Liebesszenen

Margit Heumann für #kkl3 „Liebe kann…“


Liebe kann einschlagen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die erste Begegnung purer Zufall und Neugier, wer ist er, wie denkt sie, welche Einstellung hat er, wie sieht sie die Welt. Was daraus wird, keine Ahnung, das willst du so am Anfang gar nicht wissen, zu groß die Angst, dass das Gewusste dann doch nicht geschieht. Vorerst trifft Flirtgehabe auf Balzverhalten, zusammen Kaffee trinken, einen Gipfel besteigen, ins Kino gehen, alles schön und gut, muss noch nichts heißen. Den entscheidenden Kick gibt ein Zigeunerorchester, schöne Männer mit bronzener Haut, schmalzigen Locken, feurigen Augen, und die Stimmen von Gitarren, Akkordeon und Geigen singen, jubeln, schmachten von Leidenschaft, Lust und Melancholie, und sein Arm um ihren Nacken, ihr Kopf an seiner Schulter, ihre Hand zwischen seinen Beinen, seine Hand in ihrem Ausschnitt und Augen zu beide und schweben auf Tönen.

Wochenendbeziehung, mehr ist nicht drin. Sie am Freitagmorgen aufgeregt und vorfreudig, und er schon am Vorabend die Tasche gepackt und gleich nach der Arbeit los, vier Stunden Autofahrt, und dann liegen sie sich in den Armen, hängen sich an den Lippen, riechen den Duft, kosten Geschmack und Haut berührt Haut. Er liebt ihre langen Haare, ich möchte mich in deiner Mähne verstecken, und sie liebt seine wenig behaarte Brust, ich mag keine testosterongesteuerten Männer, es ist ein Erforschen auf beiden Seiten mit Erstaunen und Entzücken und manchmal Betroffenheit. Viel zu kurz ist das Wochenende bis er so spät wie möglich fährt, für den einen so traurig wie für die andere, und ihr Trost ist der Blick in die nahe Zukunft, nächste Woche sehen wir uns wieder, und die unausgesprochene Hoffnung auf übernächste.

Im  Sommer eine Reise zum Nordkap, nur sie und er, er und sie. Eine Woche am Polarkreis, einen endlosen Tag ohne Nacht, wenn Abenddämmerung und Nordlicht und Morgenrot ineinander übergehen. Danach ist für ihn alles klar, ich liebe dich auf ewig und drei Tage, zielstrebig marschiert er Richtung für immer. Sie liebt ihn unsterblich, doch so einfach kann Liebe nicht sein, sie braucht die Probe aufs Exempel. Wohl wissend, was sie ihm zumutet, heuert sie für den Herbst auf einem Kreuzfahrtschiff an, ein langgehegter Traum, jetzt oder nie, wenn er das gutheißt, dann ist alles gut.

Aber nichts ist gut. Ein Schatten fällt auf die Liebe, wirft ein Licht auf seine Gesinnung. In der Folge schießt er sich selber ins Knie und ihr mitten ins Herz mit Plänen für den Bund fürs Leben, für Nestbau, Ringekauf und Elternglück, so zufällig dahin gesprochen wie ihre Begegnung ein Zufall war, und sie, befremdet, versucht die Unwörter ins Lächerliche zu ziehen, droht ihm mit dem Finger, um zu retten, was schon nicht mehr zu retten ist, bis er im Ernst verkündet, wenn du wiederkommst, meine Prinzessin, küsse ich dich ohne Pause, dann geben wir ein rauschendes Fest und du wirst meine Königin und in der Hochzeitsnacht mach ich der Königin ein Kind, so malen sich doch alle Mädchen ihre Märchenzukunft aus.

Was redet er da, sie ist nicht alle Mädchen, ihr graut vor weißem Kleid und Orgelklang und Brautstraußwerfen und Pseudohochzeitsnacht und unversehens vor ihm, der sie zum Objekt seiner Lebensplanung degradiert und sich offensichtlich für den Prinzen hält, von dem sie nie geträumt hat. Bei solcher Zukunftsperspektive verglüht ihre Liebe wie Weltraumschrott beim Eintritt in die Erdatmosphäre, unter Schmerzen und irreparabel. Er jedoch zuckt die Schultern, sie hat eben nicht in sein Weltbild gepasst. So schnell kann Liebe enden.



Margit Heumann

Geboren und aufgewachsen in Vorarlberg, verheiratet, zwei Töchter. Lebte mehrere Jahre in England und der Schweiz, lange in Deutschland, derzeit in Wien und Nürnberg. Seit 2007 erfolgreiche Teilnahme an Schreibwettbewerben, Einzelveröffentlichungen in Print und E-Book, zahlreiche Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien sowie Video- und Audio-Auftritte. Mitglied bei Wortkünstler Mittelfranken, Autorenverband Franken, Literatur Vorarlberg und IG Autorinnen und Autoren. Mehr auf www.margitheumann.com

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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