The map is not the territory

Bernhard Horwatitsch ein Essay für #kkl4 „Vertauen“


He defined philosophy as the finding of bad reason for what one believes by instinct. As if one believed anything by instinct!
Finding bad reasons for what one believes for other bad reasons–that’s philosophy. (
Mustapha Mond)

Einer der bekanntesten Sätze des deutschen Philosophen und letzten Metaphysikers G.W.F. Hegel lautete was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig, aus seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts. Dieser Satz ist natürlich idealistisch gedacht. Denn Hegel war klar, dass wir weder schon so vernünftig sind, um wirklich zu sein noch so wirklich, um ganz vernünftig zu sein. Es müsste uns alles (wirklich alles) bewusst vor Augen liegen und erst dann wäre es wirklich und unsere Vernunft am Ziel angelangt. Sehr vieles ist uns nicht bewusst und damit auch nicht wirklich. Die menschliche Natur ist im hegelschen Sinn sogar widervernünftig eingerichtet. Um wirklich zu werden, müssten wir die Natur überwinden, doch sehr bald geht es anders zu: die Natur überwindet uns. Der Moment, wo sich Vernunft und Wirklichkeit treffen, wäre die Negation der Negation. Vielleicht ist das auch nur ein Gewöhnungseffekt. Schließlich komme ich mir selbst meist viel wirklicher vor, als mir meine Mitmenschen wirklich erscheinen.

Der Mensch ist automatokratisch


Allein zur Aufrechterhaltung unserer autonomen körperlichen Vorgänge wie Atmen, Verdauen, Blutzirkulation, Zellerneuerung verbrennt ein nur still da sitzender und nichts tuender 70 Kilogramm schwerer Mensch 70 kcal pro Stunde. Eine kcal ist die Energiemenge die man benötigt, um Wasser um ein Grad zu erhitzen. Rechnet man dies um, so verballert dieses still dasitzende und noch völlig nutzlose Lebewesen  Mensch über einen ganzen Tag so viel Energie, wie man bräuchte, um Wasser auf 2000 Grad zu erhitzen. Dieser Mensch tut nichts weiter als atmen und scheißen. Er hat also noch nichts geleistet und nichts gelernt in seinem Leben und verbrennt 8 Megajoule am Tag, was in etwa 2 Kilowattstunden Energie entspricht, ein Drittel eines durchschnittlichen Stromverbrauchs eines 1Personen-Haushaltes pro Tag. Dieser Vorgang ist uns nicht bewusst. Atmen funktioniert von ganz alleine. In der Medulla oblongata liegt das Atemzentrum und ich muss nichts dafür tun, weder etwas leisten noch lernen, um zu atmen. Auch wenn der gesundheitsbewusste Mensch des 21. Jahrhunderts regelmäßig seine Atemübungen macht, muss man ihn nicht erinnern zu atmen.
Meine Darmperistaltik treibt den oral zugeführten Speisebolus völlig eigenständig in nur eine Richtung. Und selbst wenn der Speisebolus mal in die andere Richtung geht (wenn Listerien, EHEC oder anderes Kleintier die industriell verfertigte Nahrung belagert) kann ich es kaum beeinflussen. Einzig zu schlucken scheint noch von meinem Willen abhängig. Aber auch der Schluckreflex ist unwillkürlich und wird vom Nervus glossopharyngeus gesteuert. Ohne mein Zutun verschließt der Kehldeckel beim Schluckakt meine Luftröhre und der Bolus rutscht so automatisch in die Speiseröhre. In diesem Augenblick atme ich automatisch nicht. Wer in diesem Moment Luft holen muss, weil er erschrickt, erstickt.  Da wir mithilfe von 26 Muskelpaaren ca. 2000-mal am Tag schlucken müssen, sollten wir nicht allzu schreckhaft sein.

