Ein Besuch der Gedenkstätte

Prof. Dr. med. Stephan Coerper für #kkl5 „Endlich unendlich, unendlich endlich“


Der junge Mann wuchtete den Rollstuhl mit seinen kräftigen Armen sicher durch die Kurven im Garten der Gedenkstätte. Schmale Lederhandschuhe schützten hierbei seine Hände, mit denen er sich schon sein ganzes Leben lang fortbewegte. An jenem trüben Novemberabend war es kalt und eine gefütterte Fliegerjacke, sowie eine gestrickte Wollmütze schützen ihn vor der klammen Kälte. Schwungvoll parkte er sein Rollstuhl neben der alten Holzbank, zog seine Handschuhe aus und zündete sich eine Zigarette an.

In diesem Moment viel ihm ein alter Mann auf, der mit seinen klobigen Schuhe auf dem Rundweg der ehemaligen Psychiatrie in seine Richtung lief. Mit auffallend unsicheren Schritten steuerte dieser geradewegs auf ihn zu, wobei er nach jedem anstrengenden Atemzug eine weiße Wolke in den kalten Novembernebel blies.

Der Rollstuhlfahrer beobachtete mit Argwohn die quälenden Schritte des Greises, der ihm in der Dämmerung immer näherkam. Dieses zufällige Treffen würde ungemein stören, wollte er sich doch, nach den bewegenden Eindrücken der letzten Stunde, für ein Zigarette zurückziehen.

Als offensichtlich wurde, dass sich der Alte auf der Bank niederlassen wollte, rollte er einige Zentimeter zurück, um ihn vorbeizulassen.  Kaum war der an der Bank angekommen, schaute er kurz auf, drehte sich um und ließ sich ohne Worte auf die Bank fallen. Vornübergebeugt und auf einen Stock stützend, starrte er anschließend schwer atmend und wortlos vor sich hin.

Der junge Mann wagte einen schnellen Blick zur Seite und sah kurz in das alte faltige Gesicht des Mannes. Seine klobige Nase schien feucht, seine Augenlieder geschwollen und gerötet und seine rechte Wange wurde durch eine große quere und tiefe Narbe geteilt. Sein rechter Mundwinkel hing leicht herunter.  

Der Rollstuhlfahrer schnippte seine Zigarette in das feuchte Gras und gab seinem Rollstuhl einen kleinen Schubs, um wegzufahren.

„Was macht ein junger Mann an diesem Ort?“, fragte der Alte unvermittelt.

Der Rollstuhlfahrer hielt an und schaute einen kurzen Augenblick auf den Boden. Dann atmetet er einmal tief durch, drehte den Rollstuhl quer und antwortete kurz, aber höflich: „Ich wollte eine Zigarette rauchen.“

Anschließend rollte er ein kleines Stück nach vorne, um sich mit einem kurzen Kopfnicken wortlos zu verabschieden. Für eine oberflächige Unterhaltung mit einem unbekannten Greis war kein Platz – seine Gedanken kreisten immer noch um die berührenden Worte der Gedenktafel, die er vor wenigen Minuten gelesen hatte:

„Wir verneigen uns vor den Opfern der Tötungsanstalt Grafeneck. Wir bekennen uns zur Schuld der Ärzte an diesem Verbrechen. Wir mahnen, niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten.“

Er hatte Bilder von Behinderten gesehen, die hier im Rahmen der sogenannten T4 Aktion von den Nationalsozialistischen Ärzten ermordet wurden.

Als er im Begriff war, wegzurollen, sprach der Alte ihn erneut an: „Das erste Mal hier, junger Mann?“

Der überlegte einen Moment. Schließlich drehte er sein Gefährt wieder in die Richtung des Unbekannten und erwiderte: „Ja, das erste Mal, warum?“

Der Alte nickte kurz und fuhr fort.: „Auch ich war jung, als ich das erste Mal hier war. Damals hatte ich noch große Pläne und Illusionen, aber was solls, es lief alles quer.“

„Quer?“

„Ich wollte als Arzt Verantwortung übernehmen und forschen.“

Der Rollstuhlfahrer bereute seine Nachfrage bereits. Jetzt begann er zu frösteln, doch es war nicht die Kälte in diesem schicksalshaften Park. Eine weitere höfliche kurze Unterhaltung, ein paar kurze Fragen und Antworten. Dann würde der Alte ihn vermutlich gehen lassen. 

