Ernst und das Warten

Jonna Geeb für #kkl5 „Endlich unendlich, unendlich endlich“


Ernst und das Warten

Am Ende der kleinen Straße gibt es in der Ecke eine Wäscherei. Dort kann man seine Wäsche in der Waschmaschine waschen, im Trockner trocknen und im Zentrifugiergerät zentrifugieren. Man muss mit Münzen zahlen. Eine Wand ist rot, und an der hängt ein unmotiviertes Bücherregal, in dem ein paar ebenso unmotivierte Bücher rumliegen. Darunter steht ein breiter Tisch. Auf dem Tisch sitzend sah ich den Mann, den ich hier Ernst nennen werde, zum ersten Mal. Oder besser, das erste Mal, an das ich mich erinnern kann. Er ist einer der vielen Menschen, an die man sich nicht erinnert, wenn man sie das erste Mal sieht, und ich weiß nicht wie oft ich ihn gesehen habe, bis ich mich an ihn erinnern konnte, überhaupt verstehe ich nicht, warum ich mich beim zweiten oder dritten oder vierten Mal erinnern sollte, wenn ich es beim ersten Mal nicht tat. Das erste Mal, dass ich mich daran erinnere, ihn gesehen zu haben, da war nichts Besonderes, er saß auf dem eben genannten Tisch, ein Bein darauf abgelegt, das fiel mir vielleicht auf, oder vielleicht erinnerte er mich vage an meinen alten Mathematiklehrer, aber auch nur auf einen flüchtigen Blick, denn er ähnelte nicht dem alten Herrn Licht, er schien mir irgendwie dunkler. Ich ging an dem großen Glasfenster vorbei und warf aus zur Gewohnheit gewordener Neugier einen Blick herein, und da saß er also, und ich dachte nicht weiter darüber nach.

Ich gehe mehrmals täglich an dieser Scheibe vorbei, ich schaue nicht immer herein, aber das nächste Mal, dass ich ihn sah, brauchte ich auch nicht hereinzuschauen, denn er saß draußen auf der kleinen Treppe vor dem Eingang. Er schaute zurück als ich ihn sah. Erst dachte ich, dass er es sei, der mich wiedererkenne, dann ging mir auf, dass ich es war, die ihn wiedererkannte, und ihn deswegen länger als normal betrachtete, und dass er deswegen guten Grund hatte, länger als normal zurückzuschauen.

Am Tag danach ging ich meine Wäsche waschen. Ernst war wieder da. Er stand am Tisch, leicht angelehnt. Er schien zu warten, ohne es eilig zu haben. Ich hatte das Gefühl, dass er mich beobachtet, und das gefiel mir nicht. Am Ende warf ich die Waschmaschinentür zu und lief aus der Wäscherei ohne nochmal zu ihm hinzublicken.

Seitdem begann ich viel darüber nachzudenken, was Ernst da in dieser Wäscherei wohl macht. Ich habe ja schon gesagt, dass er so aussieht als würde er warten, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr überzeugte ich mich davon, dass er nicht auf seine Wäsche wartete. Ich fragte meinen Freund, warum jemand wohl jeden Tag in der Wäscherei sein könnte. Ich stand mitten im Zimmer und ließ zu viel Zeit zwischen den Worten vergehen. „Vielleicht ist er Bettnässer“, sagte er. Er verstand mich nicht. Ernst wartete nicht auf seine Wäsche.

Es schien mir als müsste ich ihn auf frischer Tat ertappen, d.h. in der Wäscherei, ohne dass da irgendwo seine Wäsche sein könnte. Das war allerdings nicht möglich, ohne selber verdächtig zu werden. Was hätte ich schon in der Wäscherei zu suchen, wenn ich keine Wäsche waschen wollte? Dann dachte ich, ich müsse ihn konfrontieren. Aber wie? „Was machst du da?“ – „Ich warte auf meine Wäsche.“ Oder: „Worauf wartest du?“ – „Auf meine Wäsche.“

Einmal als ich wieder an der Wäscherei vorbeiging und Ernst natürlich dadrinnen saß konnte ich die Untätigkeit nicht mehr ertragen – Bevor ich mir bewusst werden konnte, was ich da tue, war ich schon reingegangen und stand vor der Münzeinwerfmaschine. Mir fiel nichts besseres ein als mich von dort zu einer Waschmaschine, die gut im Gange war, zu bewegen, und nachzuschauen, wie viele Minuten sie noch zu waschen hatte. Dann trat ich einen Schritt zurück und schaute auf ein Loch in der Luft. Dann wendete ich mich in Richtung Ernst, ging auf ihn zu und konfrontierte seine Augen. Sein Ausdruck war weitaus milder als ich es erwartet hatte, und ich blieb verwirrt vor ihm stehen, weil da irgendwie nichts zu konfrontieren war. „Macht dir das ganze Warten gar nichts aus?“ Ich merkte Adrenalin durch meinen Körper schießen und verschränkte die Hände hinter dem Rücken um ihr Zittern zu verbergen. Ernst nahm sich Zeit, er lächelte, dann sagte er sanft: „Ich warte gerne.“ Ich wusste nicht ganz wie weiter, also sagte ich „hmm“, etwas undefinierbar, und setzte mich neben ihn.

Der Raum schien hohl und das Rauschen der Maschine wurde weniger aggressiv, immer wohltuender, als versicherte es mir, dass die Zeit nun still steht und sich so bald nichts ändern wird und dass das gut so ist. Nichts passierte. Ich lauschte in den Stillstand, und langsam begann ich zu verstehen, nicht alles, aber Ernst, das Warten, dieses scheinbar endlose Warten, es war mir als wäre ich aus der Zeit ausgetreten und hätte dort eine andere Zeit gefunden, die nicht vergeht, von der unendlich viel da ist, nach der ich nicht zu greifen brauche, weil sie sich selber hält, bewegungslos, sinnbefreit… Ich wollte mich zu Ernst wenden und ihm erzählen, dass ich es jetzt verstünde, dieses Warten, da stand er auf, ging zu der Maschine von der ich die Zeit abgelesen hatte und holte die Wäsche heraus. Auf dem Weg nach draußen nickte er mir freundlich zu. 




Jonna Geeb Geboren 1994 in Dänemark, Bachelor in Philosophie und Literaturwissenschaft, angefangener Master in Kulturwissenschaft. Lebt derzeit in Kopenhagen.  

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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