Paradigmenwechsel

Franziska Bauer für kkl6 „Zeitenwende“



Paradigmenwechsel

            Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er geht lieber ausgetretene Wege als neue Pfade. Das mag angehen, solange alles funktioniert und halbwegs im Lot ist. In Krisenzeiten allerdings und in Zeiten des Umbruchs – und in solchen befinden wir uns gerade – wirkt diese mentale Trägheit nicht nur erschwerend bei der Lösung anstehender Probleme, nein, sie verunmöglicht sie nachgerade.

 
            Wie der amerikanische Futurologe Jeremy Rifkin, studierter Soziologe und Ökonom, in seiner 2014 auch auf deutsch erschienenen Ausgabe des  Buches „The Zero Marginal Cost Society: The internet of things, the collaborative commons, and the eclipse of capitalism“ bemerkt, bedingt eine grundlegende Änderung der drei Schlüsselfaktoren Energiegewinnung, Informationstechnologie und Transportwesen stets auch eine völlige Umgestaltung der Wirtschaft und der Gesellschaft. Eben das geht gerade vor sich, wir befinden uns mitten in einer industriellen Revolution. Es kracht im Gebälk, und zwar mächtig. Der resultierende Wandel ist allgegenwärtig und unumkehrbar, ist aber noch nicht entsprechend in unser Bewusstsein getreten. Ebensowenig wie die bereits 1972 vorgestellte Studie des Club of Rome, deren  zentrale Schlussfolgerungen waren, dass bei unverändertem Anhalten der  Zunahme von Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelproduktion und Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht sein werden. Viele von uns ziehen es jedoch vor, sich den Problemen zu verweigern, indem sie den Kopf in den Sand stecken, anstatt an deren Lösung zu arbeiten.

            Wo aber –  in Krisenzeiten –  Verunsicherung Platz greift, wächst leider auch die Sehnsucht nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Sündenböcke müssen her, Mauern werden aufgerichtet, man geht rechtspopulistische Irrwege. Das trägt zwar rein gar nichts zur Problemlösung bei, beruhigt aber die Irregeleiteten – zumindest für ein kurzes Weilchen. Die wahren Kausalitäten werden durch „alternative Fakten“ vernebelt, krude Verschwörungstheorien verdrängen fundierte Problemanalysen, seriöser Journalismus muss sich als Lügenpresse bezeichnen lassen. Die etablierten Parteien üben sich in Untätigkeit und Stillstand und manövrieren sich mit ihrer unseligen Vogel-Strauß-Politik in ein hoffnungsloses Patt.  Anstatt mutig neue Wege zu suchen, wurstelt man im Status quo weiter und enttäuscht und verprellt die Wählerschaft.

             Eigentlich, meinen etliche, wäre die Zeit reif für eine Revolution, wieso also tut sich da nichts? Der in Seoul geborene Philosoph Byung-Chul Han1, Professor der Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin, schreibt dies dem neoliberalen Herrschaftssystem an sich zu. Er hält eine Revolution derzeit für unmöglich, da  die neoliberale systemerhaltende Macht nicht unterdrückt, sondern verführt. Sie ist nicht mehr auf den  ersten Blick sichtbar. Der Neoliberalismus suggeriert den unterdrückten Arbeitenden, sie seien freie Unternehmer. Der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst. Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich dafür, sucht die Schuld für den Misserfolg im persönlichen Bereich und nicht bei der Gesellschaft. Eine Herrschaft, die Freiheit unterdrückt und angreift, ist nicht stabil. Das neoliberale Regime immunisiert sich gegen Widerstand, indem es von der Freiheit Gebrauch macht und sie ausbeutet, anstatt sie zu unterdrücken. Depression, Burn-out, hohe Selbstmordraten zeigen, dass der Druck mehr und mehr nach innen geht. Die Aggression aber müsste nach außen gehen, sich vernetzen, um zur Revolution zu werden. Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich schwer eine Revolutionsmasse formen. Es ist dem Neoliberalismus also offenbar gelungen, die Arbeiterschaft so gründlich auseinanderzudividieren, dass sie vergessen hat, was sie bisher durch gemeinsamen Schulterschluss erreicht hat, obwohl sie gut daran täte, sich der nunmehr vergessenen Solidarität wiederzubesinnen, um in Zeiten der Demontage des Sozialstaates das so mühsam Ereichte nicht wieder zu verlieren.

            Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Festrede des in Wien wohnhaften deutschen Historikers und Schriftstellers Philipp Blom anlässlich der Eröfffnung der Salzburger Festspiele 2018. Er erklärt dieses hartnäckige Festklammern am status quo, ja diese Rückwärtsgewandtheit damit, dass  Zukunft nicht als Verheißung, sondern als Bedrohung empfunden wird:

            „Wir werden nicht noch reicher werden, noch sicherer und noch privilegierter. Die        schönste Hoffnung unserer Gesellschaften ist es deswegen geworden, Zukunft        überhaupt zu vermeiden und in einer nie endenden Gegenwart zu leben. Diese Zukunft aber kommt längst zu uns: in Form warmer Winter und cleverer Algorithmen, aber auch       zu Fuß oder in Booten, in Gestalt von Menschen. Reiche Gesellschaften können sich     Zeit kaufen, um große Veränderungen hinauszuschieben, aber sie kaufen sie auf Kredit von ihren Kindern.“  2

            Anstatt uns der Zukunft und ihren Anforderungen zu stellen, sehnen wir die guten alten Zeiten zurück, auch wenn diese gar nicht so gut gewesen sein sollten. Wer den Wandel ausschließlich als Bedrohung sieht, wird ihn auch in seinen positiven Konsequenzen nicht zu Ende denken können. Philipp Blom meint, wir seien zwar Kinder der Aufklärung, um aber erwachsen zu werden, müssten wir uns unseren Ängsten stellen. Anstatt uns beim Suchen der Auswege auf unsere Vernunft und Denkfähigkeit zu verlassen, lassen wir eine Demontage der Aufklärung zu, die weit über Europa hinausreicht:

            „Auf dem ganzen Globus entstehen autokratische Staaten, werden längst überwunden    geglaubte, autoritäre Strukturen und nationalistische Identitäten zum Programm oder          zur Praxis, verlieren Wahrheit und Wissenschaft an Verbindlichkeit, greift freiwillige Verdummung Raum.“ 2

            Eben dieser freiwilligen Verdummung müssen wir gegensteuern, denn zu viel steht auf dem Spiel: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um unser aller Zukunft. Wir können uns nicht leisten, die Situation als hoffnungslos zu betrachen und untätig auf ein Wunder zu hoffen, nein, wir müssen unangenehme Fragen stellen und den Mut aufbringen, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Wir müssen Holzwege verlassen und neue Wege beschreiten. Wir müssen unser ganzes Hirnschmalz zusammennehmen und uns einen neuen Blickwinkel auf die globale Lage erarbeiten. Dazu braucht es Visionen, lebendige innere Bilder davon, „was wir ersehnen von der Zukunft Fernen“, um mit Freiligrath zu sprechen. Wir müssen uns unsere Zukunft also mit unserer ganzen mentalen Kraft herbeiimaginieren, so, wie wir sie haben wollen. Es muss einen Ausweg geben, der, wenn nicht in einer Umkehr, so doch in einer drastischen Richtungsänderung  zu bestehen hat.

            Immanuel Kant nannte dies eine Reform der Denkungsart. Revolutionen können zwar unerträgliche Herrschaftsverhältnisse beseitigen, bringen aber den gedankenlosen großen Haufen nicht notwendigerweise zur wahren Reform der Denkungsart, zum fundamentalen Umdenken also:

„Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen; sondern neue Vorurteile werden ebensowohl als die alten zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen.“ 3

            Was mithin gefordert ist, ist die Μετανοια/Metánoia, die Sinnesänderung, das mutige Umdenken, und zwar das Umdenken möglichst vieler. Dabei soll man nicht verzagen, wenn es anfangs nur einzelne sind, die dies tun. Wie uns Malcolm Gladwell4 in seinem Buch „The Tipping Point: How Little Things Can Make a Big Difference“ dartut, genügen bereits wenige, um eine nachhaltige Trendumkehr zu bewirken. Wir kennen alle das Beispiel vom Popcorntopf, in dem zuerst nur vereinzelte Körner platzen, bis nach Erreichen einer bestimmten Temperatur alle aufpoppen. Nach dem Gesetz der Wenigen genügen einzelne Vordenker und Multiplikatoren, um Veränderungen herbeizuführen, wenn es ihnen gelingt, ihre Botschaft so zu vermitteln, dass sie haften bleibt, und wenn die Umweltbedingungen stimmen.

