Gegenwartsform oder Frau Zett hält sich gut

Renata Huonker-Jenny für #kkl5 „Endlich unendlich, unendlich endlich“

Frau Zett hält sich gut. Jedes Haar liegt sorgfältig am Kopf, die rosa Bluse zeigt nicht den kleinsten Knitter. Die Klingel an ihrer Wohnung schrillt nicht wie die andern zwanzig im Haus sondern ertönt mit weichem Gongschlag. Doch das ist selten geworden. Frau Zett sagt, sie vermisse keinen Kontakt. Andere Frauen hocken im Cafe und tratschen. Sie wüsste nicht, woher die Zeit dafür nehmen. Sie sorgt lieber für eine gepflegte Wohnung. Ein Tier könnte sie nicht halten, da wäre sie allergisch drauf. Sie weiss, wie viel Arbeit im stillen Glanz des Badezimmers steckt und in den glattgestrichenen Teppichfransen. Die Chromstahlfläche der Küchenkombination blinkt fleckenlos und die Bett- und Tischwäsche liegt sauberkantig im Kasten aufgebeigt. Die Stube, weil wenig benutzt, gibt weniger zu tun. Die Falten der Vorhänge fallen von selbst ohne jede Verdrehung. Die Fotos auf dem Buffet sind abgestaubt. Das Schlafzimmer gibt gegenüber früher nur noch halb soviel zu tun. Die Bettdecke über dem breiten Ehebett bleibt halbseitig straff gezogen.

Frau Zett sagt, sie habe die Gewohnheiten beibehalten, stehe morgens um sieben auf und decke den Tisch. Sie deckt für zwei. Wenn der Kaffee durch den Filter geträufelt ist und die Milch heiss, wenn die Brötchen warm sind und die Konfitüre auf dem Tisch steht, geht sie ins Schlafzimmer und holt ihren Mann. Sie stellt ihn auf den Stuhl sich gegenüber auf ein Kissen, damit er über den Tischrand ragt und unterhält sich mit ihm.

 „Häsch guet gschlofe? Lueg mi a, dr Coiffeur tät mir nit schade, mit mine zerwüehlte Haare.“

Dazu trinkt sie Kaffee und isst Brötchen. Nach dem Frühstück stellt sie ihn weg. Ihr Aufräumen hat er ihr nie beachtet. Sie stellt ihn in der Stube auf dem Sessel ab und legt das Tagblatt in seine Nähe. Sie macht unterdessen den Kehr, was eine Menge ihrer Zeit verbraucht.

Mittag wird es, bevor sie Hunger verspürt. Seit der Heirat bestand er auf die Einhaltung der Essenszeiten. Mit einem Blick auf die Uhr, stellt sie den Topf auf den Herd. Sie kocht, was er mag. Das Zeitzeichen der Halbeins-Nachrichten setzt beide an ihren Platz. Das ungebrauchte Gedeck tischt sie nach dem Essen ab. Dass sie es nicht abwäscht, entschuldigt sie mit einem „Gell nu Bappi, das isch in Ornig“ in seine Richtung.

Nach dem Abwasch duscht und pflegt sie sich. Die Nägel lackiert und feilt sie jeden Tag in der für sie schönsten Stunde nach dem Mittagessen. Der Mann ruht dann auf dem Ehebett und sie nimmt seinen Platz auf dem Sofa ein. Während der Nagellack trocknet, schaut sie zum Fenster hinaus. Je nachdem ist ein Einkauf, ein Gang zum Arzt oder Coiffeur oder zur Pedicure fällig.

Besuche macht sie nie und bekommt auch kaum welche. Einmal hatte sich einer von einem Geschäft für Grabmale bei ihr auf gemeldet. Wollte einen Hausbesuch machen und ihr eine Dokumentenmappe mit Fotos von Grabsteinen zeigen. Aber Frau Zett winkte ab. „Versprochen ist versprochen“, sagte sie bloss. Er braucht nicht zu erfahren, dass ihr Versprechen an den Mann „ja bereits ein Kompromiss ist und nicht das, was er von mir wünschte.“

 Der Abend ist am allerschlimmsten. Sie zündet das Licht an und zieht die Vorhänge zu. Früher war das der beste Teil des Tages. Er sass auf dem Fauteuil und las in der Zeitung, sie stickte Gobelin. Meistens lief dazu der Fernseher und befeuchtete mit seinem Plätschern die Luft.

 „Die Luft ist so trocken,“ murmelt sie leise. Er soll es nicht vernehmen.

Staub ist in der Luft, etwas Sandiges, was sie zum Hüsteln reizt. Sie holt ihn aus dem Ehebett, nicht ohne ihm zu sagen, dass der Tag vorbei ist. Sie trägt ihn unter dem Arm ins Wohnzimmer und stellt ihn auf den Boden. Er klirrt leicht, was sie stört. Auf den Tisch neben ihre Teetasse gehört er noch weniger, dann halt wieder in den Fauteuil mit ihm. Auf den Abend kommt die Trockenheit und leert Angst aus. Wenn der Abend nur nicht wäre. Dann glänzt das dunkle Gefäss unheimlich, reflektiert die elektrischen Birnen des Stubenleuchters wie etwas Lebendiges. Aber am grauenvollsten ist es, wenn sie mit geröteten Augen nach Sendeschluss von der plötzlichen grossen Stille aus ihrem Einnicken aufschreckt und in der abkühlenden Wohnung als erstes im Licht das Ding sieht. Sie wird es gleich unter den Arm nehmen und ins Bett tragen müssen. Das ist der schwerste Teil ihrer Pflicht. Sie möchte in dieser schrecklichsten Stunde, dass die warmen gelben Vorhänge über sie fallen möchten und  sie ersticken in gütigen Falten. Ihr Horrorschrei stockt im Hals, etwas verklebt die Bronchien, die in dieser Stunde fast keine Luft durchlassen nur Asche, nur sandige Trockenheit, die die letzte Feuchte aufsaugt. Wenn sie mit Staubgeruch in der Nase nach Mitternacht im Sessel aufwacht, nimmt sie aus der halbvollen Tasse einen kalten Schluck und wartet bis sie die Kraft wieder erlangt zum Aufstehen und ins Bett gehen

„Schatzeli, s’isch Ziit“ sagt sie.

 Ihre Stimme ist nicht ohne Zärtlichkeit. Sie überwindet sich. Sie stellt die Urne auf die Bettumrandung und deckt das Bett halb ab. Bis in den Morgen findet Frau Zett keine Ruhe. Manchmal bringt ein vorbeifahrendes Auto das Gefäss neben ihr zum Aufflackern. Sie traut sich nicht aufzustehen. Auch nicht auf die Toilette. Erst wenn das erste Licht schimmert geht sie aufs Klo, nimmt ein Schlafmittel und fällt in traumlosen Schlaf bis zu den Siebenuhrnachrichten.

 Dann beginnt alles von vorne.




Renata Huonker-Jenny

In der Bündner Alpenstadt Chur geboren und aufgewachsen. Studium der Germanistik und Theologie. Lebt in Zürich. Sie ist in kirchlicher und therapeutischer Tätigkeit an Menschen interessiert. Zahlreiche Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften . Sie schreibt Kurzgeschichten und ist ausserdem Autorin des Sachbuches „Schleudertrauma, das unterschätzte Risiko.  München, Kösel, 2002 und 2. revidierte Auflage Rüffer &Rub, Zürich, 2010

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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