Der Mensch ist eine spukende Batterie

Nun erwacht der Geist dieses noch ganz unnützen und unwirklichen Menschen zum Leben und fragt sich als erstes: Bin ich okay? Um sein Bild von sich selbst aufrecht zu erhalten, seine Neigungen, Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und zu verstehen benötigen wir erneut Energie. 100 Milliarden Nervenzellen mit je 10.000 Verknüpfungen feuern Tag und Nacht. Sie funktionieren scheinbar ähnlich wie eine Duracell-Batterie. Natrium fließt in die Nervenzelle, Kalium fließt aus der Nervenzelle. So entsteht Elektrizität in ihr. Sie schüttet daraufhin Neurotransmitter aus, die nach dem Schlüssel-Schlossprinzip die nächste Nervenzelle zum Feuern anregen. Das Gehirn macht das den ganzen Tag und die ganze Nacht. Dank eines Kühlsystems (Liquorflüssigkeit)  fängt das Gehirn kein Feuer, auch wenn so manchen gelegentlich der Kopf raucht. Für das Gehirn ist das gewissermaßen Routine. Zugleich geht es im Innern der Hirnkugel gespenstisch und quantenphysikalisch zu. Synchronizitätserlebnisse wie sie Wolfgang Pauli im Briefwechsel mit C.G. Jung beschrieben hat, erleben wir regelmäßig in unseren Träumen.

Wahrnehmen ist für wahr nehmen


Kommt ein weiser alter rauschebärtiger Fisch bei drei Jungfischen vorbeigeschwommen und fragt: „Moin Jungs, wie ist das Wasser?“, und schwimmt weiter; die drei Jungfische glotzen ihm nach, sehen sich an und fragen: „Was zum Teufel ist Wasser?“, und schwimmen weiter.
Sobald wir unsere Augen öffnen sehen wir. Vorausgesetzt unser Sehapparat funktioniert. In einem komplexen Zusammenspiel muss das Auge  Blickzielbewegungen durchführen, um die unterschiedlichen Lichtverhältnisse gleichmäßig auf die Rezeptoren zu verteilen. Zwischen den Blickzielbewegungen bleibt ein Rest von 30 Millisekunden übrig. In dieser Zeit sind wir alle blind. Unsere fehlende Wahrnehmung wird durch unser Wahrnehmungsgedächtnis im präfrontalen Cortex kompensiert. Nicht nur was der Mensch nicht sieht, kennt er nicht, auch das was er nicht kennt, sieht er nicht. Auch dafür muss ich nichts tun, nichts leisten oder lernen. Es geschieht durch Zauberhand von selbst. Die Pythagoreer behaupteten, es gäbe eine Sphärenmusik die von den Planeten ausgehe. Wir können sie nur nicht hören, weil sie immer klingt.

