Das Versprechen

Susanne Rzymbowski für #kkl7 „Ursache und Wirkung“



Das Versprechen

Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. (Gen 8,21)

Ich bin einer der wenigen Überlebenden und gerade noch kräftig genug, letzte Aufzeichnungen in mein Logbuch zu schreiben, in der Hoffnung, dass es vom Neuen Leben entschlüsselt wird und als Mahnmal dient, obgleich ich mittlerweile weiß, dass man den Fluss der Dinge nicht aufhalten kann. Es geht um mehr als eine Spezies. Es geht um die Natur des Lebens, wenn man so will.

Wir sind unserer Natur gefolgt und haben die Weisung: Macht euch die Erde untertan völlig fehlinterpretiert. Nein, wir sind nicht verantwortungsvoll und fürsorglich mit ihr umgegangen. Weder mit ihr noch mit uns. Unsere Bestrebungen waren nicht auf den Erhalt sondern auf Expansion ausgerichtet, aber das IST das Leben, auch wenn damit einhergeht, dass sich einzelne Spezies wieder auflösen. Wir haben dabei nur vergessen, dass wir auch eine Spezies sind. Dennoch bleibt es bemerkenswert in welch kurzem Zeitintervall die Menschheit diese Ab- und Auflösungen ganzer Artenvielfalten geschafft hat.

Wir sind gewachsen, haben uns vermehrt und über alle Kontinente verbreitet in dem Glauben: Ich denke, also bin ICH. Das wurde unsere Realität, unsere Wahrnehmung: Ich, Ich, Ich.
Früh wurden wir von der Eitelkeit beseelt, uns als Krönung der Schöpfung zu betrachten, träumten gar von einem Garten Eden als Schlaraffenland, diesem Rand einer himmlischen Steppe und haben unendliche Mythen und Utopien geschaffen zu einem besseren Leben, so dass in unendlichen Glaubenskriegen gemeuchelt wurde. Ja, wir haben immer gemordet und dies nicht nur zum Erhalt unserer Art. Sei es mit Waffen oder später in Glaubenskriegen, die sich im 21. Jahrhundert in Überzeugungen wandelten, die behaupteten weiter entwickelt oder fortschrittlicher zu sein. Längst ging es nicht mehr um das bloße Überleben, auch wenn es zuletzt mit der Bewegung der Weltenretter so anmutete. Aber auch hier entwickelte sich einzig ein ausgeprägtes Über-Ich als Träger eines Ich-Ideals, das doch zuletzt der weiteren Erschließung von Ressourcen diente und damit immer noch die Unterwerfung neuen Territoriums einforderte, auch wenn sich augenscheinlich der Blick zu wandeln schien. Ich blieb Ich. Letztendlich blieben wir das selbst ernannte Subjekt und deklassierten den Rest der Welt und des Universums als bloße Objekte unserer Begierden.

