Zug Umzug

David O’Neill für #kkl6 „Zeitenwende“



Zug Umzug

Als sich John Terry auf die Fresse legt, bin ich zwölf. Saturn, FIFA, ich kann das besser. Konnte ich nicht und lege die Hülle in die Tüte ohne Aufschrift für den Müll. Pause.

Pueblo in das Papier, Strohhalm in die Capri-Sonne, fünfundzwanzig, fast so alt wie er damals, nicht auf die Fresse gelegt, dafür schlauer und ärmer, aufpassen, auf die Fresse legen geht immer noch, ein, aus.

Ich lege die nicht mehr glühende Kippe in die Tüte ohne Aufschrift für den Müll und werfe den Aschenbecher in den Karton mit Aufschrift für die Wohnung. Den werde ich noch brauchen, die Zigarette nicht, ich drehe mir eine frische, wenn ich nochmal will, FIFA auch nicht, erwachsen sein.

Aus der Studentenwohnung ausziehen ist wie Wiedergeborenwerden als Sachbearbeiter, nur um einiges besser, wenn man keiner ist. Glück gehabt, Gefühl trotzdem komisch. Müde, mutig, wach, wankelmütig. Augen auf, in zwei Stunden kommt der Nachmieter, er kennt Studieren bisher nur von Prospekten und wird sich wundern, über das Studium und dass ich ihn beneide. Das sage ich ihm nicht, er soll schön denken, es wird immer besser, ha.

Adrian hört auf zu bohren und setzt sich hin, was hat er überhaupt gebohrt, sehe nichts vor Löchern, alles ein Loch. Pause, Capri Sonne, rauchen. Er hat fertige Zigaretten dabei und spart viel Zeit, ich dafür Geld. Zeit, Geld, Kontinuum.

Ein Bücherbrett mit Romanen und Resignation, ein Musikregal mit mp3-Dateien, es ist voll und leer zugleich und trägt sich leicht, Goldroger im Hintergrund, schreibt über Schreiben und singt es dann, meta. Ich trage eine Hose und ein Schuhregal.

Klingel, Post, der wohnt hier nicht mehr, lustig, Mahnung, der wohnt hier wirklich nicht mehr, ehrlich.

Ein Menschenaffe ist immer ein Affe und kein Mensch, ein Mensch kann aber auch ein Affe sein, sagt Louis und kocht viele Nudeln.
Mensch, bist du ein Affe, sagt Adrian, ich lache über eine krumme Gabel, Louis lacht über Affen, Adrian bohrt Löcher in die Löcher, damit sie zugehen.

Ich ziehe um und Louis kocht Nudeln, bestimmt bekomme ich etwas ab, wenn er schon nicht hilft, außerdem sind wir bei mir, ich habe Hunger.

Ein Foto hängt an der Decke, schon immer, einmal bin ich rangekommen, danach nie wieder, scheint es. Ich und meine Schwester, meine Schwester und ich, eher, ich so zwölf, sie so alt wie John Terry. Alte Väter machen junge Kinder.

Adrian muss los, nicht mehr bohren, sondern arbeiten, seine Arbeit ist der Handel mit Getränken, kann man so sagen, er ist Kellner, Louis auch, aber der macht Nudeln. Paul ist Koch und gibt ihm was zu trinken, wo kommt er denn jetzt her, ich gebe ihm die Hand und er mir mein T-Shirt zurück, fein, Karton schon weg, ich ziehe es an.

Andere ziehen um die Häuser, sie ändern sich nicht, ich ziehe um, die Häuser, sie ändern sich, nicht ich, ich nicht, niemals. Neben dem, wo mein Bett war, Schopenhauer, ich hebe ihn auf. Den hebe ich auf. Wo ist der Karton mit Aufschrift für die Wohnung? In der Wohnung. Arthur kommt in den Rucksack, da sind die Erinnerungen drin, er hat viel Platz.

Cora kommt, sie lacht, ich liebe, Louis hat gut gekocht und wir gut gegessen, weiter, nur Mut, na gut. Wenn man eine Lampe abmontiert, wird es dunkel, das steht nirgendwo.

Man kann Schränke eingeräumt lassen, wenn Louis mitträgt, lerne ich. Er hilft doch und alle sind egal, egal, ich trage Handschuhe und Dinge vor mir her.

Adrian ist doch geblieben und weißelt, in der Linken ein Helles, ich blättere durch Andorra und werfe es in den Karton ohne Aufschrift für die Wohnung, der Edding ist leer.

Tom wartet, Downtown Train, ich nehme Züge von der Zigarette und höre zu, Cora auch, wir lächeln und reden über Waschmaschinen, weil Louis eine trägt.

Wir stehen rund und stoßen an, einander, unperfekte Menschen, perfekter Kreis.




David O’Neill, geboren 1995, irische Wurzeln in Wuppertal geschlagen. Studium der Urbanistik beendet, seitdem schreibend über Städte und das, was in ihnen passiert.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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