„Sie waren Arzt?“

„Ein junger unerfahrener und ungeduldiger Arzt, approbiert und arbeitslos, damals.“

Jetzt würde er ihm seine Leidensgeschichte erzählen und der junge Mann überlegte, mit welcher freundlichen Geste er das Gespräch beenden könnte. Doch der Alte schaute wieder zu seinem Gesprächspartner und fuhr fort.

„Für uns Jungärzte gab es damals wenig Arbeit, die eigenen Praxis war fast unerreichbar. Eine unverschämt lange Wartezeit und ein kaum aufzubringendes Startkapital standen mir im Weg. Mit unwürdigen Hilfsarbeiten hielt ich mich über Wasser, dann haben sie mich hierhergeschickt.“

Seine Beschwerde über die damaligen Verhältnisse erschienen seltsam und arrogant in Anbetracht des Leids all derer, die hier zur selben Zeit eingewiesen wurden.   

„Oh je, das ist schrecklich,“ erwiderte der Rollstuhlfahrer höflich und rollte wieder ein Stück weiter, in der Hoffnung, durch seine vorgetäuschte Höflichkeit schadlos zu entkommen. Doch der Alte war seltsam und redselig. Es gab kein Entkommen und der aufgezwungen Dialog erschien dem jungen Mann zunehmend unerträglicher.

„Ich war nicht freiwillig hier, wie du dir sicher vorstellen kannst. Doch zu jener Zeit gab es wenig Ausflüchte, gefragt wurde ich natürlich nicht und mein alter Herr hat genickt, als ich in den Bus gestiegen bin.“

Der Rollstuhlfahrer hatte die Bilder der Busse noch im Kopf, er hatte in der Ausstellung gesehen, wie zahllose Behinderte mit Bussen aus dem ganzen Land zur Vernichtung hierher verbracht wurden. Der junge Mann nestelte verunsichert an seiner Jacke und dachte an die wehrlosen Opfer, die hier aus den Bussen gestiegen waren.    

„Ihr Vater hat nichts unternommen, er hat sie einfach in den Bus steigen lassen?“

„Oh ja, mein alter Herr war von dieser Reise sehr überzeugt, mein Fortgang kam ihm wohl eher gelegen.“

Der Rollstuhlfahrer litt zunehmend unter der unfreiwillig angenommene Rolle in diesem mit zwei Personen besetzten Drama. Er spürte einen seltsamen Druck in seiner Brust und einen starken Drang, seine Räder in Bewegung zu setzten.

Er schaute verstohlen zu dem Alten und musterte ihn. Er war ungepflegt, seine schwarzen weiten Hosen waren fleckig, seine Schuhe dreckig und sein schwerer schwarzen Mantel nicht aus dieser Zeit.

Es war genug, er wollte den beklemmenden Dialog nicht weiter fortsetzten und beschloss das einseitige Gespräch, wenn auch unhöflich, aber abrupt zu beenden. Unruhig und genervt zog er hastig seine Handschuhean und machte einen erneuten Fluchtversuch. Doch noch bevor sich ein Rad bewegte, fuhr der Alte mit seinen aufdringlichen Fragen fort.

„Du schaust mich an. Was denkt ein junger Rollstuhlfahrer von einem alten kranken Mann?“

„Nichts, was sollte ich denken?“

„Du könntest dich fragen, was ich hier will, allein und einsam an einem trostlosen Herbstabend, hier am Ort des Bösen.“

Der Dialog nahm an Schärfe zu und es wurde für den jungen Mann immer schwieriger, zu entkommen. Was sollte er jetzt antworten? Er musste etwas sagen, denn er hatte den Zeitpunkt der rechtzeitigen Flucht verpasst.

Es war trostlos in diesem Park, feucht, dunkel und kalt. Der junge Mann beschloss nicht zu antworten, sondern starrte auf die Wiese.

Der alte atmete schwer, bis er schließlich kräftig hustet und das Produzierte verächtlich ausspuckte. Dann stütze sich wieder auf seinen schwarzen Holzstock mit dem silbernen Knauf. Dem Rollstuhlfahrer schien es, als erkenne er einen silbernen Totenkopf. 

