Vom Leben

Petra Aigner für #kkl7 „Ursache und Wirkung“




Vom Leben

Sie trat ans Fenster. Ihr Blick blieb am gegenüber liegenden Stadtfriedhof hängen. Ein Ort der Auszeit in den Turbulenzen einer Stadt. Hier, eine grüne Lunge inmitten der verbauten und asphaltierten Flächen in diesem Viertel der Stadt. Ihr Blick rückte die wahrgenommenen Dinge näher in ihr Bewusstsein: Die Schönheit der geschliffenen Oberfläche der Steine, von Schwarztönen, über Grautönen bis hin zu strahlendem Weiß, die in unterschiedlichen Formen je nach Geschmack der Zurückgebliebenen, Türschilder der Verstorbenen waren. Zwischen den modernen Gräbern, ragten noch hie und da alte, graue Grabsteine aus dem Boden. Ihre Oberfläche rau und rissig. Der Stand schon etwas schief. Zeitzeugen. Aufseher. Alte Gräber aus fernen Zeiten. Manche noch aus dem 19. Jahrhundert, wenn nicht noch früher. Die meisten davon mit Efeu bewachsen, zumeist überwuchert. Kerzenlos. Nur der Efeu, der das Grab in seinen Besitz genommen hatte. Regungsloser Zeuge von Geheimnissen der Toten, die vor den Lebenden verborgen blieben. Friedliches Immergrün, pflegeleicht. Fügte sich dennoch gut in die Reihen der bunt und schön bepflanzten Reihen, die meisten davon frei von Unkraut. Bereit für ihre großen Tage im Jahr.                                                                   

Ihr Blick schweifte über die asphaltierten Wege des Friedhofes, auf denen sie stundenlang spazieren gehen konnte. Wege, die einem fast alleine gehörten, während nur ein paar Meter vor den Mauern das Allein sein fast unmöglich war. Mitten in der Stadt. Bäume ragten zwischen den Gräbern hervor, Schutz und Unterschlupf bietend, nicht nur für die Lebenden. Auch heute hatte der Friedhof Besuch. Sie beobachtete einen älteren Mann, neben ihm lagen Gießkanne, Blumenstecklinge, ein Säckchen Erde, Eimer, Schaufel und Rechen im Gras. Er hatte noch nicht angefangen, das Grab neu zu bepflanzen. Still stand er, etwas Abstand haltend, davor. Sie konnte nur seinen Rücken sehen, bekleidet mit einem grauen Anorak, zeitlos und doch nur von der älteren Generation getragen. So einen hatte auch ihr Stiefvater getragen. Obwohl der Mann nichts Ungewöhnliches für einen Friedhofsbesucher tat, konnte sie ihren Blick nicht von ihm lösen. Mit leicht geneigtem Kopf, sich gegen den Wind stemmend, stand er einfach nur so da. Wie abwartend. Die mitgebrachten Habseligkeiten lagen weiterhin unbeachtet im Gras. Eine Windböe ergriff den Kübel und ließ ihn ein paar Meter weiter rollen. Eine Grabeinfassung entriss dem Wind sein Spielzeug und gab ihm Halt. Die Blumenköpfe der Stecklinge wurden zur Erde gedrückt. Auch in den schon geöffneten Sack Erde fuhr der Wind hinein und blähte diesen auf. Der Mann machte keine Anstalten, seinen Kübel zurück zu holen, und auch der Überlebenskampf der Blume, nicht alle Blüten an den Wind zu verlieren, veranlasste ihn nicht dazu, zur Grabbepflanzung überzugehen. Der Mann, dessen braune Hosenbeine sich ebenfalls im Wind aufblähten, stand ohne Regung. Wie der Grabstein vor ihm. Da sah sie, wie plötzlich ein Kind, ein Mädchen, sie schätzte es auf höchstens fünf Jahre, auf den alten Mann zulief. Gefolgt von einer jungen Frau. Das Mädchen trug einen roten Mantel, eine lila Mütze und gleichfarbigen Schal. Ihr Lauf wurde ab und zu von einem kleinen Hopser unterbrochen. Die Frau, langsamer, aber doch raschen Schrittes. Ebenfalls mit Mantel und Schal bekleidet. Der alte Mann hob seinen Kopf, bewegte sich. Endlich. Ein Seufzer entfuhr ihr. Der Alte wandte sich dem Kind zu, breitete seine Arme aus. Die Frau hatte den vom Wind vertriebenen Eimer in der Hand, als sie beim Grab zum Stehen kam. Sie strich sich etwas Haar aus dem Gesicht. Ein kurzer Griff an den Arm des alten Mannes. Dann bückte sie sich, griff nach der Schaufel und fing an zu graben. Am schönsten ist der Friedhof im November. So wie heute.




Petra Aigner, geboren am 17.02.1983 in Linz, kehrte nach dem Studium der Bildungswissenschaften zurück nach Linz, wo sie bis heute im Sozialbereich tätig ist. Derzeit wohnt sie mit ihrer Familie in Puchenau. Das Schreiben ist ihr liebstes Hobby. 

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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