Endlich – Unendlich

Sabine Hilscher für #kkl5 „Endlich nendlich, unendlich endlich.“


Endlich – Unendlich

Wenn der Pilz an der kleinen Öffnung des Anzuchtkartons endlich sichtbar wird, breitet sich die Aufregung in den Nervenbahnen wie ein weiteres Myzelgeflecht aus. Sehr klein verdichten sich die bisher sichtbaren feinen Fäden in der sägespänigen Anzuchtmasse zu einem weißlichen Klumpen an der Kartonöffnung. Die Feuchtigkeit des Raumes hat den Karton um die diese Masse herum schlappschmelzen lassen, so dass man ihn zur genaueren Betrachtung des weißlichen Klumpens nur zögerlich und mit nach hinten geneigtem Oberkörper ein wenig herumdreht. Voller Sorge, dass einem die Seitenwände feucht und leicht klebrig in die Arme sinken werden. Süßlich und ein bischen waldig duftet es aus dem ausgefransten Kartonloch. Weniger verwesend als erwartet, sondern mit einer angenehm pilzigen Frische. Die feinen Duftmoleküle setzten sich wie Sporen in die Hirnwindungen und starteten sofort einen Abgleich mit bisher Gerochenem:  – Die duftigen heftigen Geruchsströme in feuchtem Herbstwald, wenn das Grün der Bäume sich mit Farn und feuchter Erde zu einem melancholischen Geruchsteppich auf die Seele legt. – Der etwas pappige und enttäuschende Geruch beim Öffnen der Plastikverpackung von Supermarktchampignons, die in ihrer perfekten Optik wie Styropornachbildungen echten Lebens nebeneinandergeschichtet eine Art Light-Version von echtem Pilzduft verbreiten. Man muss mit der Nase schon so nah an das aus unerfindlichen Gründen meist blaue Plastikschälchen, dass dessen eigentlich neutraler Kunststoffgeruch den feinen Hauch von Pilz fast überdeckt. – Der erschlagende Geruch beim Betreten eines ungelüfteten feuchten Badezimmers in tropischen Gefilden. Wenn der Schimmel als Geruch direkt mit der Vorstellung von schwarz beflauschten Lungenbläschen in der Luftröhre steckenbleibt.

An der Oberfläche des weißlichen Klumpens sind fein verzahnte Ausbuchtungen zu erkennen, die ein Ahnung von der Puscheligkeit des zu erwartenden ausgewachsenen POM- POM -Pilzes geben. Das aufgeregte Kribbeln in den Nervenbahnen des Körpers wird beim Betrachten etwas weicher und nähert sich der Optik dieses kleinen Auswuchses an. Die gummiartigen kleinen Borsten kitzeln an den Innenwänden der Zwerchfellmuskulatur und lassen ein glucksendes Kichern aufsteigen, so unvermittelt und herrlich weich, wie man es von der Beobachtung kleiner flauschiger Tierkinder kennt. Ähnlich weich duckt sich der kleine weißliche Pilzwuchs beim Versuch ihn mit den Fingerspitzen zu berühren in seiner gummiartigen Konsistenz zur Seite. Die Sorge, die hautige Oberfläche mit unsichtbaren Schimmelsporen oder anderen Mikroben oder Bakterien zu benetzen, lässt die Hand aber schnell in eine Faust zurückschnellen und dort verharren, bis das kribbelnde Gefühl unter der Fingerkuppe verschwunden ist. Wir schnell wird der Pilz nun wachsen? Quillt er wie ein wucherndes Geschwür nun durch dieses Pappkartonloch und verwandelt sich innerhalb der nächsten Woche zu einem käsigen Gebilde in Form einer alten Tennissocke? Oder verwandelt er sich in ein zauberhaftes blumenkohlförmiges Puschelwesen, das man nur mit größter Hemmung abschneiden und wie einen kleinen japanischen Manga-Pudel vorsichtig in die Pfanne setzten wird, voller Angst, dass einem unter den seidigen haarigen Pilzfäden doch zwei dunkle Augen unendlich vorwurfsvoll aus der schäumenden Butter entgegenblicken?




Sabine Hilscher, studierte Bildende Kunst und Kostümbild an der UdK Berlin. Arbeitet als Bühnen- und Kostümbildnerin im Grenzbereich von Bildender Kunst/Musik und Theater und als Dozentin für Installation/Raum/Zeichnung. Seit 2020 schreibt sie Kurzprosatexte über Wahrnehmungsphänomene, Körperlichkeit und Grenzverschiebungen.

http://www.sabinehilscher.de/

„Unser Gespräch mit Sabine Hilscher“ HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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