Selbst jetzt noch, wo längst alles an einem seidenen Faden hängt, da das Leben seinen Tribut zollt.
Unsere vielzitierte Intelligenz, die auf einem einfachen binären Denkmuster aufgebaut ist, forciert und endet mit ihren technischen Errungenschaften in einer 0-1-Übermittlungsrate. Gut-Böse, Ja-Nein. Unmöglich wurde uns die Aussicht einer Reflexion des Bestehenden – sei diese nun Realität oder aber Illusion, die uns nicht zuletzt Unlustgefühle ersparte und uns an seiner Statt Befriedigung genießen ließ. Unser Denksystem in seiner spezifischen Wahrnehmungsweise kann die Umwelt nicht ändern, ohne dabei seine spezifische Identität zu verlieren. Aber ich will nicht vorweggreifen, denn es gibt eine höhere Intelligenz nach der wir uns alle gesehnt haben. Das diese jedoch gleichzeitig mit der Annullierung des Individuums einhergeht, konnten und wollten wir uns nicht vorstellen oder gar akzeptieren. Denn diese höhere Intelligenz, will man von einer solchen sprechen, ist nichts anderes als das Leben, das sich beständig spielerisch seine eigenen Welten schafft. Zeit spielt für das Leben keine Rolle, denn es gibt keine Vergänglichkeit, der es unterworfen wäre. Dies ist eine Erfindung des Menschen als Ich-Wesen. Und wollte man von einem Sinn sprechen, so ist dieser nichts anderes als die laufende Aktualisierung von Möglichkeiten, die nicht gebunden sind an ein dualistisches Prinzip oder gar an einen Zweck oder Ziel. Tiefe Demut zwingt mich zu diesen Zeilen, denn ich bin befallen von einem Virus, das an der Grenze steht zwischen noch-nicht-leben und leben. Ich diene als Wirt, in dem es lebendig wird und sich ausbreitet. Außerhalb von mir ist es „nur“ ein Makromolekül, allerdings mit der selbstorganisierten Fähigkeit lebendig zu werden, sobald es auf die passende Wirtszelle trifft. Es ist dabei, sich zu organisieren. Noch sind die Übergänge brüchig, denn es ist gerade im Begriff sein genetisches Material zu realisieren. Ich bleibe also gespannt, ob es mit mir eine Symbiose eingeht oder ich doch nur als Zwischenwirt fungiere. Hautnah erlebe ich eine Transformation, deren Ausgangspunkt mir nicht bekannt ist. Ich verändere mich, meine Agilität ist geschwächt und meine Konzentrationsfähigkeit lässt immer mehr nach. Ich bin mir nicht sicher, wie lange es mich brauchen wird, auch habe ich keine Vorstellung über das Ausmaß der Veränderung. Die Libido ist zumindest geknackt und damit der Kreislauf eines Selbsterhaltungstriebs ausgesetzt. Auch könnte man von einem Abbruch der SELBSTbehauptung als zentralisierendes Organisationsprinzip sprechen. Nun kommt es also ganz darauf an, ob eine weitere Kommunikation zwischen uns stattfinden wird und ob diese eine Anschlussmöglichkeit an ein neues System erlaubt. Das Leben ist in mir und ICH löse mich gerade auf, zumindest das Zentrum meiner Persönlichkeit. Wir wachsen im Teil eines Teils und entwickeln uns vielleicht zu einem Bündnis zur Änderung einer bestehenden Organisationsstruktur. Vielleicht führt uns das neue Leben zurück in den Garten Eden, dem Ort ohne Selbst, als Stätte der Vielfalt, dem Ursprung des Seins.

ICH kann es nicht begreifen … und so fließen wir zusammen … Es … Es bleibt… Leben… Ist … Sein … Wird … Kommunikation.

                                               *

Viele Tage und Nächte sind vergangen. Ich will sie gar nicht mehr zählen. Mein Körper ist erhitzt und wird von Schauern durchzogen. Ich spüre wie mein Blut zirkuliert – noch. Ein Kreislauf in einer Hülle. Meine Synapsen trommeln dazu im Takt. Ich bin allein mit mir, muss Vorlieb nehmen mit mir. Ausgangssperren erlauben keine Kontakte mehr mit den Verbliebenen. Geblieben ist ein Netz aus Daten, die mich zumindest zeitweilig begleiten. Das Virus wächst. Ich kann es spüren. Unaufhaltsam entwickelt es sich in mir. Meine Arme und Beine sind bereits leblos, verkümmert, da sie nutzlos geworden sind. Ich verliere meine Sprache in dieser Bewegungslosigkeit. Nur die Augen kreisen, mit denen ich noch aufzeichnen kann. Kahle Wände in unzähligen Schattierungen, doch ohne Licht, auch wenn kurzweilig etwas aufzublitzen schien. Mein Rumpf fühlt sich stumpf an, wenn ich überhaupt noch von Gefühlen sprechen kann. Tonlos bin ich geworden in der Zeit. Selbst die Angst hat mich verloren. Ich spüre mich kaum noch in diesem Klotz von Körper. Seit gestern beginnt er zu schrumpeln. Er verliert Feuchtigkeit, man könnte auch sagen: das Wasser des Lebens. An meinem Hals bildet sich langsam eine Einbuchtung, wie bei einem Baum, der eine Verletzung hat. Eingeschnürt bin ich, in einem Korsett aus Fleisch. Mein Herz pumpt ununterbrochen, als wenn es eine Wand durchbrechen wollte. Der Virus brennt in mir wie Feuer. Es ist ein beständiges Lodern. Ich habe keine Kraft mehr, um mich zu wehren. Ich werde weiter beobachten, was es mit mir macht, vielmehr aus mir macht, denn ich bin mir bewusst, dass ich mich verändere.

