Nachts – Allein – Im Wald.

Cornelia Koepsell für #kkl5 „Endlich unendlich, unendlich endlich“


In den Wintermonaten gewöhnte sie sich an, nachts in den Wald  zu gehen. Allein. Besonders in dieser Zeit hasste sie ihr Büroleben, das abgeschnitten sein von der Natur, vom Himmel, dem Mond und den Sternen.

In den Sommermonaten konnte sie  abends mit dem Fahrrad ihre Runden drehen, weil es lange genug hell war. Jedoch von November bis März wurde von den Menschen ihres Breitengrades erwartet, die meiste Zeit in geschlossenen Räumen auszuharren.

Seit Jahren fühlte sich ihr Berufsleben ähnlich an wie die Hamsterräder ihrer Kindheit, aber daran wollte sie nicht denken. Was brachte ihr die Erkenntnis, außer dass sie morgens noch schwerer aus dem Bett fand.

Fast schlagartig besserte sich ihre Stimmung, als sie begann nachts in den Wald zu gehen.

In den ersten Nächten schlug ihr das Herz bis zum Hals, sie fror und schwitzte abwechselnd, wenn sie ihr Auto in der Nähe des Waldes parkte und einfach loslief, mitten hinein in die Schwärze. Sobald ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten und auf das Licht der Sterne und manchmal des Mondes vertrauten, verschwand die Furcht so schnell wie eine davonlaufende Katze.

Wovor sollte sie  Angst haben? Eva war keine gewöhnliche Frau, das wusste sie seit langem. Genauestens hatte sie die anderen, ihr fremden Frauen studiert, ihre Bürokolleginnen, die erst zu Hause ihren Mann anriefen, bevor sie sich in die Tiefgarage wagten.

„Falls wirklich etwas passiert, wie soll er dir dann von zu Hause aus helfen“, fragte Eva erstaunt. „Er weiß dann nur wo deine Leiche liegt.“

Solche Äußerungen kamen nicht gut an. Der Ruf ihrer gravierenden Unweiblichkeit verstärkte sich und das wollte Eva vermeiden.

Nach einigen nächtlichen Ausflügen fühlte sie sich im Wald sicher. Wovor sollte sie sich auch fürchten? Männer, die Frauen überfielen und ihnen etwas antaten, gingen in den allerseltensten Fällen nach Einbruch der Dunkelheit in den Wald, um dort nach geeigneten Subjekten zu suchen. Dort würden sie im günstigsten Fall ein paar verschreckte Hasen antreffen, die sich nicht als Opfer eigneten, da sie schnell und hakenschlagend wieder verschwanden. Männer, die Frauen etwas antaten, vollzogen diese Akte der Gewalt in aller Regel in den eigenen vier Wänden und benutzten Ehefrau oder Kinder als  Heimtrainer.

Für ihre Ausflüge wählte sie meist dunkle Kleidung und eine Wollmütze, unter der sie ihre halblangen, blonden Haare versteckte. So konnte niemand, der ihr begegnete, erkennen, dass sie eine Frau war. Auch eine Taschenlampe nahm Eva mit, benutzte sie jedoch fast nie. Durch das aufflammende Licht würde sie sichtbar werden und genau das galt es zu vermeiden.

Eva wollte unsichtbar sein, mit der Dunkelheit verschmelzen. Manchmal hörte sie schon von weitem ein oder zwei Jogger heran keuchen oder sie sah das Licht ihrer Stirnlampen. Dann verließ sie den Waldweg, ging hinein in die Schatten, lehnte sich gegen den Stamm eines Baumes und wurde eins mit ihm. Noch nie war sie entdeckt worden.

Ihre Sinne waren aufs Äußerste geschärft, allein dieser Zustand war ungeheuer anregend, hatte sie doch während des Tages oft dieses abgestumpfte, betäubte Gefühl, dass ihr die Stunden ihres Lebens gestohlen wurden, mit ewiger Monotonie und Langeweile und immer gleichem Geschwätz.

Eva war viel und gern allein, weil sie in diesem begnadeten Zustand  voll und ganz sie selbst sein konnte.

An manchen Tagen verbrachte Eva  große Teile der Nacht im Wald. Im Outdoor-Laden hatte sie sich einen Schlafsack besorgt, der selbst bei zwanzig Grad minus warmhielt und eine auf engsten Raum zusammenrollbare Luftmatratze. Beides passte problemlos in ihren Rucksack, ohne dass jemand sah, beispielsweise die Nachbarn des Wohnhauses, in dem sie lebte, dass hier eine aufbrach mit den nötigen Utensilien, um die Nacht draußen zu verbringen.

