Zeitentrückt

Katja Bär für #kkl5 „Endlich unendlich, unendlich endlich.“


Zeitentrückt

Ich habe Zeit, viel Zeit, doch kann ich nichts mit ihr anfangen. Außerdem ist für mich alles durcheinander.

War es gestern, als wir losgezogen sind? Mit Pferd und Wagen hinaus in den kalten Winter. Unser Haus verlassend. Warum mussten wir denn überhaupt von zu Hause weg? Der Winter war doch so kalt?

  Ich sitze auf einem fremden Stuhl neben dem Essensraum und sehe den langen Gang vor mir. Eine junge Frau kommt fröhlich aus dem hinteren Teil des Ganges auf mich zu. Sie muss mich wohl kennen. Schon eine gewisse Zeit, wie ich ihrer Art entnehmen kann, mit der sie mich anspricht. Kann sein, sie arbeitet hier, denn an ihrem dünnen Pullover trägt auch sie so ein Schild mit Namen drauf. Ihr Blick fällt auf den bunten Holzkalender.

     „He, hier stimmt ja das Datum nicht. Heute ist schon Donnerstag, der Fünfzehnte“, meint sie.

  Eifrig hängt sie die kleinen Holztäfelchen am Brett um. Fünfzehnter Januar, Donnerstag, Winter, lese ich. Aber das Jahr, das Jahr steht nicht drauf. Dabei weiß ich doch gar nicht im welchen Jahr ich bin!

  „Frau Schmidt, draußen ist es eiskalt. Richtiger Winter halt“, fügt sie hinzu.

  Was will sie damit sagen? Soll ich jetzt wieder losziehen? In die Kälte? In den Sturm?

  „Müssen wir wieder los?“ frage ich erschrocken.

  „Nein, Frau Schmidt, sie müssen nicht los. Sie können schön hier im Warmen sitzen bleiben“, beruhigt sie mich.

  „Im Winter vierundfünfzig“, sage ich „war es auch kalt, furchtbar kalt.“

  Höflich verbessert sie mich:

 „Frau Schmidt, sie denken sicher an den Winter fünfundvierzig.“

  „Gut, dann fünfundvierzig“, antwortete ich trotzig und da sie augenscheinlich über mein Leben Bescheid weiß, will ich von ihr wissen: „Warum mussten wir im Winter fünfundvierzig denn losgehen? Bei solche einer Eiseskälte!“

  Sie zögert. Irgendetwas möchte sie mir wohl nicht sagen. Ich spüre ihre Unsicherheit. Wahrscheinlich weiß sie ganz genau, sie hat mich schon einmal verbessert, was ihr peinlich gewesen ist. Ich habe es genau bemerkt. Sie lenkt ab.

  „Ich bin halb erfroren. Ausgerechnet bei der Kälte ist eine S-Bahn nach der anderen ausgefallen. Anderthalb Stunden habe ich heute bis hier her gebraucht.“  

  Anderthalb Stunden. So wie sie das ausspricht, muss es eine lange Zeit für sie gewesen sein. Was, bitte, sind anderthalb Stunden? Ich weiß es nicht, traue mich aber nicht, schon wieder eine Frage zu stellen.

Aus dem Essensraum schreit eine Frau, die seit dem Frühstück dort sitzt:    „Wann gibt es denn endlich Mittag?“

  „Guten Tag, Frau Meier“, grüßt die Kalenderfrau in den Raum freundlich hinein: „Essen gibt es erst in anderthalb Stunden. Sie können ruhig noch eine Runde spazieren gehen!“

  In anderthalb Stunden erst. Aha, schon wieder dieser Zeitraum! Und was mache ich bis dahin mit dieser merkwürdigen Zeit? Wieder schreit jemand, diesmal ein Herr, er muss aufs Klo. Er ist ungeduldig, die Zeit drängt ihn. Alles hier scheint sich nur in den Zeitabständen abzuspielen, wann jemand auf die Toilette muss oder wann es Essen gibt.

  Meine Kalenderfrau eilt ihm zu Hilfe. Vielleicht ist sie auch froh, einen Grund zu haben, meine Frage nicht beantworten zu müssen und von mir weggehen zu können, aus wichtigem Anlass.

