Warme Nächte

Yvonne Schwarz für #kkl7 „Ursache und Wirkung“



Warme Nächte

Du: „Hast du Gedanken?“

Ich: „Zu was?“

Du: „Du weißt schon.“

Ich: „Nein, habe ich nicht.“

Das Gras piekt von unten und es ist braun. Nicht grün. Das weiß ich ich vom Tag. Irgendwie ist es gar kein Gras mehr. Es ist Sommer und der Untergrund ist hart und trocken von der Sonne, die seit Wochen darauf brennt. Die seit Monaten alles aufheizt. Selbst die Nacht vermag nicht mehr die Luft oder den Boden abzukühlen. Doch man sieht im Dunkeln nicht, dass alles  braun ist. Mir ist immer noch warm.

Du: „Woher weißt du, was ich meine?“

Ich: „Weil du immer dasselbe meinst“

Du: „Was?“

Ich: „Dass es braun ist. Und zu warm. Und dass du dich schämst.“

Du: „Findest du Schämen falsch?“

Ich: „Heute Nacht ja“

Du: „Wieso gerade heute Nacht?“

Ich: „Weil ich für gestern und vorgestern und die Nächte davor nichts mehr ändern kann. Und heute Nacht schäme ich mich nicht, weil ich keine Lust dazu habe.“

Du: „Aber heute geschieht es auch!“

Ich: „Stimmt und morgen.“

Du: „Genau. Es wird immer geschehen. Jeden Tag in den nächsten Jahren.“

Ich: „Deshalb werde ich jetzt und hier pausieren, vom Schämen. Ich werde sitzen und einfach die warme Nacht genießen. Ganz ohne schlechte Gefühle.“

Du: „Kannst du das wirklich?“

Ich: „Nein.“

Du: „Und warum nicht?“

Ich: „Weil du neben mir sitzt. Und weil du immer solche Fragen stellst.“

Die Erde ist immer noch warm. Ich ziehe Kreise mit meinem Finger. Um trockene Halme, die ich nicht sehe. Deren Kratzen ich aber spüre. Die Brise, die mein Gesicht streift ist nicht nächtlich kühl. Du siehst auf dein Handy.

Du: „Es ist Mitternacht! Gleich ist morgen. Schämst du dich dann wieder?“

Ich: „Danke, dass du mich daran erinnerst. Ich hatte mich tatsächlich gerade für einen Moment wohl gefühlt.“

Du: „Wie kannst du genießen, wenn alles braun ist. Und vertrocknet.“

Ich: “Es ist dunkel.“

Du: „Na, und? Was ändert das?“

Ich: „Ich kann es nicht sehen:“

Du: „Aber es ist da. Es ist so.“

Ich: „Aber ich kann es nicht sehen“

Du: „Das ist Unsinn“

Ich: „Nein, es funktioniert:“

Du: „Bist du sicher?“

Ich: „Nein. Nicht wirklich. Es ist ja trotzdem da.“

Du: „Das ist meine Rede.“

Ich: „Stimmt. Und jetzt schäme ich mich wieder.“

Du: “Das ist gut. Aber warum plötzlich doch?“

Ich: „Weil nun morgen ist und weil du neben mir nervst.“

Seufzen scheint mir in diesem Moment die geeignete Untermalung. Ich seufze sehr tief.

Du: „Das ist vernünftig von dir. Das ist angebracht.“

Ich: „Aber eigentlich es macht keinen Sinn.“

Du: „Wieso?“

Ich: „Weil es nichts ändert. Das Schämen“

Du: „Natürlich ändert es etwas.“

Ich: „Was soll es ändern?“

Du: „Das Bewusstsein“

Ich: „Nur Taten ändern etwas. Es ändert nichts, sich zu schämen. Es ändert nichts, nur über etwas nachzudenken und sich schlecht zu fühlen und dann wie immer weiterzumachen. Du fühlst dich nur schlecht. Sonst ändert es nichts.“

Du: „Aber ohne Bewusstseinsänderung kann auch keine Änderung in der Handlung erfolgen.“

Ich: „Vielleicht. Aber wenn ich ohnehin nichts ändere, dann bringt es auch nichts, wenn ich mich schlecht fühle.“

Du: „Vielleicht. Aber warum tust du dann nichts?“

Schweigen um 0:05 Uhr.




Yvonne Schwarz 1964 in Tübingen, Baden-Württemberg, Deutschland geboren. 1985 nach dem Abitur nach Berlin. 1999 – 2008 in Bayern. In Berlin unter anderem Arbeit als freie Theaterfotografin und als Internetprogrammiererin, sowie Ausbildung zur Kfz-Elektrikerin. Kommt 2016 über das Buchprojekt „Carmela, siebtes Kind“ zum Schreiben. Gewinnt September 2017 den Schreibwettbewerb „Acker für die Welt“ der Zukunftsstiftung Landwirtschaft auf der IGA Berlin. Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien, die aus Literaturwettbewerben hervorgehen. November 2019 Finalteilnehmerin im Lyrikbewerb „zeilen.lauf“ (Baden bei Wien, AT).
November 2020 Beitrag im Literaturmagazin „DUM 96“.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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