Telefongeschichte – Geschichte des Telefons

Werner Haussel für #kkl6 „Zeitenwende“

Telefongeschichte – Geschichte des Telefons
Meine Paten, Onkel Arno und Tante Ilse, wohnten im Wölsauer Umspannwerk. Wolfgang, ihr Sohn, war einige Jahre älter als ich, aber wir spielten dennoch öfter miteinander. Das Umspannwerk war zwar ein gefährlicher, aber für uns Buben geradezu abenteuerlicher Spielplatz. Offensichtlich waren damals die Sicherheitsbestimmungen noch nicht so streng wie heute, oder Onkel Arno legte sie für uns einfach etwas wohlwollender aus. Eine Sicherheitsunterweisung hatten wir von ihm aber schon erhalten: Wir durften uns den riesigen Transformatoren nur bis zu den sie umgebenden Ölwannen nähern. Hineinsteigen war nicht! Da Wolfgang, bedingt durch sein Alter, doch etwas verständiger war, achtete er penibel darauf.
Direkt neben der Steuerwarte des Umspannwerks befanden sich zwei Wohnungen für das Wartungspersonal, dem Onkel Arno angehörte. Er, Tante Ilse und Wolfgang wohnten im Obergeschoss. Der interessanteste Einrichtungsgegenstand, den sie besaßen, war das große schwarze Telefon, das in einer Ecke des Wohnzimmers auf einem kleinen Podest stand. Ich fühlte mich von diesem Gerät geradezu magisch angezogen. Das lag wohl daran, dass wir selbst kein Telefon hatten und es in den 50er-Jahren ein Privileg war, eines zu besitzen. Sie hatten auch nur deshalb eines, weil Onkel Arno als Techniker der Leitwarte vom Energieversorger ein Diensttelefon zur Verfügung gestellt bekam. Das Telefon faszinierte mich sehr. Immer wieder hob ich den schweren Hörer ab oder fingerte an der für mich kaum bedienbaren Wählscheibe herum.
Eines Tages eröffnete mir Tante Ilse, dass ich meinen Vater an seinem Arbeitsplatz anrufen dürfe, wenn ich wolle. Und natürlich wollte ich! Ich denke, ich ging zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die Schule, kannte aber die Zahlen zwischen eins und neun schon. Die Tante legte mir den Zettel mit der vierstelligen Nummer neben das Telefon und ich durfte unter ihrer Aufsicht wählen. Ich hätte wohl auch darauf bestanden, die Wählscheibe selbst zu betätigen, denn ich hatte das für einen richtigen Anruf noch nie getan. Leider verlief der Versuch nicht optimal und hatte für mich weitereichende Folgen.
Ich hob also den Hörer ab, steckte den Finger in das Loch mit der ersten Ziffer und drehte die Scheibe in Richtung des Anschlags. Weil sich die Scheibe so schwer bewegen ließ und die Löcher nicht für meine kleinen Finger konzipiert waren, rutschte mein Finger auf dem halben Weg dorthin aus dem Loch, sodass sich die Wählscheibe wieder zurückbewegte. Die Tante bemerkte das Malheur sofort und gab mir zu verstehen, dass es nicht in Ordnung sei. Also wieder auflegen, wieder abheben und ein neuer Versuch. Dieses Mal gelang es mir, bis zur dritten Ziffer zu kommen, und wieder rutschte ich ab. Beim nächsten Versuch dachten wir, es sei endlich geschafft, aber am anderen Ende der Leitung meldete sich nicht mein Vater, sondern jemand ganz anderes. Offensichtlich hatte ich eine der Ziffern nicht ganz bis zum Anschlag gedreht, ohne es zu bemerken.
Es war schrecklich. Ich wollte nun auch nicht mehr und fing an zu weinen. Dabei hatte ich mich so sehr darauf gefreut, die überraschte Stimme meines Vaters zu hören. Ich weiß nicht mehr, wie die Telefonaktion zu Ende ging. Ob Tante Ilse letztlich wählte oder ob wir es einfach gelassen hatten.
Konsequenzen zeigte dieses Erlebnis für mich schon, denn als Kind träumte ich oft von meinem Scheitern am schwarzen Telefon. Zunächst immer wieder von der konkreten Situation in der Wohnung meiner Paten, dann aber auch außerhalb, irgendwo in einer anderen Wohnung. Als dann überall die Telefonhäuschen mit Münztelefonen errichtet wurden, kam es vor, dass ich mich auch dort im Traum beim Wählen der Nummer abmühte.
Diese Albträume verfolgen mich bis heute und jedes Mal erwache ich wegen der großen Verzweiflung, die in mir aufsteigt. Dabei bettet sich das „Wähldrama“ in die unterschiedlichsten Handlungskontexte ein. Allerdings haben sich die Träume über die Jahre hinweg an die technische Entwicklung der Telefonie angepasst.
Einer meiner letzten Telefon-Alpträume, fast 60 Jahre nach meinem traumatischen Erlebnis, verknüpfte sich mit einer wahren Begebenheit, die sich Anfang der 90er-Jahre abspielte. Damals war ich Entwicklungsleiter in einer Firma für elektronische Raumthermostate und musste zur Klärung von Reklamationen nach Asien reisen. Die Route führte über Bangkok und Kuala Lumpur nach Singapur. Begleitet wurde ich von Chan, unserem Vertreter für Südost-Asien. Da unser Termin am letzten Tag in Singapur ins Wasser fiel, wollte ich einen Tag früher nach Hause fliegen. Sigrid, meine Frau, würde sich freuen, wenn ich sie in der Weihnachtszeit besser unterstützen könnte, dachte ich. Chan wollte sich um die Umbuchung bei der Airline kümmern, aber das war ganz schön schwierig. Telefonisch wäre es nicht so einfach möglich, sagte man ihm, wir sollten mit den Reiseunterlagen ins Büro kommen.
Also machten wir uns auf den Weg und standen schließlich vor einem nicht allzu hohen Glasbau. Am Eingang prangten die Schilder der dort untergebrachten Firmen und auch das unserer Airline. Wir traten ein, wunderten uns schon über die leeren Flure und standen endlich vor der Türe der Fluggesellschaft. Aber niemand öffnete uns. Wir klopften und klingelten, doch auch die Nachbartüren blieben verschlossen. Da packte Chan sein Mobiltelefon aus, eines jener damals üblichen „Backsteine“, und wählte die bereits gespeicherte Nummer. Er wurde sehr laut und seine Stimme hallte und überschlug sich in dem von Glas umgebenen Flur. Draußen sahen die Passanten schon zu uns herauf, weil sein Geschrei bis auf die Straße zu hören war. Es war ziemlich peinlich.
Aus dieser Situation erwuchs später einer meiner letzten Telefon-Albträume, verknüpft mit dem „Wähldrama“, das ich bei Tante Ilse erlebt hatte: Ich stand alleine in genau diesem Glasgebäude vor der Türe der Airline mit meinem neuen Smartphone in der Hand. Ich wollte Sigrid anrufen und ihr freudestrahlend berichten, dass ich einen Tag früher nach Hause komme. Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach unsere Nummer wählte, die ich auswendig wusste, sondern alle möglichen anderen Verfahren probierte. Erst versuchte ich es mit dem Wahlwiederholspeicher der Telefon-App. Dort konnte ich die Nummer trotz intensiven Suchens nicht finden. Dann wollte ich es mit den Kontakten versuchen. Die ließen sich aber erst nicht öffnen. Über irgendeinen Umweg im Menü des Smartphones gelangte ich dann doch zu den Kontakten, fand den Eintrag und wählte die Festnetz-Nummer aus und drückte das grüne Hörericon. Plötzlich war das Display schwarz. Ich drückte die Einschalttaste an der Seite des Telefons und auch sonst die wenigen Tasten, die zur Verfügung standen, immer hektischer werdend, aber nichts geschah, bis ich schließlich in meiner Verzweiflung aufwachte.


… Auszug aus dem biografischen Roman „August und ich“

https://www.bod.de/buchshop/august-und-ich-werner-haussel-9783751950992



Werner Haussel ist 1953 in Marktredwitz/Oberfranken geboren. Er studierte Nachrichtentechnik in Nürnberg und hat sich berufsbedingt dort niedergelassen. Heute lebt und arbeitet er in Feucht bei Nürnberg und befasst sich neben seiner Tätigkeit als Autor mit Ahnenforschung und Fotografie.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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