Liebeslieder

Kristina Baumgarten für #kkl3 „Liebe kann…“


Neulich wurde ich Zeugin eines seltsam melodischen Gesprächs über die Liebe und deren verschiedene Möglichkeiten. Ich erkannte einige der Teilnehmer dieser zweitweise recht laut geführten Diskussion. Die Lautstärke war naturgemäß die Folge der besonderen Art und Weise, in der diese Persönlichkeiten miteinander umgingen.

Mit der Frage: „What ist love?“ eröffnete ein nicht mehr ganz jugendlicher Herr die Diskussion, den ich als Haddaway identifizierte, und der mit eben jenem Titel in den 1990ern einen Riesenhit gelandet hatte.

„Liebe kann so weh tun doch sie gibt auch viel“, entgegnete sofort Marianne Rosenberg, ein immer noch zierliches Persönchen. Ihre Antwort war wohl ein bisschen zu allgemein gehalten, denn sofort mischte sich eine ältere Dame ein.

Connie Francis schob Marianne einfach beiseite und sang lauthals: “Die Liebe ist ein seltsames Spiel“.

Das wiederum empfand eine weitere ältere Dame als nicht passend und ging energisch dazwischen: “Lass die Liebe aus dem Spiel!“ Eine ganz klare Anweisung von Anita Lindblom.

Dieser widersetzte sich allerdings Juliane Werding vehement mit der Aussage: „Ein Spiel, das man Liebe nennt“.

Nicht gewillt, den Damen das Feld bzw. Spiel komplett zu überlassen, drängte sich von hinten ein Herr von beachtlicher Statur im weißen Glitzeranzug dazwischen, der zudem mit seinem außergewöhnlichen, frontalen Haarstyling Aufsehen erregte. Elvis ergriff energisch ein Mikrophon, um sich deutlich mehr Gehör zu verschaffen als seine Vorsängerinnen, schlackerte kurz mit der noch immer ansehnlichen Hüfte und hauchte: “Love me, tender, love me sweet“, wurde aber auf der Stelle gestoppt, weil das der gesuchten Erklärung für die Liebe keinen Schritt näher kam und grundsätzlich am Thema vorbei war, wie Roland Kaiser lakonisch feststellte mit der Aussage: „Liebe kann uns retten.“ Aber wovor? Aus den Antworten resultierten immer neue Fragen, ganz wie in der Liebe selbst.

Einen etwas peinlichen Zwischenfall verursachten Hall & Oates mit „It`s a Laugh“, fast augenblicklich unterbrochen von einem lauten Gewisper der Umstehenden, welche das Duo diskret auf den phonetischen Irrtum hinwiesen und umständlich den Unterschied zwischen der Bedeutung von laugh und…

Vier Pilzköpfe drängten sich fröhlich durch die Menge und sangen vielstimmig: „All you need is love“, was aber bisher auch niemand angezweifelt hatte.

Vicky Leandros betonte daraufhin beinahe pathetisch: „Ich liebe das Leben“ Davon konnte sich zwar kaum jemand frei machen, näher brachte es die Beteiligten der Lösung aber nicht.

Nicht ganz unpassend trällerte eine Griechin mit auffälliger Brille: „Lieder, die die Liebe schreibt“, aber Nana Mouskouri kam nicht weit.

Eine dunkle Hand tastete vorsichtig nach dem Mikro, bekam es zu fassen und zog es nah an sich heran. Gespannt drehten die anderen sich um. „Stevie! Mensch, lange nicht gesehen…“ Für einen kurzen Moment breitete sich Stille aus, aber Mr. Wonder ging gewohnt lässig über die peinliche Situation hinweg. Er erklärte mit einem wundervollen Timbre in der Stimme: “I just call, to say, I love you!“

Bevor jemand ihn darauf hinweisen konnte, dass auch das keine ganz passende Antwort sei, grölte Campino von den Toten Hosen ein: „Alles aus Liebe“ dazwischen. Darauf reagierte jedoch genauso wenig jemand wie auf Elton Johns Frage: „Can you feel the love tonight?“

John Miles unterbrach ihn kurzerhand, indem er sich räusperte, bevor er leise und beinahe operettesk begann: “Music was my first love, and it’ll be my last“.

Ergriffen sahen die Musiker einander an. Ja, darauf konnten sie sich einigen, dass die Musik ihre größte Liebe war, ist und bleibt.

Und mit der Liebe in Form von Tönen konnte jeder alles bewegen, oder wie Celine Dion es zum Schluss noch einmal glasklar auf den Punkt brachte: „Love can move mountains“.

War das die Antwort? Bis zu dieser Frage war ich in Gedanken gekommen, als ich aufwachte. Ein mir seltsam vertrautes, wunderschönes junges Paar stand Hand in Hand vor meinem Bett. „Liebe bedeutet, niemals um Verzeihung bitten zu müssen“, erklärte Ryan O´Neal ernst, während Ali MacGraw bezaubernd lächelte. Sowohl das Buch von Erich Segal als auch der Film „Love Story“ sind mir durchaus bekannt. Über den Satz, zweifelsohne aus dieser Quelle stammend, dachte ich kurz nach. Er fällt nicht, wie man denken könnte, zwischen Oliver und Jenny, den Liebenden, sondern ist von Oliver gegen Ende des Films an seinen Vater gerichtet und läutet beider Versöhnung ein. Zufrieden nickte ich den beiden zu, sie winkten zum Abschied und verließen über den Balkon meine Wohnung.

Das war vielleicht nur eine von vielen Erklärungen, aber eine, mit der ich durchaus leben konnte. Wohl deswegen wachte ich nun endgültig auf. Ein anderes Problem löste das im Schlaf gelöste allerdings für den Rest des Tages ab: Ohrwürmer, die mich den ganzen Tag begleiteten.



Kristina Baumgarten

Autorin, Texterin, Redakteurin, Lektorin

1968 in Oberhausen mitten im Pott geboren. Station gemacht in Waltrop statt Dortmund, in Leverkusen statt Köln, in Offenbach statt Frankfurt und in Murcia statt Madrid für viel zu kurze Stippvisiten. 2003 kehrte sie an den Niederrhein zurück, wo sie bis heute mit drei Generationen ihrer Familie plus Familienhund unter einem Dach lebt und arbeitet.

Den ersten Schreibwettbewerb gewann sie in der Grundschule (für eine Freundin, im Tausch gegen Mathehausaufgaben), den ersten Gedichtwettbewerb in Köln an der Uni, zum Dank erhielt sie einen Gedichtband mit persönlicher Widmung von Hans Bender. Inzwischen unter eigenem Namen veröffentlicht hat sie einige Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien und Literaturzeitschriften.

Nach dem (Um-) weg über eine kaufmännische Ausbildung studierte sie Germanistik und textete in einer Werbeagentur. Derzeit ist sie als Textredakteurin einer lokalen Zeitschrift, freie Journalistin, Werbetexterin und Lektorin beschäftigt und führt nebenbei einen kleinen Laden für Hundefutter.

www.baumgarten-nrw.de

https://www.facebook.com/kristina.baumgarten1/

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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