De beata vita (Vom guten Leben)

Bernhard Horwatitsch für #kkl7 „Ursache und Wirkung“




De beata vita (Vom guten Leben)


Zwei Glücksbegriffe prägen uns von jeher. Einmal jenes Glück im Innern. Die Griechen nannten es Eudämonie. Das ist weitestgehend unabhängig von den äußeren Ereignissen. Vereinfacht gesagt: Ich akzeptiere mein Schicksal und  mache das Beste daraus. Dazu erzählt uns Herodot in seinem Buch Klio folgende Geschichte: Nachdem der berühmte Krösus fast alle seine Gegner unterworfen hatte und unermesslichen Reichtum angesammelt, besuchten viele weise Männer das reiche Sardes (liegt in der westtürkischen Provinz Manisa). Unter anderem kam auch Solon vorbei. Er hatte gerade den Athenern die Gesetze für ihre Demokratie geschenkt und sich dann auf eine zehnjährige Reise begeben, um sich in der Welt umzusehen.

Die Ambivalenz des Glücks wird seit dem Mittelalter häufig durch das Rad der Göttin Fortuna dargestellt.[1]

Die daheim gebliebenen Athener konnten die Gesetzgebung durch Eide gegenüber Solon zehn Jahre lang nicht ändern.
Als sich Solon und Krösus begegneten fragte Krösus auf seine für Superreiche typische joviale Art den Solon, wen er denn für den glücklichsten Menschen halte. Krösus war sich natürlich klar, dass das nur er sein konnte. Schließlich hatte er gerade viele Schlachten gewonnen und üppigen Reichtum angesammelt.  Aber Solon nannte einen gewissen Tellus als den glücklichsten Menschen. Der hatte wohl geratene Söhne die alle in besten Verhältnissen lebten und als die Athener ihn in die Schlacht riefen, wehrte er alle Feinde ab und starb gleich auf dem Schlachtfeld. Dort wurde er an Ort und Stelle ehrenvoll von seinen Freunden begraben. Krösus wirkte etwas enttäuscht. Wenigstens der zweitglücklichste Mensch sollte er doch wohl sein. Aber nein. Solon nannte Kleobis und Biton. Die beiden stammten aus Argos und waren körperlich gut ausgestattet. Einmal wollte ihre Mutter zu einem Fest, aber es waren keine Rinder da für den Wagen. Da spannten sich die beiden einfach selbst vor den Wagen und brachten ihre Mutter die 45 Stadien zum Heiligtum. Das sind immerhin gute zwei Stunden Wagenfahrt. Alle priesen Kleobis und Biton und auch die Mutter, die solche Söhne hat. Daher wünschte die Mutter vor dem Heiligtum für ihre Söhne das Beste, was die Götter den Menschen geben können.  Kleobis und Biton legten sich im Tempel schlafen und wachten nicht mehr auf. Das Beste, was die Götter für den Menschen zu bieten haben, ist nämlich der glückliche Tod. Niemand kann sich glücklich schätzen, solange er noch lebt. Er kann höchstens sagen, dass es ihm gerade gut gehe. Aber man lebt gut 70 Jahre und jeder Tag ist anders. Doch erst wenn man tot ist, kann man beurteilen, ob dieser Mann, diese Frau ein glückliches Leben hatte. Denn selbst Reichtum schützt nicht vor Unglück. Zwar kann man sich alle seine Begierden besser stillen und Unglück etwas besser ertragen, aber ein armer Mensch der sich glücklich fühlt ist besser dran als ein Reicher der sich unglücklich fühlt.
Krösus war richtig sauer. Was für ein Idiot war dieser eingebildete Grieche mit seinen ausgelatschten Sandalen. Er jagte Solon vom Hof, zog sich in seine Gemächer zurück und ließ sich weiter von seinem Goldschatz blenden. Da wusste er noch nicht, dass er seinen Sohn bei einem Jagdunglück verlieren würde.

Andererseits gibt es das bei den frühen Griechen minderwertigere Glück. Es wird von Kairos repräsentiert. Es ist schwer festzuhalten, flüchtig und kontingent. In der neuzeitlichen Ikonografie wird Kairos als weibliche Figur mit einem Haarschopf dargestellt. Man muss ihn erhaschen. Er ist so flüchtig, dass wir immerzu aufmerksam sein müssen. Wir können uns daher keinen Moment der Ruhe gönnen. Sonst ist das Glück weg. Das entspricht im Kern unserem modernen Streben nach Glück.
Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899 – 1986) berichtet darüber so:  Die Babylonier entwickelten ein Glücksspiel. Am  Anfang hatten alle Glück. Doch schnell war klar, dass das mit dem Glück nicht funktioniert, wenn es allen widerfährt. Eine Reform wurde durchgeführt. Nun kam auf 30 Glückliche ein Büßer, der ein Schwarzlos zog und das bezahlen musste. Mit der Zeit weigerten sich die Büßer und gingen lieber ins Gefängnis um zu bezahlen. Irgendwann war der Unmut so groß, dass man die Büßer hinrichten wollte. Aber es fing eine Diskussion an über den Zufall und die Babylonier hielten vom Zufall nichts. Wieso sollten die einen Glück haben und die anderen büßen? Man wollte den Zufall testen und veranstaltete ein Losverfahren in dem neun mögliche Vollstrecker für die Hinrichtung ausgelost wurden. Dann wurden von den möglichen neun Vollstreckern per Los vier gewählt die in Frage kämen und unter diesen wieder zwei. Doch zu einem Ende kam man nicht. Dem Zufall wollte man nicht zustimmen. Daher erfand man immer wieder weitere Kriterien und Losverfahren. Noch mal: neun mögliche Vollstrecker in einer Ziehung. Vier von ihnen leiten eine weitere Ziehung ein, um den Namen des Henkers auszulosen. Bei zwei könnte statt dem schwarzen Los ein glückliches Los gezogen werden, während eine andere Ziehung die Todesstrafe noch verschärft oder eine andere Ziehung dazu führt, dass der Henker sich weigert, die Strafe zu vollziehen. Zu einem wirklichen Ende käme es daher nie. Das Problem dieser babylonischen Gesellschaft war es nämlich, dass der Zufall nicht nur einmalig bei der Losziehung tätig sein dürfe. In allen Etappen des Losverfahrens müsse es den Zufall geben.

