Besuch

Franziska Barthel-Helbig für #kkl4 „Vertrauen“


Zuerst hörst du den Wagen, langsam heranfahren. Dann Räder in der Einfahrt. Türen, die schließen. Stimmen, Fußstapfen. Dann Schritte auf den Stufen, schwere Schritte. Sie kommen. Meine Gedanken drehen Schleifen und doch bekomme ich keinen von ihnen zu fassen außer: ‚Sie haben mich verraten‘.

Die Türe öffnet sich nur einen Spalt breit. Es bleibt Dunkel in diesem engen Sichtfeld. Zum Weglaufen ist es zu spät, zum Verstecken auch. Und doch drängt sich der Gedanke daran sprunghaft für wenige Sekunden immer wieder in meinen Kopf. Ich schaue zu meinem Bett, zum Schrank. Beides zu eng. Ist auch egal, denn sie haben mich bereits gesehen. Ein hochgewachsener Mann mit müdem Blick tritt durch die Tür herein. Er lächelt nicht, seine Arme hängen an ihm herab und scheinen ungewöhnlich lang. Zu lang für seinen Oberkörper. Die Überlänge seiner Arme wirkt durch die zwei sie flankierenden starken, muskulösen Beine noch grotesker. Hinter ihm erscheint ein zweiter Mann. Er ist kleiner, seine Augen sind freundlich, beinahe fröhlich. Er tritt neben den Müden und schiebt die Tür weit auf. Er ist dünn, schmal, mit einem langen Gesicht und ohne Schultern. Er schaut mich an, lächelt mit schmalen Lippen, fast schon belustigt. Ich mag das nicht und überlege, ob ich es laut sagen soll.

„Sie wissen, wieso wir hier sind?“, unterbricht mich der Müde. Er scheint, als ob er das Sagen hat. Der Fröhliche schaut sich derweil in meinem Zimmer um, als suche er etwas. Nichts von dem, was ich hier habe, könnte ihn interessieren. Nur ich interessiere sie. Sie sind wegen mir hier und ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Um die Frage des Müden zu beantworten, nicke ich. Mein Nicken scheint ihm zu reichen. Er läuft schwerfüßig rüber zu meinem Bett und setzt sich auf die Bettdecke. Ich überlege, wann ich sie zuletzt gewechselt habe. Er schaut mich weiter mit seinen müden Augen an. Mit Augen, die verraten, dass er so etwas bereits öfter gemacht hat. Vielleicht ist er deshalb so müde. Der andere steht weiter in der Tür, versperrt mir den Weg, falls ich rennen möchte. Doch das möchte ich gar nicht mehr. Vielmehr interessiert mich, was jetzt passieren wird.

Einen Moment ist alles still, dann spricht der Müde erneut: „Wie hätten Sie denn am liebsten, dass das hier abläuft?“ Ich finde die Frage merkwürdig. Ich dachte, sie wissen, was sie tun. Immerhin sollten sie darin geschult sein. Ich setze an, um ihm das zu sagen, schlucke aber den ersten Laut hinunter und zucke stattdessen mit den Schultern. „Ok.“, bekomme ich als Antwort. Ich sehe im Augenwinkel, wie sich der Fröhliche an den Türrahmen lehnt. Er scheint unbeteiligt, als ginge ihn das alles nichts an. Das gefällt mir nicht. Immerhin ist das hier für mich etwas nicht Alltägliches, wenn man es so ausdrücken möchte.

Ob ich mit ihnen mitkommen würde, fragt der müde Mann. Ich möchte nicht, nicke aber. „Also los, gehen wir.“ Das ist das erste Mal, dass der Fröhliche etwas sagt. Ich blicke zu ihm, schaue ihm direkt in die Augen. Er wirkt immer noch fröhlich, sein Mund steht jetzt offen. „Können wir beim Tragen helfen?“, setzt er nach. Ich schaue mich kurz um, obwohl ich weiß, dass ich nichts mitnehmen würde. Ich schüttle den Kopf. „Ok, dann los.“ Langsam wird er gesprächig. Ich wende meinem Kopf wieder dem Müden zu und warte ab, was er dazu sagt. Immerhin hat er das Sagen. Er sitzt auf dem Bett und macht keine Anstalten aufzustehen. Er wirkt dort noch müder. Ich wäre nicht verwundert, wenn er sich gleich zum Schlafen langlegt. Er schaut mich nicht an, sondern blickt auf seine Hände. Sie sind groß und dickgliedrig. Auch sie passen nicht zu seinen Armen. Noch etwas Groteskes an ihm. Das gefällt mir.

Der Fröhliche schaut nun ebenfalls auf den Müden und um seine Mundwinkel herum zeichnet sich Nervosität ab. Plötzlich scheint es, als würde es um ihn gehen, nicht mehr um mich. „Gehen wir.“ Es liegt ein drängender Nachdruck in den Worten des Fröhlichen. Ich blicke weiter auf den Müden. „Müssen wir wirklich?“, kommt es aus seinem Mund. Überraschend für mich, weniger für den Fröhlichen. „Ich meine, sie hat doch nichts getan. Sie hat niemandem etwas getan.“, setzt der Müde nach. „Es liegt nicht an uns, das zu entscheiden.“, kontert sein Kollege. Wieder schweigt der Müde. Ich stehe daneben und schaue beiden zu, fast schon unbeteiligt. Dann geht der Fröhliche auf den Müden zu, stellt sich direkt neben ihn. Der Blick des Müden ist weiterhin gesenkt, er starrt seine Hände an, als wüssten sie, was zu tun ist. Auch der Fröhliche schaut auf die Hände des Müden. Ich schau auf die beiden. Sie wirken für einen Moment versunken in ihren vertrauten Gedanken. Von außen betrachtet ergeben sie ein harmonisches Bild, ihre Körperasymmetrien gleichen sich aus. Sie wirken stark zusammen, stärker als jeder für sich allein. Das ist mir erst gar nicht aufgefallen. Ich mache einen Schritt zur Seite. Und noch einen. Ich stehe nun näher an der Tür als der Fröhliche. Ich weiß, wenn er sich jetzt umdreht, erkennt er mein Vorhaben. Ich setze noch einen Schritt nach und renne.

Es vergeht ein Moment, in dem ich nicht weiß, ob mir jemand folgt. Doch es ist ruhig hinter mir. Dann höre ich jemanden laufen. Schnell schneller werdend. Wie nah er ist, weiß ich nicht. Aber es ist nur einer. Ich weiß nicht wer, doch seine schnellen Schritte klingen leichtfüßig.




Franziska Barthel-Helbig

In Berlin geboren, absolvierte ich eine kaufmännische Ausbildung mit anschließendem Studium der Altertumswissenschaften sowie nachfolgender journalistischer Ausbildung. Nach einigen Jahren als Redakteurin lebe ich seit vier Jahren in Wiesbaden und bin derzeit in Marketing und Produktentwicklung tätig.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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