Dann sprach der Alte mit leiser und rauer Stimme eine grausame Wahrheit aus: „Ungefähr 200 Meter von hier standen die Krematorien.“

Der junge Mann setzte sich auf und klammerte sich fest an seinem Reifen, während er gespannt den Greis beobachte, der mit seinem Kopf langsam nickte und dann fortfuhr: „Hier habe ich meine Würde verloren – genau hier!“

Der Rollstuhlfahrer schaute sich um, sie waren immer noch allein, lediglich bewacht von einigen Tannen des Parks. Sie saßen in einem Park ohne Zaun und ohne Gatter. Die gespaltene Mauer des Mahnmals am Ende der Wiese war die einzige Grenze nach außen, und stiller Zeuge des aktuellen Dialogs.

Nachdem der Alte starr hinüberschaute, gab es kein Entkommen vor dem kalten und starren Blick, der eine Antwort in diesem unbarmherzigen Dialog erzwang.

„Sie waren hier – damals?“

„Ja ich war hier und würde viel dafür geben, damals nicht hier gewesen zu sein!“

Dann kramte der Alte in seiner großen Manteltasche und holte eine dicke Zigarre hervor. Der junge Mann rollte näher zur Bank, beugte sich zu dem Alten und gab ihm Feuer. Gespannt musterte er dabei das alte faltigen Gesicht des Unbekannten, dessen Alter er auf über 90 Jahre schätzte. Langsam verbreitete sich der Qualm der Zigarre im Dunst des Novembernebels und umhüllte die beiden Zufallsbekanntschaften in eine süßliche Wolke.

„Hier draußen hörte man nichts“, fuhr der Alte unvermittelt fort.

Der junge Mann schwieg und spürte außer der Kälte nur sein schneller schlagendes Herz und den unerträglichen Druck in seiner Brust.

„Die Gaskammern waren gleich daneben, lediglich durch einen Bretterzaun getrennt. Die Routine wurde weder durch Schreie, Jammern oder vom Winseln der Kleineren gestört. Es geschah unvorstellbar still, gut geplant und perfekt durchgeführt“, berichtete der Alte ruhig und leise weiter.

Der Rollstuhlfahrer schluckte. In der Ausstellung der ehemaligen Psychiatrie hatte er eben noch eindrucksvoll die grausame sogenannte Euthanasie der Nazis aufgezeigt bekommen. Die unscharfen schwarzweißen Fotos der Vernichtungsanstalt und die Gesichter der Protagonisten des sogenannten „unwerte Lebens“ waren deprimierend und bezeugten schamlos die Verbrechen dieser Anstalt. Doch nun schien in Farbe, bunt und gestochen scharf ein echter Zeitzeuge unmittelbar neben ihm zu sitzen.

Er nickte und überlegte, wie er das Gesagt einzuordnen hatte. Was war mit dem Mann geschehen?

„Sie haben das Grauen hier erlebt?“, fragte er leise.

„Oh, ja, das habe ich. Ich war dabei und werde es niemals vergessen.“

Der junge Mann schaute auf die feuchte Wiese vor sich. Eine Nebelwolke zog geräuschlos langsam und unaufhaltsam auf die beiden zu und es dauerte nicht lange, bis die beiden Zufallsbekanntschaften die feuchte Luft unweigerlich inhalieren mussten.

Der Rollstuhlfahrer dachte still über den wahren Grund des scheinbar quälenden Besuchs des Greises nach. Sein Gegenüber schwieg und es stellte sich eine bleierne und ausgesprochen kalte Atmosphäre ein, die den Rollstuhlfahrer einmal mehr frösteln ließ. Nervös zündete sich der junge Mann eine Zigarette an, nahm ein paar tiefe Lungenzüge, schaute zu der drohenden Silhouette der Gedenkstätte und wartete ab. Dann schaute er erneut in das Gesicht des Alten, der schweigend neben ihm saß, bis er mit monotonen Worten sein Schweigen brach: „Ich habe das alles überlebt und bin rechtzeitig geflohen. Kein Gas, keine Bleikugeln und auch kein geflochtener Strick hat damals mein Leben beendet.“

Eine entscheidende Frage hatte der junge Mann während des ganzen Gesprächs im Kopf, doch jetzt schien der richtige Zeitpunkt, seine unsympathische Bekanntschaft zu fragen:

„Warum waren Sie hier in dieser Anstalt?“

„Mein Junge, nicht alle, die damals an diesem Ort verharrten, hatten Diagnosen und Krankheiten, um hier zu sein.“

Der Alte blies den Rauch seiner Zigarre langsam in den Nebel hinaus und senkte seinen Kopf.

