Verbrennungen

Laura Hybner für #kkl6 „Zeitenwende“



Verbrennungen

„Bist du bereit?“, fragst du.

Ich nicke und denke an all die Male, die wir gemeinsam hier waren, hier bei ihm, Stunde um Stunde mit dem Rücken an der Wand standen und keinen Ausweg fanden. Der erste Stein, den du wirfst, ein Buch, landet auf seinem Schreibtisch, stößt das Tintenfass um. Du lachst und greifst nach einem Stapel Papier, einem seiner unzähligen Manuskripte.

Ich ziehe die Streichholzschachtel aus der weiten Tasche meiner Hose. Mit zitternden Händen öffne ich sie. Drücke das Streichholz an die Reibefläche, zwei Versuche, bis eine Flamme aufleuchtet. Ich zünde das Papier an, das du mir entgegenhältst.

Nur für einen Moment habe ich Zweifel. An mir. An uns, daran, ob das, was wir tun richtig ist. Für einen Moment meine ich ihn in seinem ledernen Ohrensessel zu sehen, aber er ist schon lange tot. So lange, dass seine Manuskripte eine gelbliche Farbe angenommen haben und die Regale sanft in Staub gehüllt sind. So lange haben wir gebraucht, um zu verstehen, dass es vorbei ist, dass wir keine Angst mehr haben müssen vor ihm und dem, was er tat.

Du nimmst mir die Schachtel aus der Hand, gehst zu dem großen Regal gegenüber der Veranda, ziehst eines der Bücher heraus, eines seiner Bücher. Seine Bücher, die so schrecklich sind, dass niemand glauben kann, dass das, was er beschrieb, wahr ist, dass er uns wirklich so viel Schmerz zugefügt hat. Wir reißen die Bücher aus den Regalen heraus, du nimmst ein weiteres Streichholz, zündest es an. Nur ein Buch, doch die Flammen verschlingen es gierig und greifen nach dem nächsten.

Nur wenige Sekunden später brechen wir bereits aus der Villa aus, ich muss husten und du lachst wieder. Ich weiß nicht, ob wegen mir oder dem Feuer, dessen Rauch bereits durch die Tür quillt. Seine Villa steht abseits der Stadt, hinter dem Hügel, aber noch vor dem Wald, versteckt vor den Augen des Dorfes, da wo niemand sehen konnte, was er mit uns machte. Der Rauch legt sich wie ein Film auf unsere Haut und vielleicht fühlt es sich deshalb unwirklich an, endlich frei zu sein.

Vielleicht können wir uns eines Tages nicht mehr erinnern. Nur an das Holz. Und an das leise Knistern, als würden wir am Lagerfeuer sitzen. Bis der Kronleuchter zerspringt, tausend Scherben von den Flammen verschlungen werden. Das Feuer ist Anfang und Ende zugleich. Alles ist gut, solange es brennt und wir uns nicht mehr an ihm verbrennen.

Es ist Zeit für uns zu gehen, bevor der Brand entdeckt wird, bevor wir entdeckt werden. Wir laufen los und du greifst nach meiner Hand. Ich drücke sie. Über die Brücke in den Wald, bis unsere Lungen nicht mehr können. Bis wir das Rauschen des Baches hören, in dessen Windungen wir uns sicher fühlen und an dessen Ufer wir uns in den kühlen Schatten der Bäume legen. Du lässt die Schachtel mit den Streichhölzern in das Wasser fallen und wir sehen ihr beim Aufweichen zu.

Laura Hybner ist eine Poetry Slam Poetin aus Tirol, Österreich. Die 19-jährige schreibt für die Bühne und Kurzgeschichten. Sie nimmt regelmäßig an Poetry Slams teil und hat Tirol im Oktober 2019 bei den deutschsprachigen U20 Poetry Slam Meisterschaften in Erfurt vertreten. Ebenfalls nominiert wurde sie für die österreichischen U20 Meisterschaften 2019 und 2020. Inspiration findet sie in Alltagsereignissen, sie sucht das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Mit ihren Texten will sie Menschen erreichen, ihnen zeigen, dass man allein mit Worten etwas verändern kann. Wenn sie gerade einmal nicht schreibt oder auf der Bühne steht, liest und fotografiert sie gerne.



Laura Hybner ist eine Poetry Slam Poetin aus Tirol, Österreich. Die 19-jährige schreibt für die Bühne und Kurzgeschichten. Sie nimmt regelmäßig an Poetry Slams teil und hat Tirol im Oktober 2019 bei den deutschsprachigen U20 Poetry Slam Meisterschaften in Erfurt vertreten. Ebenfalls nominiert wurde sie für die österreichischen U20 Meisterschaften 2019 und 2020. Inspiration findet sie in Alltagsereignissen, sie sucht das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Mit ihren Texten will sie Menschen erreichen, ihnen zeigen, dass man allein mit Worten etwas verändern kann. Wenn sie gerade einmal nicht schreibt oder auf der Bühne steht, liest und fotografiert sie gerne.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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