Rücken. Ich horchte ihrem Herzschlag. Ihre Mutter horchte an ihrer Zimmertür. Wir schwiegen. Er hatte sie die Treppe hinunter gestoßen. Er hatte ihr nicht den Arm gebrochen. Lavinia hielt mich zurück.

Das Glück der Familie war ein Dogma. Man hatte ihm zu gehorchen. Sie war das Schisma dieses Glaubens. Sie war das Unglück der Familie. Er wollte das Unglück beseitigen. Also stieß er sie die Treppe hinunter. Die Familie gab ihm Recht darin. Sie hatte sich daneben benommen. Erst als sie ihnen mit der Polizei drohte, fassten sie Lavinia nicht mehr an. Sie bewahrte sich selbst vor ihrem Glück. Sie bewahrte sich selbst vor ihrem Dogma. Was gut für sie war, warfen sie ihr vor. – Sie riss sich von ihrem Zuhause los.

Es war ein kalter Wintermorgen als es das erste Mal geschah. Wir fanden uns in einer Kneipe wieder, Schulter an Schulter. Sie hielt meine Hand. Fünfzehn Jahre alt. Sie schloss die Augen. Sie lief mit einer Augenbinde durch die Welt. Sie vertraute mir. Wir hatten keine Ahnung, was da auf uns zukam. Es war noch nicht zu ende. Ihre Augenlider schlossen sich. Sie hielt sich an mir, aber nicht an mir fest. Sie war unabhängig. Sie war unabhängig von mir. – Hinter ihren Augenlidern flackerten Ängste. Ich wollte ihr Traumfänger sein.

Es war ein warmer Frühlingsmittag als es das zweite Mal geschah. Ihre Zimmertür konnte nicht mehr abgeschlossen werden. Dass sie eingebrochen waren, machte es ihr möglich auszubrechen. Ihre Schuhe waren weg gesperrt. Sie durchwanderte die Straßen barfuß. Das Jugendamt wusste nichts davon. Ihre Schuhe waren im Schlafzimmer ihrer Eltern. Man hielt ein Stethoskop an ihr Herz, wollte ihre Gefühle wissen. Ihre Eltern hatten ihre Hände in Schubladen gesperrt und den Schlüssel weggeworfen. Es war Hausfriedensbruch in ihrem Herzen.

Es war ein heißer Sommerabend als ich sie am Ausgang der pädagogischen Ambulanz empfing. Sie hatte Glück gehabt und ist vor ihrem Glück bewahrt worden. – Nie wieder nach Hause zurück. Ich hatte nie begriffen, was ihr dort passiert war. Es war ein heißer Sommerabend, als ich sie endlich wiedersah. Sie war aus der Zunge ausgebrochen, die sie ihr herausgerissen hatten. Sie war durch die Vordertür hinaus getreten und winkte zum Abschied den Gitterstäben zu.

Es war eine kühle Herbstnacht, als wir dann getrennte Wege gingen. Ich habe nie begriffen, was ihr passiert war. Ich stand ihm jeden Morgen gegenüber. Wir waren auf zwei verschiedenen Seiten derselben Straße unterwegs zur Arbeit in entgegengesetzten Richtungen, die einander begegneten. Jeden Morgen stand ich ihm gegenüber. Ich habe es nie verstanden. Aus ihrer Kindheit kannte sie ihn. Lavinia hatte keine Hände. Lavinia hatte keinen Mund. Und nebenan, da horchte jemand. Zum Reden gab es keinen Grund. Als sie mich brauchte, lag ich in ihren Armen. Was ihr passiert war brach sie nicht: es zerbrach mich. Es war eine kühle Herbstnacht als wir getrennte Wege gingen. Es war eine kühle Herbstnacht, als mir die letzten Blätter dieser Geschichte zu Boden fielen.

Lavinia hatte keine Hände. Lavinia hatte keinen Mund. – Auf den Stümpfen meiner finde ich meine Hände wieder. Ich habe aufgehört in Schubladen zu denken. Ich durchwandere die Straßen barfuß. Erst später finde ich meinen Mund. Zu allem, was ich sage, schweigen sie, Verstand geschaltet auf Kanal taubstumm.

Sie war der einzige Grund, den ich noch hatte, aufzustehen. Als sie mich brauchte, hielt sie mich in ihren Armen fest. Sie war stärker als ich bin. Die Wunden auf meinen Armen sind Narben geworden. Ich hatte ihr etwas versprochen. Es liegen Scherben auf dem Boden. Ich beginne mich selbst langsam aufzuheben. Ich habe ihr versprochen mich nicht im Stich zu lassen. Ich habe ihr versprochen für sie da zu sein. Ich habe versprochen für sie durchzuhalten, komme was wolle. Sie wollte, dass ich glücklich bin.

An der Stumpfheit meiner Finger rinnt das Blut hinunter. Ich bin das Phantom eines Schmerzes, der sie ist: die Wunde in der ich mich beerdigt habe ist kein Grab. Ich erhebe mich, hebe die Scherben langsam, hebe die Scherben weiter auf. Als sei ich Narziss und das meine Reflexion stehe ich über meine eigenen Trümmer gebeugt und schaue mir die Risse eines Gesichts an, welches meines ist. Und als ob es die Tränen ihrer Augen seien, streiche ich langsam und behutsam meine Trümmer, wische sorgsam alle Scherben weg.



Foto Michael Dylka/Freemind Studios

Daniel Schulz ist Deutsch-Amerikanischer Autor, bekannt für seine Kurzgeschichtensammlung Schrei und seine Arbeit als Kurator der Kathy Acker Reading Room an der Universität zu Köln. Seine Arbeiten erschienen in Der Federkiel, Luftruinen, Die Novelle, The Transnational, Mirage #5, Gender Forum, Fragmented Voices, Divanova, Versification, und der Anthologie Tin Soldier (Saturia 2020). Sein neustes Buch ist Kathy Acker in Seattle (Mis-Fit Lit 2020).

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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