Der Mensch ist schnell fassungslos

Dieser nun erwachte Mensch ist eine Insel und entscheidet selbst, wer auf seine Insel darf. Gehen wir eine Strecke von 15 km, dann sind gerade 15 mm  davon bewusst wahrgenommen worden. Was wir wahrnehmen, entscheiden wir. Wir sind von unseren Interessen gesteuert. Dafür erzeugt unser kognitiver Apparat Aufmerksamkeit (attention zu rufen lehrte man die Maina auf Pala). Manches beachten wir, manches nicht. Dafür zuständig ist nicht unser Großhirn, sondern das Zwischenhirn. Entscheidung über wichtig und unwichtig werden im Thalamus getroffen. Schon der Griff zum Wasserglas ist mir nicht bewusst. Die Körperzellen meldeten ein Ungleichgewicht, einen Verlust der Homöostase und das unwillkürliche Nervensystem erzeugt das Gefühl von Durst. Die Entscheidung zum Wasserglas zu greifen fällt vor meinem bewussten Durstgefühl.  Im Alter verlieren viele Menschen ihr Durst- und Hungergefühl, weil die Körperzellen nicht mehr optimal reagieren und die Nervenbahnen verlangsamt Meldung machen. Dies nennt man Allopathie.
Manche Menschen sind ganz achtlos, andere wiederum achtsam. Achtsamkeitsübungen gehören inzwischen zum Repertoire des modernen Menschen. Es gilt inzwischen als belegt, dass achtsame Menschen sich nicht sozialer verhalten, als unachtsame Menschen. Bei unserer morgendlichen Routine achten wir eher selten auf die einzelnen Abläufe. Würden wir das einmal beachten, würde uns auffallen mit welcher exakten Regelmäßigkeit wir uns morgens verhalten. Unsere Routinen gleichen einer perfekt einstudierten Choreografie. Aufstehen, Zähne putzen, duschen, Kaffee kochen, Computer anschalten, Emails checken. Erst wenn etwas schief geht beim Ablauf dieser Routinen bemerken wir sie. Zwei Drittel unserer 100 Milliarden Nervenzellen befinden sich im Kleinhirn, das für das unbewusste Planen zuständig ist. Im Großhirn findet vor allem eine Art Rückkopplung statt – eben Quantenphysik.
Herr Meier besitzt, ein Haus, zwei Autos, zwei Kinder und eine Frau. Genau in dieser Reihenfolge. Aber Herr Meier besitzt nur ein Badezimmer. Daher hat sich eine Routine eingespielt. Zuerst steht die Frau auf und wäscht sich, dann die Tochter. Die Frau macht derweil schon das Frühstück für den Mann. Wenn die Tochter fertig ist, darf der 13-järhige Sohn ins Bad und dann weckt er den Vater. Das ist der übliche morgendliche Ablauf bei Familie Meier. Und wenn alles so läuft wie immer, dann ist das für Herrn Meier und die gesamte Familie ein guter Morgen. Er entspricht der Routine. Es gibt keinerlei Stress, alles ist wie immer!
Jetzt ist es Dienstagmorgen. Und zufälligerweise klingelt der Wecker einmal nicht für Frau Meier. Ihr Recht ist es, als erste aufzustehen. Und ihr Recht ist es, das Frühstück zu machen. Doch an diesem Morgen versagt der Wecker und was geschieht nun? Hektik. Frau Meier weckt die Kinder, sagt, sie sollen sich schnell in der Küche die Zähne putzen, weil Papa es eilig hat, er hat einen wichtigen Geschäftstermin. Herr Meier hat meist wichtige Geschäftstermine. Nun weckt die Frau ihren Mann. Außerhalb der Routine! Als Herr Meier die Augen aufmacht, weiß er erst nicht, was los ist. Seine Alarmglocken fangen, als er langsam begreift, zu läuten an. Er springt aus dem Bett. Stress sorgt für Denkblockaden. Er braucht wesentlich länger, um den Sachverhalt zu begreifen. Dann im Bad – hektisch wie er ist, verbrüht er sich auch noch, weil das Wasser nicht gut reguliert ist. Das liegt nicht am Wasser, sondern daran, dass er es selbst nicht richtig reguliert hat. Auch das ist eine Folge von Stress, dass Handlungsabfolgen nicht mehr optimal funktionieren. Schließlich stößt er sich auch noch an der Anrichte, die er sonst immer lässig umkurvt. Folge von Stress ist es, dass unsere Feinmotorik abnimmt. Dann will er wenigstens noch einen Kaffee, um den Morgen zu retten. Aber seine Frau hat kein Frühstück gemacht! Jetzt ist das nicht mehr seine Frau!! Sie ist eine dumme Gans. Herr Meier fährt mit seinem Auto Richtung Arbeit. Der Verkehr ist wie immer zähflüssig, aber Herr Meier flucht und schimpft über die anderen Verkehrsteilnehmer.  Endlich ist er da und eilt ins Büro. Er muss in den 22. Stock. Der Aufzug funktioniert auch wie immer. Aber! Er hält noch einmal im 20. Stock. Und nun geht die Tür auf, gaaaanz laaangsaam! Folge von Stress ist es, dass sich das Zeitgefühl verändert, sich dehnt. Denn das macht Sinn. Es sind Kampfhormone die wir da bereitstellen und es bleibt uns dadurch subjektiv mehr Zeit um zu fliehen oder zu kämpfen. Die Pupillen sind erweitert damit wir mehr sehen, das Herz pumpt und schlägt intensiver um besser zuschlagen zu können oder schneller wegzulaufen. Die Darmperistaltik ruht und der Harn wird zurückgehalten, da wir auf  fight or flight Modus laufen und es nicht hilfreich wäre auf die Toilette zu müssen. Der ohnehin durch die täglichen Anforderungen in der Arbeit erhöhte Blutdruck von Herrn Meier ist nun am Anschlag. Seine noch leicht verträumte Sekretärin – sie weiß ja nicht, dass Herr Meier von seiner Frau verraten wurde – lässt sich Zeit dabei, die zur Arbeitsroutine gehörenden Unterlagen in das Büro zu bringen. Herr Meier brüllt und greift sich an die Brust. Plötzlich fühlt er einen Schmerz wie er ihn noch nie gefühlt hat, als hätte ihm jemand ein Schwert in die Brust gerammt. Kalter Schweiß bricht aus und er bekommt keine Luft mehr. Entsetzt über den Anblick ihres Chefs, lässt die Sekretärin die Unterlagen auf den Boden fallen, kurz darauf kippt ihr Chef den Unterlagen hinterher. Schuld an der Misere war Frau Meier, die das Stammhirn ihres Ehegatten aktivierte.