                                               *

Ich weiß nicht mehr wann es passiert ist. Aber jetzt bin ich nur noch Kopf. Mein Körper hat sich von mir abgetrennt. Er ist wie abgeschnitten. Direkt an der Einbuchtung am Hals, die sich immer weiter eingeschnürt hatte. Das war das Virus. Ich kann meinen Körper sehen, denn wir liegen dicht nebeneinander. Mein Kopf und mein Körper. Die Beine und Arme sind weiß und reglos. Er kann also nicht wegkrabbeln. Ich muss mit meinem Kopf auf der Seite liegen. Der Himmel ist nicht zu sehen. Nur dieser Fleischkloß direkt vor mir. Er scheint zu leben, denn seine Haut sieht rosig aus. Ob er auch denken kann, so wie mein Kopf? Ein einziges Rattern in meinem Kopf. Erinnerungen aus vergangenen Zeiten, als wir noch eine Einheit waren. Aber ich fühle nichts. Mein Denken gleicht eher einem Datentransfer, so wie das Leben, das ich seit dem Virus gelebt habe. Ich schaue ihn an, denn mehr kann ich ja nicht. Irgendwie sieht er komisch aus, so viereckig, fast wie ein Paket. Über den Inhalt war ich mir nie im Klaren. Er war einfach zu selbstverständlich für mich. Aber was hat das Virus jetzt vor? Ist es auch in ihm? Ich glaube nicht, denn er wirkt tatsächlich zufrieden, so wie er jetzt daliegt. Der Brustkorb hebt und senkt sich, als wenn überhaupt nichts passiert wäre. Mein Körper liegt auf dem Rücken. Warum hat sich bloß mein Kopf verdreht? Und ich muss mich vor dem Moment der Abtrennung noch ausgezogen haben, denn mein Körper ist nackt. Ob er friert? Ich kann keine Gänsehaut erkennen. Ich schließe die Augen, denn ich will ihn nicht die ganze Zeit anstarren. Ich sehe Farben, eher Punkte. Orange und blau, begleitet von einem Rauschen. Was das wohl zu bedeuten hat? Ist das Bewegung ? Ich weiß es nicht.