 Sie hatte eine riesige Tanne entdeckt, gleich neben dem Fluss, deren Äste dicht und weit herunterhingen und eine natürliche Höhle bildeten, in die sie hineinkroch wie wenn es zurück in den Mutterleib ginge. Sie breitete die sich selbst aufblasende Luftmatratze aus, kroch in den Schlafsack, sah in den Nachthimmel und fühlte sich verbunden mit der Welt, den Sternen, dem Mond, der Luft, die über ihre Haut strich. Es war, als wenn sie zu einem Rendezvous ginge, zu einem Mann, den sie wirklich liebte und der dieses Gefühl erwiderte.

Manchmal ging sie zu einem Jäger – Hochstand, breitete auf der Holzbank ihren Schlafsack aus und schaute über Stunden in die Nacht.

Es war ein kalter und nebliger Freitagabend. Eva hatte viel Zeit. Das Wochenende lag vor der Tür. Am nächsten Tage würde sie ausschlafen. Heute brauchte sie sich keinerlei Zwang auferlegen, nach zwei Stunden oder so nach Hause gehen, um genügend Schlaf für das Durchstehen eines neuen Bürotages zu schnappen.

Als sie die Leiter zum Hochstand emporstieg, spürte sie eine Energie, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Etwas, das ihre Haut kribbeln ließ. Oben angelangt sah sie schemenhaft eine Gestalt auf der Holzbank sitzen. Erschrocken wollte sie den Rückzug antreten, als eine angenehm klingende männliche Stimme sie ansprach.

„Hallo“, sagte er und sie blieb auf der vorletzten Sprosse der Leiter stehen. „Auch eine Nachteule?“

Eva antwortete nicht. Wartete.

„Keine Angst“, sagte er. „Ich sitz hier nur so. Tut mir gut. Ein Gewehr hab ich auch nicht. Schieße niemanden ab. Weder Tier noch Mensch.“

„Ich hab keine Angst“, erklärte Eva. Es war die Wahrheit.

„Ja“, sagte er. „Das stimmt. Ich rieche es. Wollen Sie sich setzen?“

Er rückte ein wenig zur Seite.

Eva ging nicht nachts in den Wald, um Menschen zu treffen. Trotzdem erklomm sie die letzte Sprosse und setzte sich neben den Mann auf die Holzbank.

Sie schwiegen und schauten hinaus in die Nacht. Nach ungefähr zwei Stunden brach Eva auf. Sie musste sich regelrecht losreißen, ein Teil von ihr wollte dableiben für immer und nie mehr weggehen.

Niemals in ihrem Leben war sie einem anderen so nah gewesen. Vielleicht vor ihrer Geburt, woran sie sich nicht mehr erinnerte. Jedoch nie einem Mann mit einer angenehmen Stimme und einem Duft nach Baum, nach Fell, nach Harz, nach Rauch und vielem mehr, ein Geruch, der sie einhüllte wie eine berauschende Droge. Wie er aussah, wusste sie nicht.

„Auf Wiedersehen“, sagte er, als sie ging.

Es war keine Floskel, auch keine Frage. Es war eine Feststellung.

„Auf Wiedersehen“, sagte Eva.

Es war keine Antwort. Es war ein Versprechen. Sie würde es halten. Unter allen Umständen. Er wusste es. Sie wusste es.

Bei ihrem dritten Besuch geschah es, dass Evas Hand sich selbstständig machte. Das Hirn hatte die Kontrolle verloren. Irgendetwas hatte den Hebel umgelegt. Die Gliedmaßen und ihre Schaltzentrale existierten nicht mehr als Einheit, sondern als zwei verschiedene Planeten. Als Verbindung gab es nicht mal einen Shuttlebus.

Niemals hätte Eva der Hand den Befehl zu einem solchen Vorstoß erteilt. Die fünf Finger tasteten sich einzeln und vorsichtig nach rechts, um auf dem Knie des Mannes auszuruhen. Nach kurzer Pause begannen sie die Umgebung zu erkunden. Erst da erkannte Eva und es dauerte lang bis das nahezu ausgeschaltete Gehirn die Information aufnahm und irgendwie zuordnete – ein paar Synapsen schossen aufgeregt und völlig ungeordnet durch ihren Schädel, bis sie endlich einen Anschluss zum andocken fanden – erst da gestand Eva sich ein, was ihre Hand ertastet hatte, dass der neben ihr Sitzende nicht ausschließlich Mann war, zumindest unten herum von der Hüfte abwärts schien er anders zu sein, ein Etwas mit Fell, wollig, struppig und noch weiter unten – nein, das waren keine Schuhe, auch keine Sonderanfertigung für Klumpfüße, das waren HUFE.

„Okay“, dachte Eva. „Ein Faun. Halb Mensch. Halb Tier.“

Plötzlich sprach er. Es war das zweite Mal, dass sie seine Stimme hörte. In ihrem Darm begann es zu rumoren. Die Poren ihrer Haut stülpten sich nach außen, als dieser Bass neben ihr ertönte. Seine Stimme war ein Bogen und sie die Geige auf der er spielte, schluchzend, jauchzend und brummend.

