Frau Nili

Stefani Kopetschke für #kkl4 „Vertrauen“


Hören Sie, das ist eine wahre Geschichte, gewissermaßen aus erster oder doch eher aus zweiter Hand, der Junge strandete nämlich im Dachbodenbüro meiner Freundin Nili. Viele Geschichten, die sich durch Wüsten, Wald- und Lagerlandschaften gekämpft hatten, finden bei ihr eine vorläufige Rast. Dürfen für eine Stunde oder zwei einen Punkt setzen oder einen Gedankenstrich, bevor sie weitermüssen im neuen Land der neuen Überforderungen. Aus all diesen Geschichten wähle ich eine aus, an der sich vieles zeigen ließe, vielleicht sogar das gesamte In-diese-Welt-hineingeboren-Sein, aber wir müssen uns auf einen Aspekt konzentrieren.

Der Junge war, wie viele Jungen, den langen Weg allein gegangen, über die Berge, wo an den Wegrändern gefroren die Toten lagen, über die Grenze, an der geschossen wurde vom Morgengrauen bis zur letzten Stunde des Tages und auch in den Stunden dazwischen. Er hatte seine schmerzenden Knochen von denen der anderen nicht mehr unterscheiden können, als sie zu viert im Kofferraum lagen, er hatte sich in Containern und unter LKWs versteckt, Sie können das alles nachlesen, es dauert Monate, es dauert Jahre, der Junge hatte nichts als sich und das Glück, im Sommer anzukommen. Da wusste er noch nicht, dass die Gesichter in Deutschland heller sind im Sommer.  Manchmal dachte er, dieses Kind hat mich doch angelächelt, hat es mich nicht freundlich angeblickt? Im Winter dachte er das seltener.

Noch größer als die Traurigkeit des Jungen ist sein Mut. Sein Mut übersteigt vorerst alles. Er lernt. Er formt die schüchternen Lippen zu Konsonatenfolgen, er sagt entschuldigen Sie bitte, wo finde ich die Biotonne, den Fahrkartenautomaten, die Ausländerbehörde? Er erwirbt ein Sprachzertifikat und ein nächstes und ein nächstes und ein nächstes und das ist dann B2. Sollten Sie sich einmal um den Erwerb des Persischen oder auch nur des Spanischen bemüht haben, wissen Sie was das heißt, B2, und würden den Jungen vielleicht gerne beglückwünschen. Darüber würde er sich sicherlich freuen, und er würde Ihnen erzählen, dass er noch weiter will. Er ist zu einem Schulabschlusskurs angemeldet. Legt man das Schlimme und das Gute seines Lebens auf die Waage, bewegt sich diese zum ersten Mal seit langem zitternd auf ein Gleichgewicht zu. Der Junge findet eine Wohnung für sich und zwei Freunde, bald können Sie einziehen, bald. Die Vermieterin klingt vertrauenerweckend, als sie um die vorzeitige Unterzeichnung des Mietvertrags bittet. Die Freunde bezahlen und wohnen so lange in einem Kellerraum im Haus der Vermieterin. Bis dem Jungen dämmert, dass diese Wohnung niemals frei werden wird. Das berichtet er dem Jobcenter, das ja die Mietzahlungen übernimmt. Das Jobcenter sendet eine Beschwerde an die Vermieterin, die schreit den Jungen an: Vertrauensbruch sondergleichen, wie konntest du mich so hintergehen!  Aber eine Wohnung hat sie noch immer nicht.

Daraufhin bringt das Jobcenter den Jungen im Obdachosenheim unter, in einem Doppelzimmer mit Ole, der nett ist, aber zu viel kifft. Manchmal kifft der Junge mit, aber dann macht er Ramadan, um seinen Gott zu besänftigen, bitte Gott, gib mir ein ruhiges Zimmer und einen Kopf zum Lernen. Wie der Junge da betet, ohne ein Bier und ohne einen Joint, wird es dem eigentlich netten Ole unheimlich. Er kann es sich nicht anders

erklären: Da ist ein Islamist in meinem Zimmer, das teilt er der 110 mit, flüsternd, auf dem Flur. Zwanzig Minuten später ist der Junge in Handschellen, die Beamten reagieren nach all dem panisch auf Islamisten, vielleicht schreien sie, aber das kennt der Junge schon, das ist nicht das Entscheidende. Es ist dieses nicht enden wollende wir wissen alles, wir wissen alles über dich, wir kennen dich, wir wissen alles, wir wissen alles über dich, wir kennen dich, immer wieder wir kennen dich.

Und wenn du jetzt nichts sagst, dann ist Schluss mit Deutschland, finito, verstehst du das? Das versteht er, aber er weiß nicht, was er sagen soll, anscheinend wissen die Polizisten mehr über ihn als er selbst, kennen die Polizisten ihn besser, als er sich selbst kennt. Als sich keine Islamismus-Spuren auf seinem Handy finden, darf er gehen. Er, der doch geflohen war vor den Fundamentalisten! Das ist doch der Grund seines Hierseins! Den ihm die Polizisten nicht glauben wollten, obwohl er doch all das schon bei seiner Ankunft zu Protokoll gegeben hatte!

Jetzt, wieder auf der Straße, weiß auch er nicht mehr, warum er hier ist, ob er hier ist, und wer der Mensch sein soll in seinem mageren Körper. Er sieht die Tauben auffliegen und kann sich nicht daran erinnern, jemals solche Vögel gesehen zu haben. Auch der Weg in die Obdachlosenunterkunft will ihm nicht mehr einfallen und auch nicht, wie er je wieder ein Zimmer mit Ole teilen könnte. Stattdessen ist sein Kopf angefüllt mir diesen Stimmen, die ihn nicht mehr loslassen: Wir kennen dich! Als die Tauben über die Hauptwache hinweggeflogen sind, nimmt ihn jemand, vielleicht ein junger Mann, der früher  einmal ähnlich gestanden und ähnlich geschaut hatte, bei der Hand und sagt: Wir sollten zu Frau Nili gehen.

Die seither gemeinsam mit dem Jungen nach unversehrt gebliebenen Wurzelenden des Vertrauens sucht. Ein neues Zimmer findet, die Vermieterin verklagt, ihn zum Arzt begleitet.

“Diese Tabletten, die der Arzt dir verschrieben hat, werden die Polizistenstimmen in deinem Kopf zum Schweigen bringen.”

“Woher weiß ich, dass das stimmt? Vielleicht kommt dann der Arzt in meinem Kopf?“

“Aber nein, der Arzt wird nicht in deinen Kopf kommen.”

“Wie kann ich dem Arzt vertrauen?”

“Du könntest mir vertrauen. Meinst du, das würde gehen?”

“Ich will es versuchen. Für heute will ich dir vertrauen. Was morgen sein wird, wer kann das wissen.”



Stefani Kopetschke studierte an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und spielte 15 Jahre lang in einem Rundfunksinfonieorchester. Nach einem Studium der Philosophie und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin ist sie nun Fernsehdokumentarin beim NDR.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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