Der Mensch bleibt was er tut


Vielen Menschen fällt es ausgesprochen schwer das Rauchen aufzugeben. Man spricht hier von einer stoffgebundenen Abhängigkeit. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit, denn das für die stoffgebundene Abhängigkeit zuständige Nikotin  macht nur einen geringen Teil der Abhängigkeit aus. Vielmehr sind es erlernte Handlungsmuster, Routinen, die uns erschweren mit dem Rauchen aufzuhören. Affiziert von den Bildern freiheitsbewusster und dynamischer junger Menschen die rauchen und überzuckerte Plörre trinken ohne den geringsten Schaden zu nehmen, schützen wir unser Fehlverhalten bis zur kognitiven Dissonanz. Zunächst muss man den Tabak erwerben,  viele achten auch darauf immer Kleingeld zu haben, um sich am Automaten eine Packung ziehen zu können. Hat man die Zigaretten erworben, reißt man die Packung auf, entfernt das Silberpapier, holt sich eine Zigarette heraus. Da ist schon viel Feinmotorik im Spiel. Unter massivem Stress wäre das gar nicht mehr machbar. Dann zündet man sich die Zigarette an, hat dazu ein Bic-Feuerzeug in der anderen Hand. Auch hier ist viel Feinmotorik nötig und Geschick. Kaum ein Tier ist dazu in der Lage zu rauchen, selbst wenn es wollte. Man zieht an der Zigarette und je nach Kulturkreis hält man sie zwischen Zeigefinger und Mittelfinger oder Mittelfinger und Ringfinger. Manche schnippen die Asche ab, andere klopfen sie ab. Auch das Abklopfen oder schnippen der Asche ist Teil des Suchtverhaltens. Man bläst den Rauch aus dem Mund und folgt mit den Augen verträumt den Rauchschwaden. Hat man die Zigarette zum Ende geraucht, dann drückt man sie aus. Entweder im Aschenbecher indem man die Glut an den Aschenbecherboden drückt bis der Filter knickt. Wenn man unterwegs ist, wirft man die Zigarette auf den Boden und drückt sie mit der Schuhsohle aus. Steht man an einem Zugbahnhof schnippt man sie auch auf die Gleise. Zigarrenraucher wissen, dass die Zigarre eines natürlichen Todes sterben muss. Kein kultivierter Zigarrenraucher würde sie ausdrücken und damit zugrunde richten. Die Anlässe zu rauchen sind unterschiedlich. Man wartet und raucht noch eine. Man ist in Gesellschaft und raucht zum Bier oder Kaffee. Man hat etwas erlebt und benötigt eine Zigarette zur Beruhigung. Man wird noch etwas erleben, ist nervös und benötigt eine Zigarette aufgrund der inneren Aufregung. Diese komplexen sozial und kulturell eingeübten Verhaltensmuster sind –erst einmal eingeübt – sehr konservativ. Das macht auch Sinn. Denn Verhalten macht den Menschen (immerhin ein gefährliches intelligentes Raubtier) halbwegs einschätzbar. Wenn Sie eine Münze werfen, gibt entweder Kopf oder Zahl. Und das ist rein zufällig. Entspräche das Verhalten von Menschen der Zufälligkeit eines Münzwurfs, hätte das katastrophale Folgen. Sogar ein konstant übellauniger Mensch ist uns lieber, als ein launenhafter Mensch. Wenn der konstant übellaunige Mensch auf einmal gute Laune hat, machen wir uns Sorgen, werden misstrauisch, fragen nach ob etwas nicht in Ordnung ist.
Hört man mit dem Rauchen auf, entsteht eine Unsicherheit die nicht selten dazu führt, dass man gereizter und labiler wird und so den einen oder anderen zuverlässigen Freund verliert. Die seit dem Jahrtausendwechsel aufkommende Stimmung gegen das Rauchen, die Rauchverbote und Tabuisierung des Rauchens sollte in seiner sozialen Wirkung auf eine rauchende Gesellschaft nicht unterschätzt werden. Signifikant (impliziert natürlich noch keine Kausalität) tritt mit dem Rauchverbot der Wutbürger auf. Man muss das Rauchen regelrecht verlernen. Das ist keine leichte Aufgabe. Es erfordert jedes Mal von neuem, mich gegen das Rauchen zu entscheiden. Erst nach einem gewissen Zeitraum wird es dann zur Routine nicht zu rauchen. Wer erst einmal zehn oder zwanzig Jahre geraucht hat, wird sein Leben lang davon verfolgt werden.