                                               *

Ich muss sehr lange geschlafen haben, denn als ich aufwache, liegt mein Körper verschrumpelt neben mir. Er hat es nicht geschafft. Ob er wohl Nahrung gebraucht hat? Mein Kopf jedenfalls nicht. Der scheint immer noch an der gleichen Stelle zu liegen, aber ich spüre eine Erweiterung. Direkt am Halsende. Ist das Telekinese? Angestrengt blicke ich an meinem Kopf herunter. Und tatsächlich, da bildet sich etwas. Es sieht etwas unförmig aus, hat aber etwas Gestalthaftes. Sind das Halluzinationen, die mir das Virus einimpft? Für mich sieht es so aus, als ob mir ein neuer Körper wächst! Was hat das Virus bloß vor? Ist damit eine Erneuerung des Alten verbunden oder wird sich ganz Neues gestalten? Werde ich sozusagen zu einem ganz neuen Menschen? Gebannt beobachte ich, wie sich bereits neue Arme bilden. An ihren Enden entwickeln sich Finger, die Saugnäpfen ähneln. Sie sind durchsichtig, doch ich kann damit greifen. Ich taste meinen alten Körper ab. Wie Pergament fühlt er sich an. Ich erfasse meinen Kopf und bemerke nichts Ungewöhnliches. Schon bildet sich ein neuer Brustkorb, der kindlich wirkt. Zumindest ist nicht auszumachen, ob ich männlich oder weiblich bin. Vielleicht dauert das einfach länger. Oder es gibt keine Geschlechter mehr. Es folgen Bauch und Beckenansatz. Sie sehen aus wie eine gerade Linie. Ebenso verhält es sich mit dem unteren Beckenbereich. Nichts scheint für Ausscheidungen, welcher Art auch immer vorgesehen zu sein. Erst jetzt bemerke ich, dass ich keinerlei Hungergefühle verspüre. Meine zuvor durchsichtige Haut wandelt sich in eine grüne Farbe. Ist das einer praktizierten Photosynthese zuzuschreiben? Mutiere ich etwa zu einer Art Pflanze? Doch schon bilden sich Beine. Beruhigend, dass es immer noch zwei sind. Sie wirken recht gerade und stabil. Der Fußbereich weist Rundungen auf und ist recht ausgeprägt. Einzig was mir noch fehlt, ist ein Rückgrat, aber ich baue darauf, dass sich die Wirbel noch bilden werden. Ich werde bald einen guten Stand haben. Und tatsächlich, langsam erhebe ich mich, gehe erste Schritte. Soll ich in den Spiegel schauen? Nein! Ich bin viel zu froh darüber, dass sich das Virus wohl dazu entschlossen hat, mit mir zu leben und zu wachsen. Es ist ganz gleich, ob ich noch wie ein Mensch aussehe oder eher einem Alien gleiche. Ich will mir kein Bild mehr machen. Denn eins weiß ich jetzt schon. Ich werde meinen Mund halten und mich zurück nehmen. Ich will genau erkennen lernen, was in meinem neuen Körper ist, wie er funktioniert, was er braucht, wozu er gemacht ist. Und ich werde nicht mehr von einem Ich sprechen, denn wir sind ein Wir. Gleichberechtigt. Mein Kopf soll von meinem neuen Körper lernen und umgekehrt. Das wäre zumindest ein Anfang. Ich will mir Mühe geben. Ja, ich werde auf meinen neuen Körper hören. Und vielleicht werden wir auch glücklich. Ich schaue ein letztes Mal auf meinen alten Körper als ich die Türe nach draußen öffne. Ein kalter Wind strömt ein und bläst seine letzten Spuren fort.




Susanne Rzymbowski, geb. 1964 in Köln, im Büroalltag zu Hause, bezeichnet sich selbst
gerne als Spinnerin von Wort und Sinn, Autorin aus Leidenschaft, in ihrer Freizeit als
Lektorin und Coach aktiv. Seit 2015 nimmt sie an den unterschiedlichsten Ausschreibungen teil, um neue Ideen zu entwickeln.
Lyrische Texte liegen ihr am Herzen. Neben reinen poetischen Texten, die sich durch
Selbstreflexion und den Entwurf neuer Bilder auszeichnen, schreibt sie auch kritische
Gedichte.
Sie schreibt aber auch gerne Kurzgeschichten (seit 2018 auch unter Pseudonym).
Ihr Anspruch: Zum Nachdenken anregen. Ihre Texte berühren gedanklich und emotional und sind hintergründig, subtil und humorvoll geschrieben, immer den nötigen
Interpretationsrahmen für den Rezipienten lassend.
Zahlreiche Veröffentlichungen in unterschiedlichen Anthologien als Resultat teilgenommener Ausschreibungen sowie Veröffentlichung eines eigenen Erzählbandes in 2020.

Interview mit Susanne Rzymbowski auf dem #kkl-Kanal, hier.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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