Laute Liebe – leise Liebe

Lena Neukirchen für #kkl3 „Liebe kann…“


„Ich liebe dich.“ Ilse schrie. Ihr Mund sperrte sich auf, die Kehle spannte sich an und die Laute wurden hinausgetrieben. Mit aller Kraft, die Ilse aufbringen konnte. „Ich liiiiiiebe dich.“
Sie donnerte diesen Satz hinaus. Wollte ihm größtmögliche Bedeutung verleihen. Thorben sollte verstehen.
Ilse hatte ein Maßstab für Gefühle. Kleine Gefühle waren leise. Große waren laut. Diese Liebe für Thorben war der neue Endpunkt dieser Skala. Also musste Ilse schreien wie noch nie. Die Kehle aufscheuern. Alle Laute verbrauchen. Sich müde brüllen. Und den lauten Ausdruck von Gegenliebe genießen. Doch genau der blieb aus. Thorben schaute sie verwirrt an. Ilse seufzte. Was schrie sie sich hier die Liebe aus dem Hals, wenn Thorben es eh nicht hörte? Aber sie hatte gehofft, dass der weite Mund und die Schreifratze für sich sprachen.
Thorbens Finger füllten den Raum zwischen ihren Körpern mit einer Sprache, die Ilse erst allmählich lernte, aber sie konnte sich vorstellen, was er fragte. „Was schreist du?“
Ilses Eltern hatten nur brüllend miteinander geredet, als sie sich geliebt hatten. Ich lieb dich doch, du Idiot. Aber irgendwann war die Liebe fort und ihre Eltern wurden leiser, bis sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Schließlich standen zwei stumme Gespenster neben den gepackten Koffern. Ihre Beziehung endete in Stille und Ilses startete damit. In ihr wallte Panik auf. Erstickten den neuen Versuch, ihn anzuschreien.
„Ich liebe dich.“, schrieb sie auf einen Zettel und schob ihn zu ihm. Ihre Schultern sackten herab. Wie kläglich erschienen ihr die Worte. Ein großes Gefühl musste laut sein und jetzt versickerte es in Stille. Thorbens Lippen senkten sich auf das Papier. Ein Kuss. Ein Geräusch, das die Geräuscharmut durchdrang.
„Die Liebe hat ihre eigene Sprache.“, setzte er unter ihre Worte. „Sie ist nicht laut. Nicht leise. Sie kann sprechen ohne Stimme. Hören ohne Ohren. Fühlen ohne Kopf oder Herz. Schmecken ohne Zunge. Sag mir nicht, ich liebe dich, zeig es mir stattdessen.“
Ilses Blicke folgten seinen Bewegungen und sie ahmte sie nach. Zeigte auf sich. Legte die Hand aufs Herz und lauschte einen Moment. Wies dann auf ihn und ihre Fingerspitzen berührten sich in dem Moment. Ilse spürte, wie die Liebe in ihren Kuppen kribbelte. Über ihren Fingern trafen sich die Münder und erzählten einander von der Liebe. Ganz leise. Beinahe still. Und gleichzeitig in ihrer eigenen Sprache so laut wie nichts auf der Welt.




Lena Neukirchen wurde 1997 in Lünen geboren. Heute studiert sie in Münster Germanistik und Geschichte. Seit vielen Jahren nimmt sie an der Ferienakademie des Literaturbüros in Unna teil und feilt dort mit der Hilfe von erfahrenen Autor:innen an ihrem kreativen Schreiben. 2020 hat sie den Schreibwettbewerb „Schaffen und Scheitern“ des Theater- und Konzerthauses Solingen gewonnen und mit ihrem Text „Die Seile rissen“ steht sie in der Anthologie „Ukraine – Ansichtssachen“.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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