Das Glück ist damit während unseres Lebens kontingent. Erst am Ende unseres Lebens steht dann ein abgeschlossenes Werk das man geglückt und missglückt nennen kann. Zwischendrin ziehen wir gerne Bilanz. Das entspricht unserem ökonomischen Charakter und ist doch so unsinnig, weil niemand wissen kann, was die Zukunft bringt. Optimal wäre also, dass man sich sofort tötet, wenn man mal eine positive Bilanz gezogen hat. Aber unserem modernen Glücksempfinden widerspricht das aufs Äußerste, denn man könnte ja in der Zukunft noch mehr Glück haben. Diese Glücksmathematik macht den Tod so grausam. Dagegen hilft auch keine Lebensversicherung. Das innere Glück ist immer wieder vom äußeren Glück abhängig. Das ist dann auch der Grund, warum vor 2.400 Jahren der Philosoph Zenon (stammt aus Zypern, sein Name bedeutet „Geschenk Gottes“) die Stoa als Philosophie des Glücks einführte. Der Kern dieser Philosophie ist es, sich vom äußeren Glück möglichst unabhängig zu machen durch Übung. Kontrolliere deine Gefühle, mach dich frei von  Einflüssen der Welt. Das Hauptziel war die Abwesenheit von Affekten zu erzielen, eine Form der Seelen- oder Gemütsruhe zu erreichen, die man Ataraxia nannte oder auch Apathia. Weiter ist das Fatum eine wesentliche Säule dieses Denkens. Die Welt, der Kosmos ist determiniert. Was wir tun können als Individuen ist bestenfalls, uns damit abzufinden. Egal was wir machen, wir erfüllen unser Schicksal. Mit Hilfe der Vernunft kann man seine Affekte beherrschen und herausfinden, worum es geht. Dann kann man ein einigermaßen beruhigtes und glückliches Leben haben. Es ist eine Philosophie des Sterbens und findet sich heute in jedem Psycho-Ratgeber wieder, ob dem Autor das bewusst ist oder nicht. Natürlich hat der Mensch unter dem Primat der ökomischen Wertschöpfung sein Glück stärker von den äußeren Gegebenheiten abhängig gemacht. Der römische Satiriker Juvenal  prägte im ersten nachchristlichen Jahrhundert den Satz: …orandum est ut sit mens sana in corpore sano. Das wird gerne verkürzt zitiert als Forderung nach einem gesunden Körper in einem gesunden Geist. Im Ganzen übersetzt lautet der Satz von Juvenal aber: Man soll darum beten, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Und Juvenal war ein Satiriker. Er war sich darüber im Klaren, dass wir das gar nicht hinbekommen. Was ist ein gesunder Geist? Und was ist ein gesunder Körper? Beide Gesundheitsbegriffe sind nicht generalisierbar und ändern sich regelmäßig. Auch ist ein gesunder Körper oder ein gesunder Geist auch dem Zufall anheimgestellt. Wer das Pech hat, mit einem körperlichen oder geistigen Defekt zur Welt zu kommen, wird sich an der Forderung sein Leben lang stoßen. Und er wird zu Recht das moralische Diktat dieser Forderung kritisieren. Warum sollte ein blinder Mensch nicht glücklich sein dürfen oder können? Warum sollte ein intellektuell weniger begabter Mensch nicht glücklich sein können oder dürfen? Was ist gesund? Was ist Glück? Meine Forderung wäre daher, dem Einzelnen zu überlassen wie er Glück definiert. Gemeinsam können wir eine Welt gestalten, die dem Einzelnen sein persönliches Glück ermöglicht. Und daran merken Sie schon, wie schwer das ist, denn das so manches Glück des einen ist das Unglück des anderen. Eine Glücksgerechtigkeit herzustellen ist wirklich nicht einfach.




Bernhard Horwatitsch, *1964, München, Dozent für Recht, Ethik und Literaturgeschichte, hat bereits in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.  Letzter Roman »Das Herz der Dings«, www.mabuse-verlag.de

Akrobat für Gedankenspiele, regelmäßiger Autor im Philosophie-Magazin Lichtwolf (Freiburg) und der Edition Schreibkraft (Graz),

Freies Literaturprojekt

Gespäch / Interview mit Bernhard Horwatisch und Jens Faber-Neuling HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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