Handlungsmuster reduzieren Komplexität und sind selbst komplex. Mein Verhalten ist die Summe von Haltungen. Und jeder einzelnen Haltung geht eine Handlung voraus. Diese Handlung führt notwendig zu einer Haltung und koordiniert dadurch meine Absichten, meine Interessen. Der Weg ist hier nur das Ziel, weil man meist vergessen hat, wo man herkommt. Ich kann einen Schritt nach hinten machen, einen Schritt nach vorne, nach rechts oder links. Ich kann einen Schritt nach vorne rechts oder hinten links machen, aber nicht nach vorne zurück oder nach rechts links. Diese Koordinaten unterliegen einem Naturgesetz. Naturgesetze regulieren wie andere Gesetze auch unsere Erwartungen. Wäre ein Naturgesetz, zum Beispiel die Schwerkraft, von heute auf morgen aufgehoben, würde uns das ziemlich irritieren. Nicht anders geht es uns, wenn Gesetze aufgehoben werden, die von Menschen gemacht wurden. Es macht daher Sinn, dass Gesetze Instanzen durchlaufen müssen und nicht von heute auf morgen geändert werden können. Kein Mensch liebt Revolutionen, man braucht eher viel Hass um eine zu führen.
Wer etwas Neues wagt muss daher immer mit Gegenwehr rechnen. Denn das Neue wirkt immer bedrohlich, verunsichernd und macht misstrauisch. Es verursacht erheblichen Stress, wenn ein neues Betriebssystem in der Arbeit eingeführt wird, es verursacht Stress, wenn man umzieht in eine neue Umgebung, wenn man einen neuen Partner bekommt,  sogar neue Kleidung muss erst assimiliert werden. Neue Herzen oder Nieren werden abgestoßen. Hier muss mit Medikamenten die das Immunsystem unterdrücken dagegen gesteuert werden. Neue Bundespräsidenten stören dagegen nicht sonderlich. Denn dieses Amt kennen wir schon und ein Bundespräsident gleicht mehr oder weniger dem anderen. Würde man jedoch einen Ästhetik-Minister einführen, müssten wir uns erst daran gewöhnen. Das Argument, dass unsere Welt zu hässlich geworden ist, um länger auf einen Ästhetik-Minister zu verzichten, würde zunächst jeder lächerlich finden. Womit klar ist, dass sich Verhalten und Gewohnheiten, Routinen und Rituale gegen jeden Sachverstand wenden. Sie scheinen ein Eigenleben zu haben und sind uns nicht bewusst. Mit ignoranter Selbstverständlichkeit erwarten wir, dass die Sonne am nächsten Morgen wieder aufgeht. Mit ignoranter Selbstverständlichkeit legen wir uns abends ins Bett mit der Gewissheit wieder aufzuwachen. Das Leben ist weitestgehend eine unbewusste Gewohnheit. Nur ganz abstrakt wissen wir, dass wir uns diese Gewohnheit nicht abgewöhnen müssen. Sie vergeht von ganz alleine, so wie sie von ganz alleine gekommen ist. Je länger wir leben, desto knapper wird die Zeit. Als Kind dauerten die Sommer ewig. Der Weihnachtstag wollte einfach nicht Abend werden. Nun als Rentner hat man endlich Zeit doch jetzt rast sie einem davon. Die Jahre vergehen im Flug. Wir haben uns an das Leben gewöhnt, es mit Routinen vollgestopft und so sehr wir es uns auch wünschen, diese Routinen werden wir nicht mehr los. Wenn wir immobilisiert im Bett liegen und langsam den Verstand verlieren, wird die Zeit sich wieder dehnen. Wir haben unsere Routinen verlernt.