„Es war Unrecht und die Verbrechen nahmen kein Ende, dennoch habe ich diese Zeit überlebt, aber auch einen sehr hohen Preis dafür bezahlt.“

Vom Mitleid geblendet fragte der Rollstuhlfahrer naiv: „Sie haben überlebt, welcher Preis kann da zu hoch sein?“

„Die Inflation der Werte hat den Preis ständig nach oben getrieben und am Ende habe ich Unsummen dafür aus meiner Würde bezahlt.“

„Eine schlimme Zeit“, antwortete der junge Mann und zog an seiner Zigarette.

Als er noch über die verschlüsselten Worte nachdachte, fuhr der Alte fort: „Das Schlimme war der Alltag. Sie kamen aus dem Nichts, wurden verpflegt, untersucht und ertrugen all die Routine. Die meisten verstanden nichts von der perfide Dokumentation ihres kommenden Leids, geschrieben und angekündigt mit Stummeln von Bleistiften, gespitzt mit den scharfen Klappmesser der SS Ärzte. Das finale Grauen schockierte am Ende nicht mehr. Erst heute wieder. Damals war es einfach. Die einen hingen an Fäden, denen sie sich nicht widersetzten. Die anderen sind lachend und fröhlich ins Verderben gelaufen – nur wenige haben ihr schreckliches Schicksal erkannt, meist erst dann, als es bereits zu spät war. Es war nicht der Hass, der die Taten ermöglichte, es war die Routine, die verlogene Degradierung von Leid in Erlösung, wodurch es für alle erträglich zu werden schien.“

Der Rollstuhlfahrer antwortete nach wenigen Augenblicken: „Und nur wenige haben den Horror überlebt, so wie sie!“

„Keiner.“

„Wie bitte?“

„Keiner von denen, die hier waren, hat überlebt.“

Der Rollstuhlfahrer schaute zu dem Alten, der durch die Straßenlaterne eigenartig blass und schemenhaft beleuchtet war. Als sich der Alte umdrehte, blickte der Junge in kalte stahlblauen Augen, die anschließend nichtssagend auf den Boden starrten.

Warum hatte er ihm seine intime Leidensgeschichte angedeutet? Eine ganze Zigarettenlänge dachte er darüber nach, bis er schließlich sagte: „Warum sind Sie zurückgekommen?“

Der Mann antwortete nicht, sondern nahm einen kräftigen Zug an seiner Zigarre, schaute nach oben und blies den Rauch in die Luft. Anschließend drehte er die Zigarre zu sich und betrachtete nachdenklich die glimmende Glut.

Wortlos und in sich gekehrt blieben die beiden lange auf der kühlen Bank sitzen. Der Alte mit gesenktem Kopf, der Junge rauchend, nervös und unsicher.

Als es zunehmend dunkler wurde, warf der Alte seine Zigarre auf den Boden und erstickte die Glut mit seinem großen Stiefel. Dann schickte sich der Alte aufzustehen. Der junge Mann schob sich mit seinem Rollstuhl weiter nach vorne und beobachtete den Alten, wie er mühsam auf seinem Stock gestützt aufstand.

Der Nebel hatte zugenommen und eine einsame Laterne gab den beiden ein diffuses Licht. Unbeholfen stand der Alte vor dem Rollstuhlfahrer und schaute auf ihn hinunter.

„Ich war mein ganzes Leben auf der Flucht vor diesem Ort und vor meiner Vergangenheit, doch jetzt komm ich zurück. Die Flucht ist sinnlos geworden, weil sie sich nicht lohnt.“

„Niemand wird nachvollziehen können, was für ein Grauen sie erlebt und welche Albträume sie seitjeher verfolgt haben. All das Unrecht darf nie vergessen werden“.

