Ausziehen

Katja Schubel für #kkl7 „Ursache und Wirkung“



Ausziehen

Das Wir befindet sich

souverän tonlos

seit hundert Stunden

in bitterer Wortlosigkeit

oder reist durch süße, ferne Landschaft

zweigeteilt

selbe Adresse

wohnhaft auf verschiedenem Gleis

die Endgültigkeit

hat Verspätung


und wenn wir noch reden, dann:

keine Kommunikation ohne Unterton

kurze Sätze,

kursives in Eile sein 

über defensiv bis –

nein: fett gedruckt

die Aggression,

in jedem Wimpernschlag


Wieder drei Tage

schweigend

aneinander

vorbei

nicht aber jetzt

Wir gehen essen

schick angezogen

weil wir jetzt reden

ungelogen

wie erwachsene Menschen


Doch niemand verliest die Anklage

Wir haben den Mund zu voll

Genommen

Uns schmeckt die Gleichgültigkeit


Zwei Gläser später:

Bestätigung

Über leeren Tellern

hängen laute Blicke

die Rollenverteilung

ungeklärt

wer führt hier Verhör?

Das Drehbuch hakt –

wer macht den Schnitt?

Mir wird schlecht

Ich vertrag diese Gleichgültigkeit nicht


Keine*r spricht


dein Hemd ist falsch geknöpft,

meines engt mich ein

ein Gespräch

findet nicht statt


es ist offensichtlich

wir haben uns satt:

Exakt

Verschränken sich

Gabel und Messer

Gleich unserer Arme

vorm jeweiligen Oberkörper


Vertraut wie eh und je?

ist das neue Nichts

gefangen

an einem Tisch

in der Bredouille

einzig noch ein Wille

Nach einer langen Weile

verrückst du deine Brille,

und es kommt Bewegung

in die hellhörige Stille


Zwei Gläser

Auf der Tischdecke

neben dem Rotweinflecken,

nicht von uns

von irgendwem

denn wir kleckern nicht

Wir versagen

gerade

einander

die Zukunft

war doch allen Beteiligten klar?

Außer mir und dir:

direkt

übers Eck

null Mal Liebe

alles weg


Ursache


Die Wahrheit frisst sich durch die Wände

beißt dem Kellner in die Hände

vier Augen auf ihm

ob wir zahlen wollen?

an uns ziehen schwere Stricke

dafür gern

die Rechnung bitte

Wir zahlen dafür. in bar

Nichts ist kostenlos

alles war umsonst

der Störende verschwindet


merkwürdige Gäste

sind wir

wie in unserer Beziehung


Fünf Tage vorher

Fass mich ruhig an

Ich spür die Berührung

(nicht)

Ich fass dich ruhig an

routiniert

Denk nicht an dein Gesicht

(weil ich was fühlen will)


Wirkung


Nun: keine leeren Gläser mehr

Nur noch leere Blicke

Du nimmst deine Brille

Ich nehme die schweren Stricke

und rücke meine Vernunft zurecht

als ich den letzten, rauen Zweifeln

die in meinen aschbrauen Augenbrauen

aufgereiht

schwebend

und genauso unausgesprochen

in deinen klebend

mutig den Rücken zuwende


Wir sind

nur noch

zwei Paar Schuhe

auf dem Asphalt

Die sich beinah im Rennen

Trennen

Siebzehn-uhr-dreißig

wir zwei

geteilt


Zwei Paar Schuhe

die so lang

dieselbe Altbauwohnung

betraten

im dritten Stock

zerstreut

mit losen Schnürsenkeln

im Gang rumlagen

unter der Garderobe

auf dem Teppich schliefen

Während wir, schlaflos,

ohne Körperkontakt

und gar nicht nackt

in einem Bett verharrten


Und die Luft um mich herum

Umarmt mich,

weniger furchtbar,

denn nasskalt

Reißverschluss runter

die Freiheit

buchstabiert sich selbst

So schön kann verlieren sein

Zwei Jahre vergehen

Meinungen ändern sich

Aber ich denk, ich lass das jetzt so stehen

Weil sonst denkst du,

ich denk an dich

Vielleicht




Katja Schubel, 25 Jahre, studiert Rechtswissenschaften in Potsdam, schreibt nebenbei für die Studierendenzeitschrift zu gesellschaftspolitischen Themen und an Gedichten mit allen möglichen Gesichtern.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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