Ene mene Kuh

Petra Aigner für #kkl6 „Zeitenwende“

Ene mene Kuh

Als Marie am Montagmorgen vom Läuten ihres Weckers geweckt wurde, ahnte sie nicht, dass mit diesem Tag alles anders sein würde. Sie schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Das Bett knarrte. Mit vorsichtigen Schritten durchquerte sie das noch dunkle Zimmer. Am Weg zum Bad kam sie an der Küche vorbei. Ihr Blick blieb am Tisch hängen, auf dem Austern in eingetrockneter Weißweinsauce verschwiegene Zeugen eines Abendessens zweier Liebenden waren. Liebende, Marie lachte auf, trotz des dicken Kloßes, der plötzlich in ihrem Hals war. Torsten. Ob er jemals zu ihr stehen würde? Sie brauchte jetzt erst mal einen ordentlichen Caffee Latte. Marie ging zu der alten, weißen Vitrine, ein Erbstück ihrer Großmutter und Maries Liebling.

Als sie die Schranktür öffnen wollte, erstarrte sie. Anstelle ihrer Hand, versuchte ein Huf an dem zierlichen Griff aus Kupfer zu ziehen. Marie schrie und schrie und schrie. Sie rannte ins Bad und blickte in den Spiegel. Nein, das konnte nicht sein! Schnell schloss sie die Augen und zählte bis drei. Und weiter bis zehn. Ihr Herz raste. Bei dreißig öffnete Marie zuerst ihr linkes Auge und bei dreiunddreißig ihr rechtes. Mit einem Ruck hob sie ihren Kopf und blickte geradewegs in das Gesicht einer Kuh. Sie hatte noch nie eine Kuh weinen gesehen.

Zu Mittag hatte Marie sich soweit beruhigt, dass sie aufhörte in der Wohnung auf- und abzulaufen. Sie musste Hilfe holen. Torsten musste kommen. Torsten war Physiker. Für ihn war alles erklärbar, alles messbar. Sie kannte sonst niemanden, der nicht wieder davon laufen würde, wenn er sie so sah. Torsten würde seine Hände um sie legen und sie trösten. Torsten teilte nicht ihren Glauben an ein Karma. Er würde ihre Verwandlung nicht als Strafe für ihren Hochmut halten, der – wie ihre Kollegen lästerten- mit ihrem Aufstieg auf der Karriereleiter gekommen war. Marie spürte, wie etwas Hoffnung in ihr aufkeimte.

Endlich, am späten Nachmittag, läutete es an Maries Wohnungstür. Der Summer ertönte, im nächsten Augenblick stand Torsten vor ihrer Tür und beäugte Marie von allen Seiten. Er drehte drei, vier, fünf Runden, wobei er rief: „Dass so etwas möglich ist! Marie, bist das wirklich du?“

Marie, die wieder zu weinen begonnen hatte, konnte nur mit dem Kopf nicken. Daraufhin riss Torsten alle Fenster auf und kehrte den Boden, der übersät war mit Erde, Topfpflanzen und zerbrochenen Blumentöpfen. Marie spürte wie eine bleierne Müdigkeit sie erfasste und sie wünschte sich nichts sehnlicher als bequem die Füße hochzulegen. Sie schleppte sich an Torsten vorbei in ihr Schlafzimmer. Wo sollte sie schlafen? Ihr Bett würde sie ebenso wenig aushalten, wie sie es schaffen würde an einem Faden hochzuklettern, dachte Marie und starrte auf einen Wollknäuel, der in der der Ecke lag.

Lautes Schnaufen riss sie aus ihren Gedanken. Im Garten stand Torsten, bis zur Hüfte in einer Grube. Erde flog durch die Luft und landete auf einem Erdhaufen neben ihm.

„Torsten, was machst du denn da?“, rief Marie. „Das siehst du doch. Ich grabe. Du brauchst doch einen Platz zum Schlafen und solange wir dich nicht wieder in deine alte Gestalt zurückbekommen, machst du es dir hier bequem. In der Wohnung ist es viel zu eng, du trampelst nur alles kaputt!“, sagte Torsten, sprang aus der Grube, lief in die Wohnung und kam gleich darauf mit einem Teppich über die Schulter geworfen, zurück. Er rollte ihn in der Grube aus und deutete Marie sich hineinzulegen.

Später lag Marie in ihrer Grube und sah hinauf zu den funkelnden Sternen am Himmel. Vielleicht war ein Leben als Kuh gar nicht so schlimm. Sterben würde sie lieber in einem Bett als in einer Grube, auch wenn diese hier sehr bequem war, dachte Marie und kuschelte sich in ihren Teppich.




Petra Aigner, geboren am 17.02.1983 in Linz, kehrte nach dem Studium der Bildungswissenschaften zurück nach Linz, wo sie bis heute im Sozialbereich tätig ist. Derzeit wohnt sie mit ihrer Familie in Puchenau. Das Schreiben ist ihr liebstes Hobby. 

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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