Wenn es wirklich wird, ist es bald vorbei


Als all das begann, waren wir noch gar nicht da. Irgendwelche plötzlich vorhandenen Gene werden bei der Fortpflanzung kopiert und an die Nachkommen weiter gegeben. Beim Abschreiben kommt es zufällig zu Fehlern, den Mutationen. Daraus entstehen neue Varianten die wiederum kombiniert und nach einer als „natürlich“ bezeichneten Selektion aussortiert werden. Das Überleben ist der entscheidende Selektionsdruck und der führt zur Anpassung der Arten an ihre natürliche Umwelt. Im Verlauf der Naturgeschichte sind bereits viele Arten an dieser Anpassung gescheitert. Andere Arten haben sich als evolutionsbiologisch sehr erfolgreich erwiesen. Der Mensch muss sich hier erst noch beweisen. Denn evolutionsbiologisch ist er eine sehr junge Art. Und er schlug ein wenig aus der Art indem er den Spieß umdrehte und sich den ganzen Klimbim zum Eigentum machte. Die Beherrschung der Natur ist die herausragende Leistung des Menschen. In vielen Bereichen konnte dieses Tier seine eigene Natur überwinden, lernte fliegen, sich über Tausende Kilometer hinweg verständigen, sogar den Planeten ganz zu verlassen. Für einen Stadtbewohner ist die Natur nur noch eine abstrakte Bezeichnung für etwas, das es anscheinend nicht zu kaufen gibt. Das Naturerleben des Menschen ist es eher, tausende von Dingen zu besitzen, die er meist gar nicht braucht. Und auf die er dennoch nicht verzichten kann. Doch nach etwa 8000 Jahren Kulturgeschichte scheint es so, als drehe die Natur den Spieß wieder um. Ein wenig hilflos zappelt die Menschheit gerade am Abgrund. Die alte Krone der Schöpfung trägt plötzlich eine Narrenkrone. Die Wachstumsfalle wird zum Schlagwort. Wir haben uns an unseren warenförmigen Reichtum in den letzten 500 Jahren derart gewöhnt, dass es mindestens weitere 500 Jahre bräuchte, um uns wieder umzustellen. Wir sind von dieser Ökonomie mindestens so abhängig wie ein starker Raucher vom Tabak. Wir haben uns nicht angepasst, sondern die Welt uns angepasst und nun müssen wir die Rechnung dafür bezahlen. Wir können sie nur abstottern. Die drohende Klimakatastrophe bezeichnen wir daher als Klimawandel, denn dann scheinen wir noch etwas Zeit zu haben.  Im Augenblick der höchsten Vernunft, wenn es ganz hell und wirklich wird, ist dies der Triumph des Unheils. Viele Nahtoderlebnisse schildern wie ein helles Licht auf sie zukommt. Die Wirklichkeit ist womöglich permanente Wiederholung mit winzigen Abweichungen und wirklich wird es erst ganz, wenn die Summe aller Abweichungen eine neue Wirklichkeit ergeben. Doch weil unsere Routinen so blind sind wie die Evolution selbst merken wir die Veränderungen nicht und dann überrascht uns die Revolution – die doch ganz natürlich, ganz wirklich und ganz vernünftig wäre.




Bernhard Horwatitsch, *1964, München, Dozent für Recht, Ethik und Literaturgeschichte, hat bereits in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.  Letzter Roman »Das Herz der Dings«, www.mabuse-verlag.de

Akrobat für Gedankenspiele, regelmäßiger Autor im Philosophie-Magazin Lichtwolf (Freiburg) und der Edition Schreibkraft (Graz),

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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