„Ja, alle reden davon, es nicht zu vergessen. Doch keine muss sich sorgen. Auch wenn man versucht zu vergessen, wird es nicht gelingen, das gilt für die Überlebenden, wie für die Täter. Und wenn die Protagonisten von damals irgendwann vergessen wollen, wird man es ihnen nicht gewähren. Es bleibt hartnäckig in uns präsent, bis zum jüngsten Tag. Keine Sorge, es wird nie vergessen werden, glaube mir.“

„Wie meinen sie das?“

„Für meine Generation gibt es kein Vergessen mehr und keine Vergebung der Schuld, keine Diskussion mehr mit dem Schuldiger. Da helfen auch nicht die Schreie der letzten noch verbliebenen Opfer. Es ist deine Generation, die lernen muss. Ihr seid es, die nicht vergessen dürfen. Wir haben es längst begraben. Aber lassen wir das. Ich bin angekommen – ein letztes Mal.“

Dann reichte der Alte dem Rollstuhlfahrer seine Hand, um sich zu verabschieden. Der junge Mann fror, als er die kalte Hand des Alten berührte.

„Du hast zugehört und doch nichts verstanden. Lege deinen Schirm zur Seite und öffne die Augen, dann geh zur Ausstellung und du wirst mich auf einem der Photographien wiedersehen. Das Bild wird dir mein wahres Leid und das Unrecht zeigen.“

Dann drehte sich der Alte um verschwand langsam schlürfend im Nebel.

Der junge Mann rollte langsam unter die Laterne und wartete einen langen Moment und ordnete seine Gedanken. Sollte die gefühlte Antipathie seine eigenen Gefühle dermaßen manipuliert haben und diesen schrecklichen Verdacht in seinem Kopf begründen? Wie schlecht würde er sich fühlen, wenn er in wenigen Momenten den Alten in jungen Jahren als tatsächliches Opfer erkennt?

Er drehte seinen Rollstuhl und schob seine klammen Reifen an, um langsam, aber direkt zur Ausstellung der Gedenkstätte zu fahren.

Einen Moment spätersaß er regungslos vor dem entscheidenden Photo in seinem Rollstuhl. Ein großes gestochen scharfes schwarzweiß Abbild eines der grausamen Täters drohte vor im an der kahlen weißen Wand der Ausstellung. Hier war ein SS-Offizier mit großer Narbe auf der linke Wange abgebildet, darunter stand:

Schutzstaffel der NSDAP

Obersturmbandführer Dr. med. Maier

Er schüttelte mehrfach seinen Kopf und war nicht in der Lage, sein Gefährt weiterzubewegen, als eine sehr alte Dame langsam auf ihn zuschritt. Der junge Mann blieb stehen und wartete, bis sie sich auf eine Bank der Ausstellung direkt neben ihm niederließ. Er schaute hinüber zu der sehr gepflegten Besucherin, die ihre Handtasche auf den Schoß gelegt hatte und nach einem Taschentuch suchte. Nachdem sie ein paar wenige Tränen getrocknet hatte, schaute sie zu dem Rollstuhlfahrer, der in ihre gütigen Augen geschaut hatte. Sie wich seinem Blick nicht aus und sagte:

 „Man kann sich die Verbrecher meiner Zeit heute kaum mehr vorstellen.“

„Ja das kann man wohl kaum. Doch hätten sie schadlos überlebt, wären sie heute sehr alt, zu alt, um Hass und Vergeltung zu provozieren, eher Mitleid.“

„Mitleid mit Verbrechern?“

„Mitleid dafür, dass sie ihre Verbrechen nicht sühnen durften.“

„Ich leide mit meinen Schwestern, die hier sterben mussten in vielen Träumen noch heute, junger Mann. Die lange Zeit und mein Alter nimmt weder mir den Schmerz noch denen ihre Verantwortung.

Der Rollstuhlfahrer nickte, und bewegte anschließend

seinen Rollstuhl aus der Ausstellung. Als er die Gedenkstätte verlies und an der mahnenden gespalteten Mauer am Ausgang des Parks vorbeirollte, hielt er kurz an. Es dauerte nicht lange, bis der Nebel verflog und der Vollmond die düster verborgenen Steine in einem warmen Gelb erscheinen ließ.

Prof. Dr. med. Stephan Coerper

„Das Vergessen wird durch die Gedenkstätten endlich unendlich“

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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