            Das Wagnis der Metánoia, der wahren Reform der Denkungsart, ist ein geistiges Problem. Spiritualität, also im weitesten Sinne Geistigkeit im Gegensatz zur Materialität, droht neuerdings leider zum schwammigen Modewort zu verkommen. Oft wird sie  ausschließlich dem Bereich der Religion zugeschrieben oder gar als bloßer Teilbereich der Esoterik verstanden. Dabei ist sie nichts anderes als das bewusste Ausleben und Praktizieren einer als richtig erkannten Geisteshaltung. Spiritualität stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Daseins, nach unserer Verantwortung in dieser Welt.  Spiritualität  beinhaltet das Streben nach Gerechtigkeit, das Vorhandensein von Empathie und Solidarität und das Eintreten für Demokratie und Menschenrechte. Eine so definierte Spiritualität  eint Gläubige, Agnostiker und Atheisten.

            Spiritualität bedeutet letztendlich Wahrheitssuche. Der Philosoph und Neurowissenschaftler Thomas Metzinger definiert Spiritualität als eine ethische Grundhaltung der bedingungslosen Aufrichtigkeit zu sich selbst, die man braucht, um auf der Suche nach Wahrheit Irrtum und Selbsttäuschungen zu vermeiden. Er nennt diese Haltung „intellektuelle Redlichkeit“.  Sapere aude!3 Wer über diese Art von Redlichkeit verfügt, geht furchtlos seinen eigenen Weg und wagt es, sich dabei seines eigenen Verstandes zu bedienen.  Täten dies in einem Kollektiv möglichst viele, dann hätten wir sie, die geistige Revolution – die Reform der Denkungsart.

Quellenangaben
(Zugriff auf die zitierten Links am 25.7.2021)

1 https://neue-debatte.com/2016/05/20/byung-chul-han-erklaert-warum-heute-keine-revolution-mehr-moeglich-ist/

2 http://www.salzburg.com/download/2018-07/Rede_Blom_final.pdf

3 https://www.projekt-gutenberg.org/kant/aufklae/aufkl001.html
Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Königsberg 1784.

4 Gladwell, Malcolm: The Tipping Point: How Little Things Can Make A Big Difference. Boston 2000 (Little, Brown)




Franziska Bauer, geb. 5.1.1951 in Güssing, Studium der Russistik und Anglistik an der Universität Wien, wohnhaft in Großhöflein bei Eisenstadt, Gymnasiallehrerin am BG/BRG/BORG Eisenstadt Kurzwiese im Ruhestand, Alphabetisierungstrainerin, Referentin an der VHS Eisenstadt, Schulbuchautorin, schreibt Lyrik, Essays und Kurzgeschichten, veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien, Mitglied des Wiener Vereins ::kunst:projekte:: und der Schreibinitiative beim Literaturhaus Mattersburg. Zwei Buchveröffentlichungen beim Münchener Apollon Tempel Verlag , Förderpreis der Burgenlandstiftung Theodor Kery 2016 für den kostenlosen Deutschlehrbehelf für Flüchtlinge „Neustart mit Deutsch“, Autorin der Alphabetisierungsfibel „Sag, wie geht das Alphabet?“, beide erschienen im E.Weber-Verlag Eisenstadt und ausgezeichnet mit dem SPIN-Gütesiegel 2019 des ÖSZ (Österreichisches Sprachen-Kompetenz-Zentrums). 1. Preis beim Essaywettbewerb des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt mit dem Essay „Nicht Arbeit, sondern Müßiggang?“, der 2019 in der Anthologie „Nachdenken über 4.0“ beim Verlag Kulturmaschinen veröffentlicht wurde.
Shortlist des Liselotte-Rauner-Lyrikwettbewerbs 2020 „Alles in Bewegung in Gegenwart & Zukunft“.

Publikationen und Lesungen nachzulesen unter:
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Einzelpublikationen:
Max Mustermann und Lieschen Müller
, heitere Verse mit Illustrationen von Elisabeth Denner, Apollon Tempel Verlag, München 2018, ISBN-13: 978-3981876840
Auf des Windes Schwingen, zweisprachiger deutsch-russischer Lyrikband
mit Originalen und Übersetzungen von Franziska Bauer und Mary Nikolska, Illustrationen von Elisabeth Denner, Apollon Tempel Verlag, München 2019,
ISBN-13: 978-3981876888
Wiedersehen mit Max und Liese, zweisprachiger deutsch-russischer Lyrikband
mit Originalen von Franziska Bauer und Übersetzungen von Mary Nikolska, Leobersdorf 2021, © 2021 Franziska Bauer, ISBN 978-3-85253-691-0

Deutsch-russischer Poesiekalender 2022 mit Originalen und Übersetzungen von Franziska Bauer und Mary Nikolska und mit Illustrationen von Anna Freudenthaler,
Leobersdorf 2021, © 2021 Franziska Bauer, ISBN 978-3-85253-698-9

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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