  Wieder sitze ich allein, im Flur, im Warmen, allein mit all meiner Zeit und weiß immer noch nicht, welches Jahr wir haben.

  Als die Kalenderfrau wiederum lächelnd auf mich zukommt, will ich sie fragen. Aber nun höre ich den Fahrstuhl anhalten. Ob meine Tochter heute mal Zeit gefunden hat, mich zu besuchen? Leider nein.

Aus dem Fahrstuhl tritt, mit ebensolcher Fröhlichkeit, eine junge blonde Frau heraus, geht auf die Kalenderfrau zu und nachdem sie mir ein freundliches „Guten Tag!“ zugeschrien hat, alle hier denken ja, ich bin schwerhörig, fragt sie diese:

„Hast du schon abgefragt, wer Lust zum Basteln hat?“

Sie bekommt ein kurzes „Nein“ zur  Antwort.  

  Und prompt wendet sich die neue Unbekannte an mich:

„Na, Frau Schmidt, haben sie nicht Lust mit zum Basteln zu kommen? Wir basteln heute Osterschmuck.“

  Mein Gott! Basteln! Ich habe mein Lebtag nicht gebastelt. Was wollen die uns bloß ständig mit Basteln! Ich hatte nie Zeit dazu. Mein Mann ist aus dem Winter nicht zurückgekehrt, damals vierundfünfzig. Ich musste arbeiten gehen, Trümmer klopfen, ein neues Heim für uns aufbauen, meine vier Kinder alleine groß ziehen. Wann, bitte, soll ich da Zeit zum Basteln gehabt haben? Rigoros antworte ich mit „Nein“ und ernte einen verständnisvollen Blick der Kalenderfrau.

  Ich weiß, wir verstehen uns. Wahrscheinlich hatte auch sie nie Zeit, Schmetterlinge aus buntem Papier zu schneiden. Neugierig geworden, frage ich sie, nachdem die Basteldame weg ist:

  „Basteln Sie denn gern?“

  „Eigentlich nicht. Ich habe mehr zum Spaß für meine Kinder gebastelt. Mit ihnen Ostereier bemalt und solche Sachen:“

  Ostern? Eier bemalen? Gott, wir waren froh, wenn wir Eier zum Essen hatten!

  Da niemand schreit, hat sie wahrscheinlich Zeit und setzt sich auf den leeren Stuhl neben mir:

  „Haben Sie Lust, mir von ihrem kalten Winter, damals vierundfünfzig zu erzählen?“

  Jetzt verbessere ich sie, die Kalenderfrau. „Sie meinen fünfundvierzig!“ Wir müssen beide lachen.

  Ich freue mich, dass sie neben mir sitzt und etwas von mir wissen will. Es muss schon lange her sein, sonst hätte sie nicht damals gesagt. Und ich erzähle ihr, was vor langer Zeit, damals passiert ist. Offensichtlich in einer anderen Zeit. In einem anderem Leben. Nein, wohl eher in meinem Leben. Wie Männer in fremden Uniformen auf unseren Hof kamen. Meinen Vater aus dem Haus zerrten und ihn erschossen. Oder war es mein Mann?

  Warum sage ich eigentlich immer vierundfünfzig, denke ich, während die Worte nur so aus mir heraussprudeln. War in diesem Jahr irgendetwas Besonderes in meinem Leben? Vielleicht kann die Kalenderfrau es mir erklären? Mutig frage ich. Schon wieder ruft jemand, dass er aufs Klo muss. In ihrer gewohnt freundlichen Art entschuldigt sie sich bei mir und organsiert Hilfe.

  Danach sehe ich sie im Büro verschwinden.  Als hätte sie eine Neuigkeit für mich, eilt sie zu mir zurück und spricht, so als müsste ich tapfer sein:

  „Vierundfünfzig ist ihre Mutter verstorben.“

  Wieder höre ich den Fahrstuhl. Ob diesmal vielleicht meine Tochter heraustritt? Aber nein, aus dem Fahrstuhl kommt freudestrahlend meine Mutter auf mich zu. Ich will das nicht. Sie macht mir Angst. Gleich wird sie zu mir sagen:

  „Du bist genauso schlimm wie dein Vater!“

  Noch hält sie ihn zurück, diesen Satz. Doch ich will ihn auf gar keinen Fall hören. Diesmal lasse ich mir das nicht gefallen! Ich bin schließlich kein kleines Kind mehr!

