Der Morgen des Herrn M.

Renate Maria Riehemann für #kkl6 „Zeitenwende“



Der Morgen des Herrn M.

Herr M. stellt sich vor das Schlafzimmerfenster, streckt sich bis zur Decke. Zwei Minuten hält er die Stellung. Dann öffnet er das Fenster und umreißt, nach vorn gebeugt und die Handflächen auf der Fensterbank gestützt, den kommenden Arbeitstag. Heute wird entschieden, ob er selbst oder sein Kollege Herr L. den neuen Auftrag übernehmen wird. Herr M. zieht die Luft durch die Nase in den Brustkorb: einmal, zweimal, dreimal. Danach geht Herr M. in die Küche und öffnet die Tür, die in den Garten führt. Herr M. verharrt auf der Schwelle. Ein Windzug streift seine Haut, weckt ihn ein zweites Mal. Heute wird er gegen den Kollegen L. antreten.

Herr M. schlüpft er mit bloßen Füßen in seine Gartenschuhe. Erst geht er zum Hochbeet, nimmt von der Erde zwischen Salat und Radieschen eine Fingerprobe. Unter den feuchten Krümeln ist sie noch trocken. Morgen muss ich gießen, denkt Herr M. und kontrolliert den Wasservorrat, den er in Regentonnen sammelt, die durch Überläufe miteinander verbunden sind. Die kleine Tonne ist noch voll. Beruhigt setzt Herr M. seine Runde fort, nimmt hinterm Staudenbeet die Schuhe in die Hand und schlendert barfuß über den Rasen zurück zum Haus.

In einer Stunde wird Morgendunst vertrieben sein, denkt Herr M., als er die Zeitung holt. Er überfliegt die regionalen Berichte, bleibt kurz beim Weltgeschehen hängen, wirft einen Blick auf die Wirtschaftsseite und legt die Zeitung zur Seite. Während er frühstückt, schneidet der Timer den Morgen in zwei Teile.

Was folgt, ist einstudiert: Tisch abräumen, Smartphone neben die Haustür legen. Im Bad: duschen, föhnen, rasieren, Zähne putzen, immer den gleichen Duft auflegen. Das Badfenster öffnen. Ins Schlafzimmer gehen und das Fenster schließen, dann ankleiden: schwarze Jeans, weißes Hemd, Jackett. Danach ins Arbeitszimmer: Mails abrufen, Tablet und Unterlagen einstecken. Badfenster schließen, Smartphone in die Jackentasche stecken, Arbeitstasche unter den Arm klemmen, Mantel vom Bügel streifen, Haustür zuschließen. Dreißig Stufen zur tieferliegenden Straße nehmen und dabei durchatmen. Herr M. ist froh, dass er bis zum Auto keinem Nachbarn begegnet.

Die Autotüren öffnen sich schnurrend. Herr M. legt Mantel und Tasche auf den Rücksitz. Plötzliche Unsicherheit treibt Herrn M. Adrenalin ins Blut, lässt seinen Puls rasen. Herr M. hält sich am Türrahmen fest, kann keinen klaren Gedanken fassen. Dann die Lösung: „Der Stick!“

Der Datenspeicher mit Konzept für den Nachhaltigkeitsoptimierungsprozess Management by Result der Firma Aa.Bb.Cc.-Consulting, das Herr M. heute vorstellen und das in Zukunft hoffentlich er selbst und nicht der Kollege L. umsetzen soll, liegt oben auf dem Schreibtisch.

Herr M. schlägt die Autotür zu, rennt zum Haus zurück, nimmt zwei Stufen auf einmal. Als er die Tür erreicht, hämmert sein Herz gegen den Brustkorb, sind Stirn und Hände nass. Zitternd schließt Herr M. auf, taumelt ins Arbeitszimmer. Seine Brust schmerzt. Er muss sich am Schreibtisch stützen, eine Weile starr verharren, bis Herzrasen und Panik schwächer werden, bis er den Weg zum Stuhl wagt, auf den er sich schwer fallen lässt. Er lehnt sich zurück, atmet hektisch aus und ein, zwingt sich zur Langsamkeit: aus und ein – aus und ein. Er schließt die Augen, wird ruhiger, bleibt sitzen, rührt sich nicht. Als nach zwanzig Minuten das Telefon klingelt, weiß er, was zu tun ist.

Herr M. rückt seinen Hemdkragen zurecht und greift ohne Eile zum Hörer.

„Nein“, antwortet er ruhig und zieht kurz die Augenbrauen zusammen. „Nein, ich werde einige Zeit ausfallen.“




Zeitverhangen

Man hat gelebt, wenn sich die Zeiten

des Kindseins und des Altseins mischen,

sie Hand in Hand durch Tage gleiten,

beständig Raum und Zeit verwischen,


wenn Häuser, die längst abgerissen

und Plätze unter hohen Linden,

wenn Menschen, die uns suchen müssen

und alte Lieben neu sich finden.


Wenn sich die Zeiten überlappen,

beginnt das Spielen mit den Dingen,

für die wir früher Namen hatten,

an denen Licht und Frohsinn hingen.


Wir lieben Heimat, Hügelketten,

Jung und Alt ist uns präsent,

ist nur ein Schritt in uns zum netten,

betagten Greis, der´s Kind nicht kennt.




Riehemann, Renate Maria, 1955, lebt in Osterode am Harz. Dichterin und Erzählerin. Einzelveröffentlichungen. Initiatorin des Literaturpreises Harz und Herausgeberin der dazugehörigen Anthologien. Veranstalterin regionaler Lyrikprojekte. Mitglied u.a. in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik Leipzig und der europäischen Autorenvereinigung „Die Kogge“.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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