„Ich bin kein Mensch“, sagte er.

„Was denn sonst? Vielleicht ein Kühlschrank?“ fragte Eva und freute sich, dass sie ihre eigene Stimme noch unter Kontrolle hatte. Vielleicht hatte er nicht gemerkt, wie es um sie stand. Aber wollte sie das? Wieder verweigerte das Hirn eine Antwort und ihr Schoß schrie „Nein“.

„Ich weiß nicht wie man das nennt in der Menschensprache. Unten rum bin ich ein Tier, ab der Hüfte ein Mensch.“

„Interessant“ krächzte Eva.

„Ich will dich“, sagte er.

„Das weiß ich doch längst“, dachte sie. „Was glaubst du, was ich will. Wenigstens fragt er. Ein höflicher Faun.“

Ihre Haut prickelte. Sie war so bereit wie seit Jahren nicht mehr, so bereit wie in den ersten sexuellen Träumen der Pubertät.

„Das ist doch alles Quatsch“, dachte sich Eva, versuchte zumindest einen solchen Gedanken in ihrem Kopf zu fixieren, ein Mann, halb Mensch, halb Tier, so etwas gibt es doch gar nicht, wahrscheinlich träume ich.

Ihre Hände entwickelten erneut ein Eigenleben, tasteten sich hinüber zu dem anderen, den sie in der Dunkelheit nur schemenhaft erkennen konnte. Wie eine Blinde erforschte sie sein Gesicht. Die Haut fühlte sich sehr weich und alt an, vielleicht neunzigjährig, jedoch die Lippen breit und weich wie Daunenkissen und als sie zwei Finger in seinen Mund schob, spürte sie die Zahnreihe eines noch jungen Mannes und eine kräftige Zunge, die sie hineinsaugen wollte, irgendwohin, wo es Vergessen gab.

Schnell zog sie die Finger zurück und schob die Hände unter den Stoff seines Hemdes, dessen Material sich anfühlte wie Moos, darunter eine breite menschliche Brust, fast vollständig behaart und Arme, die sie an sich zogen.

Sie konnte sich nicht wehren und wollte es nicht. Seine Hände, die ihr mit Leichtigkeit die Kleider vom Leib streiften, ein dunkler Jogginganzug, den sie bevorzugt trug für ihre nächtlichen Gänge in den Wald trug, Schlüpfer, Unterhemd, Schuhe, Socken. Die Nachtluft strich über ihre nackte Haut. Eva fröstelte.

Da rieb er sie mit seinen Händen, die innen rau waren, er bearbeitete ihren Körper von oben bis unten, nichts ließ er aus. Eva fröstelte längst nicht mehr. Ihre Haut brannte und schrie nach mehr.

Er umfasste ihre Hüften und setzte sie rittlings auf seinen Schoß. Eva spürte den weichen Pelz seiner Tierbeine an ihren Schenkeln. Als er sie so platzierte, wie beide es haben wollten, lösten sich ihre Gedanken auf in einem Feuerball.

Eva erwachte unter der Tanne in ihrem Schlafsack. Jeder Muskel fühlte sich weich und entspannt an. Der Morgen brach an. Sie packte ihre  Habseligkeiten und ging nach Hause.

Und sie ging wieder in den Wald. Und sie traf erneut ihren Liebhaber. Und sie probierten alles aus. Und was sie miteinander erlebten, das war nicht von dieser Welt.

Als Eva eines Tages nicht mehr in der Arbeit erschien, ließ der Chef nach drei Tagen ihre Wohnung aufbrechen. Sie war leer. Kein Abschiedsbrief.

Kurz darauf fanden Waldarbeiter Eva unter der Tanne. In ihrer Höhle.

Sie lag nackt auf dem Schlafsack. Gut erhalten aufgrund der lang anhaltenden Minustemperaturen in diesem Winter.

Einer der jungen Männer, die sie fanden, konnte sich nicht losreißen vom Anblick ihres Körpers und erst recht nicht vom Ausdruck auf ihrem Gesicht, für den „Glück“ kein Wort war.

Sie zerrten ihn fort und gaben ihm Schnaps.

Evas Kleidung lag weit verstreut.

„Tod durch Erfrieren“ stellte der Gerichtsmediziner fest.




Cornelia Koepsell Jahrgang 1955

literarisches Schreiben seit 2002

90 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen: 3. Preis des Schwäbischen Literaturpreises 2011

3. Preis Frauen Literaturpreis 2014

3. Preis Berner Bücherwochen 2015

3. Preis Frauen Literaturpreis 2016 (Theaterstück)

1. Preis Kunsthaus Lisa 2021

Publikationsliste

Debütroman „Das Buch Emma“ , September 2013

Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-409-3

Roman „Lauf weg wenn du kannst“ Juli 2017, Geest Verlag ISBN 978-3-86685-6097

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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