  „Hau ab! Geh weg!“ schreie ich sie an.

  Das Erschrecken der Kalenderfrau nehme ich durchaus wahr. Ruhig versucht sie es mit:

  „Frau Schmidt … das ist …“

  Mir ist klar, sie will vermitteln. Aber nicht bei mir, jetzt. Noch einmal und noch lauter schreie ich meine Mutter an:

  „Verschwinde! Lass mich in Ruhe!“

  Um meinen Willen zu unterstreichen, greife ich nach meinem Stock und hebe ihn deutlich in die Höhe. Meine Mutter weicht zurück. Ich bin über mich selbst erschrocken. Sehe die geschrumpelte Haut einer Hand, die noch immer den Stock hochhält. Meine alte Hand. Wieso kommt eigentlich meine Mutter? Ich bin doch schon so alt? In welchem Jahr leben wir eigentlich?

  Behutsam nimmt die Kalenderfrau meine Mutter bei Seite, redet leise auf sie ein. Tröstet sie offensichtlich. Endlich verschwindet meine Mutter im Fahrstuhl. Komisch, unser Haus in Oberschlesien hatte doch gar keinen Fahrstuhl.

  Abermals nimmt die Kalenderfrau neben mir Platz und streichelt mich. Das ist angenehm. Ich werde ganz ruhig. Plötzlich steht Schwester Uschi vor uns. Es fühlt sich bedrohlich an.

  „Frau Schmidt“, holt sie schon aus, „ich habe doch grad ihre Tochter aus dem Fahrstuhl kommen sehen. Ist sie denn schon wieder weg?“

  Die Kalenderfrau versucht der Schwester Uschi heimlich Zeichen zu geben, die diese entweder nicht sieht oder nicht versteht.

  „Ja“, sage ich, „das wäre schön, wenn meine Tochter mich besuchen käme.

  „Aber die war doch eben hier“, wundert sich Schwester Uschi weiter.

  Langsam begreife ich. Das eben war wohl meine Tochter. Vielleicht wäre mir das nicht passiert, wenn auf dem Kalender auch die Jahreszahl stehen würde, denke ich verzweifelt. Meine Tränen lassen mich Schwester Uschi nur noch schwer erkennen.

  „Ich könnte ja ihre Tochter schnell anrufen“, sagt die Kalenderfrau fast bittend zu mir. „Die ist sicher noch in der Nähe.“

  Anrufen? Wundere ich mich, im Fahrstuhl? Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, erklärt sie mir:

  „Na, auf dem Handy!“

  Was ist das schon wieder? Aber weil sie mich so ansieht, als wenn sie mir unbedingt helfen möchte und meint mir etwas Gutes tun zu müssen, willige ich ein. Und anderthalb Stunde später tritt meine Tochter aus dem Fahrstuhl heraus. Oder waren es nur fünf Minuten?

  Jetzt muss ich zur Toilette. Auf die Hilfe der Kalenderfrau kann ich verzichten. Meine Tochter begleitet mich. Vorsichtig schaue ich mich um. Niemand ist in der Nähe. Ich will von meiner Tochter wissen, welches Jahr wir haben. Ganz normal antwortet sie mir und plötzlich bin ich in der richtigen Zeit und lächle meine Tochter glücklich an.




Katja Bär

1959 in Berlin geboren, dort und später in Dresden aufgewaschen

Abitur

Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ /Puppenspiel

mehrere Jahre als Ensemblespielerin am Puppentheater Zwickau und später am Puppentheater Chemnitz 

Umzug nach Köln

Seitdem selbständig unterwegs unter den Namen „Figurentheater Bär“

Engagements in zahlreichen Gruppen und an verschiedenen Theatern

Arbeit als Regisseurin und Stückentwicklerin

Arbeit als Betreuungsassistentin für dementiell Erkrankte

Literarische Veröffentlichung

  • Mitautorin in „Mauerstücke“, erschienen im Ronald Henss Verlag 
  • Selbstveröffentlicht „Der zum Golde verdammte König“

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: