Inseln

Claudia Dvoracek-Iby für #kkl6 „Zeitenwende“



Inseln

Zweimal bin ich mit dem Zug nach Berlin gefahren. Das erste Mal für mehrere Tage im Sommer. Du hast mich eingeladen, einige Wochen, nachdem du mit Sonja in diese Stadt gezogen bist, zeigst mir bei tropischen Temperaturen all deine Lieblingsplätze, führst mich in Museen und Galerien, durch Parkanlagen und in Geschäfte. Einmal gehen wir auf schmalen Wegen die Grabsteinzeilen des Friedhofs Wannsee entlang. – Hier werde ich auch einmal landen, Jana, sagst du, und wirkst dabei glücklich, beinahe euphorisch, auf keinen Fall in Wien. In Wien bin ich geboren, in Berlin werde ich begraben.

Abends dann lange Spaziergänge an der Spree. Wir setzen uns in eines der Lokale dort, essen, trinken und reden bis tief in die Nacht. Sonja ist nie dabei. – Sie besteht darauf, dass wir diese Zeit für uns haben, sagst du, Sonja versteht uns. Und vielleicht ist das tatsächlich so, auf alle Fälle ist Sonja die erste deiner Frauen, die nicht eifersüchtig ist. Ihre Vorgängerinnen sind es gewesen, wohl deshalb, weil sie nicht einordnen konnten, welche Rolle ich in deinem Leben spiele. Ich bin diejenige, die schon immer da war, diejenige, die du von klein auf kennst. Das behagte ihnen nicht, es verunsicherte sie.

Das zweite Mal überrasche ich dich zu deinem Geburtstag im Oktober. Sonja ist eingeweiht. Du öffnest die Tür, ich entnehme der Musik, dem Stimmengewirr und Lachen hinter dir, dass deine Geburtstagsfeier bereits voll im Gange ist, du bist momentan sprachlos, mich zu sehen, dann fallen wir uns in die Arme und lachen unsere Freudentränen weg.

Und jetzt also fliege ich zu dir. Ich sitze am Fensterplatz, angegurtet, regungslos, habe meine Augen geschlossen. So halte ich der Erinnerungsflut, die mich überschwemmt, seitdem ich den Platz eingenommen habe, am besten stand. Paradoxerweise sind gerade diese Erinnerungen innerliche Inseln für mich, weil sie von den Ereignissen der Gegenwart unberührt bleiben.  

In Gedanken sitze ich gemütlich im Cafe Eiles. Es ist ein Sonntagmorgen im Mai, und ich warte auf dich. Wie so oft verspätest du dich, wirkst leicht gehetzt, aber bestens gelaunt, wir frühstücken gemeinsam, lesen Zeitung, unterhalten uns. Ganz nebenbei erwähnst du, dass du und Sonja von Wien weg und nach Berlin ziehen werdet, sprichst dann schnell von irgendetwas anderem, erst als ich nachfrage, einmal, zweimal, stelle ich fest, dass es dir tatsächlich ernst ist damit. – Du weißt ja, Freunde von ihr leben dort, auch ihre Schwester, außerdem hat sie in Berlin tolle Job-Möglichkeiten, ich übrigens ebenfalls. Ich bin flexibel, sagst du, ich muss nicht unbedingt mein ganzes Leben in Wien verbringen. Und schließlich, sagst du, Sonja ist die Frau, die mich gerettet hat. Ein Satz, der mir einen leichten Stich versetzt, bin doch immer ich deine Retterin, deine Beschützerin gewesen.

Als ich auf die Welt komme, ist deine Mutter, die beste Freundin meiner Mutter, eine der ersten, die uns besucht. Sie hält dich auf dem Arm. – Sieh nur, David, sieh nur, flüstert sie in dein Ohr, zeigt entzückt auf mich schlummernden Winzling, das ist deine kleine Freundin, Jana. Und du, soeben in dem Alter, in dem du dich in ersten Wörtern versuchst, lautierst vergnügt: Ja-ja-na.

Viele Jahre später stellst du mich deinen jeweiligen Freundinnen stolz mit jener Begebenheit vor. – Das ist Jana, und, stell dir vor, ihr Name war das erste Wort, das ich gesprochen habe. Du übertreibst natürlich wie so oft, mein Name war sicherlich nicht dein erstes Wort, eventuell einer der ersten, aber ich korrigiere dich nicht, ich lächle nur sanft, und schon sehe ich erhöhte Aufmerksamkeit und Eifersucht in den Augen deiner Freundinnen aufblitzen.

Leichte Turbulenzen. Ein Rütteln geht durch den Flugzeugbauch. Ich blicke auf, wechsle ein paar Worte mit meiner Sitznachbarin, die ihre langen Beine in dem Zwischenraum zwischen ihrem Platz und Vordersitz auszustrecken versucht. Sehr schlank, helles langes Haar. Sie würde dir gefallen, bleiben meine Gedanken bei dir. Du hast immer den ätherischen Typ, Elfenfrauen, also eigentlich das Gegenteil von mir, gesucht. Ich denke an die Zeiten, in denen ich mich fragte, ob du ausschließlich die Freundin in mir siehst, mich nicht doch auch als Frau wahrnimmst.

Mein 22. Geburtstag. Ich habe mir beim Tennis den linken Knöchel verstaucht, darum feiere ich in keinem Lokal, sondern habe ein paar Freunde zu mir eingeladen. Später dann schicke ich sie weg: Geht tanzen, tanzt für mich. Gegen Mitternacht sind sie alle gegangen, alle außer dir. – Ich lasse dich doch zu deinem Geburtstag nicht allein, flüsterst du mir ins Ohr, bist wie ich schon ziemlich betrunken, komm, trinken wir, auf dich, aufs Leben, auf uns, Jana. Und schließlich, wir küssen uns, wie seltsam sich das anfühlt, unerwartet und unerwartet schön, doch später dann, schwach steigt wieder das Gefühl von damals in mir auf, diese Mischung aus Belustigung und Wut, als ich hilflos auf deinen nackten Rücken einhämmere. Aus Spaß natürlich, du lachst, und ich lache ebenfalls, aber mit dem Lachen übertöne ich auch die Trauer darüber, dass es nicht funktioniert mit uns. Ein Kuss noch, ein langer, zärtlicher, dann sagst du leise: – Lassen wir das, Jana. Ich lieb dich viel zu sehr, als mit dir – nein, das mit dem Sex, das ist nichts für uns beide.

Zwei Monate später ziehe ich aus unserer WG aus, indem ich einen Streit mit Anna provoziere, der blonden Mitbewohnerin, mit der du dann eine Zeitlang liiert bist. Spätestens, als ich Faris kennenlerne, ist längst wieder alles in Ordnung zwischen uns. Natürlich erklärst du auch Faris, dass mein Name dein erstes Wort war. – Er hasst mich, sagst du im Laufe der Jahre immer wieder, beinahe stolz, dein Mann hasst mich. Wieder eine deiner typischen Übertreibungen. Faris hasst dich nicht, er mag dich allerdings auch nicht besonders. Das starke Band zwischen uns weckt wohl auch in ihm Skepsis.

Es ist mein erster Schultag. Ich bin aufgeregt, ich habe Angst vor dem Neuen, Unbekannten, und du bist es, der mich an der Hand nimmt und sie ermutigend drückt, nicht meine Mutter, die mich, mit der Schultüte in der einen, deiner Hand in der anderen Hand, fotografiert. – Du brauchst vor nichts Angst haben, wenn dich jemand ärgert, holst du mich. Ich bin immer in deiner Nähe, in der Klasse gegenüber, sagst du.

Doch schon damals als knapp Sechsjährige weiß ich, dass ich die Stärkere von uns beiden bin. Als Jugendliche dann, als junge Erwachsene bin ich es, die alles organisiert, wenn wir gemeinsam mit Freunden auf Reisen oder auf Wohnungssuche sind. Von klein auf habe ich mir die Rolle der Zupackenden zugelegt, du dir die des Fantasievollen, des Sensiblen.

Ein Bild in mir: Du und ich in unserer 5er-WG, an einem Wochenende, wir frühstücken gegen Mittag, lesen Zeitungen. Ich höre seltsame Geräusche aus deiner Richtung, blicke an deiner Zeitung vorbei in dein Gesicht. Du weinst. – Was ist denn los, frage ich erschrocken. David, was ist? Du schluchzt laut auf, legst die Zeitung auf den Tisch, zeigst auf einen Artikel. Die Schlagzeile lautet: ‘Jugendliche begeht Selbstmord. Die Welt ist so schön und ich bin so hässlich, schrieb sie in einem Abschiedsbrief.‘ – Hast du das Mädchen gekannt? frage ich dich vorsichtig, du schüttelst weinend den Kopf, sagst leise, man muss doch einen Menschen nicht kennen, um um ihn zu trauern.

Unbeabsichtigt berührt mich das Knie meiner Sitznachbarin, ich sehe auf den Stoff ihrer helle Leinenhose, ein anderes Bild blitzt in mir auf. Du und ich, wir sind Teenager, sind wie so oft in deinem Zimmer, gemeinsam mit deiner kleinen Schwester Marion. – Marion, die mich vorgestern angerufen hat. – Bitte, Jana, bitte komm zu uns, zu David. Von dir wünscht er sich das mehr als von allen anderen, das weißt du doch, hat sie gesagt. –  Die kleine Marion damals, sie verlässt irgendwann dein Zimmer und wir beide sind allein. Du liest in einem deiner Astronomie-Bücher, ich betrachte mich im Kastenspiegel, streiche meine dunklen Haare aus dem Gesicht, drehe mich vor dir in meiner neuen, weißen Jeans.  – Was meinst du, wie passt die mir? versuche ich dich zu locken. Du siehst nicht auf von deinem Buch. Ich setze mich dicht zu dir, und dann umarme ich dich von der Seite, länger als sonst, anders als sonst. Ich lege meinen Kopf auf deine Schulter, schmiege mich eng an dich und du lässt es zu, lässt auch zu, dass ich dich küsse. Es ist mein erster Kuss und auch dein erster Kuss, behauptest du danach zumindest. Dann schiebst du mich sanft von dir, und ich nehme verlegen den Stoffhasen, der seit deiner Kleinkinderzeit auf dem Bett sitzt, der schon bei dir im Gitterbett gelegen ist, meine Mama hat ihn dir geschenkt, als du ein Baby warst. Ich drücke ihn aus Verlegenheit, und du sagst: Er gehört dir, ich schenke ihn dir, ich brauche ihn nicht mehr, jetzt bin ich ja ein Mann. Du bringst mich damit zum Lachen und wenig später spielen wir wie so oft Tischtennis im Hof.

Am nächsten Tag sehe ich dich in der Pause Hand in Hand mit Nicole, eine der blonden Tussis aus deiner Klasse. Du sagst, dass du mit Nicole gehst, und ich sage mein Beileid zu ihr und sehe dich an und verdrehe die Augen und zeige dir heimlich den Mittelfinger, flüstere, Arschloch, feiges. Und am Nachmittag rufst du mich an und willst eine Tischtennis-Revanche, und schon bin ich wieder bei dir und wir spielen Tischtennis, und ein paar Wochen später bist du wieder solo und ich gehe mit Lukas.

Die längste Kontaktpause zwischen uns dauert beinahe ein Jahr. Sie fällt in die Zeit, als meine beiden Kinder noch sehr klein sind. Ich bin naturgemäß voll eingespannt, ständig übermüdet, du hingegen befindest dich in einer Phase, in der du jede Nacht durchmachst, sehr viel trinkst. Du nennst dich nun Dave, rufst mich mitten in der Nacht betrunken an, du kündigst deine Arbeit, kündigst deine Wohnung, ich streite mit Faris wegen dir, weil ich dich nach wie vor verteidige, und dann, eines Nachts, es ist halb drei Uhr morgens, dein Blick, dein fassungsloser Blick, als ich dich nicht in die Wohnung lasse, dir einen Geldschein zustecke: – Geh, bitte, geh, David, suche dir ein Hotel, du kannst nicht bei uns übernachten. Am Morgen finde ich den Geldschein am Fußabstreifer.

In den darauffolgenden Monaten höre ich von gemeinsamen Freunden, dass du nach wie vor zu viel trinkst, nichts arbeitest, dass du unzugänglich bist, dich verändert hast. Meine Anrufe nimmst du nicht an. Und dann, irgendwann, unerwartet, endlich: Du rufst mich an, gut gelaunt, herzlich wie immer, als ob keine lange Funkstille, als ob nichts zwischen uns gewesen wäre, noch am selben Tag treffen wir uns im Cafe Eiles, du trinkst Mineralwasser, und später dann stellst du mir Sonja vor. – Seit ich sie kenne, geht es wieder aufwärts mit mir, sagst du zu mir, und zu Sonja sagst du: – Das ist Jana. Mehr sagst du nicht.

Die Erinnerungsbilder verschieben sich, fließen ineinander, verschwimmen, du bist nun alles zugleich, Jugendlicher, Kind, Erwachsener, erst bei der Landung wache ich wieder auf.

Und jetzt. Jetzt steht da ganz still Marion mitten im geräuschvollen Getriebe des Flughafengeländes. Ich sehe in ihr Gesicht, das deinem ähnlich ist, gehe auf sie zu, bleibe zwei Meter vor ihr stehen und realisiere schlagartig: Du wirst mich nie wieder abholen. Du wirst mich nie wieder umarmen. Bitter bricht es aus mir heraus: – Wie konnte das passieren…warum.. ich konnte mich nicht einmal verabschieden.. Und Marion sagt leise: – Ja, es ist nicht zu fassen – und will beginnen, mir Details von deinem Unfall zu erzählen, und abwehrend hebe ich die Hände und jetzt liegen wir uns in den Armen, deine Schwester und ich, wir weinen beide, hier, mitten, am Flughafen, weinen um dich, halten einander, und noch vor kurzem warst doch du es, der mich umarmt hielt. – Meine Jana, hast du leise gesagt, und, pass auf dich auf.

Ein paar Leute höre ich flüstern hinter meinem Rücken, als ich nicht wie Sonja eine rote Rose oder wie andere ein Häufchen Erde zu dir fallen lasse, ich gebe dir den Stoffhasen mit, im Wissen, dass du dich über diese Geste freust, hast doch gerade du öfters, wenn wir anderen ernst unsere Lebenskonzepte, Karrierepläne besprachen, gesagt: – Ach, jetzt lasst doch diese Erwachsenenthemen, wir sind doch alle nur älter und alt werdende Kinder. Und meine Hand greift wieder in die Tasche, berührt wieder die bauchige, prall gefüllte rote Mappe, die mir Marion noch am Flughafen gegeben hat, auf der in deiner vertrauten Handschrift ‚Jana‘ steht und es ist tröstlich, zu denken, dass es alle Zeit der Welt hat, zu lesen und anzusehen, was du in all den Jahren von mir aufbewahrt hast.




Claudia Dvoracek-Iby, geb. 1968 in Eisenstadt, lebe in Wien, schreibe, zeichne, erstelle Collagen

Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, wie zum Beispiel in: SternenBlick, ..&Radieschen, Pappelblatt, Etcetera, Der Maulkorb

2015 Finalistin beim zeilen.lauf art experience Baden

Arbeite derzeit an einem Kinderbuch

claudia.dvoracek-iby@gmx.at

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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