Das Schweigen

Cornelia Koepsell für #kkl7 „Ursache und Wirkung“




Das Schweigen

Jeden Morgen von neuem  zog Else in die Arbeit wie ein römischer Gladiator in die Schlacht.

Bevor sie die Wohnung verließ, ihre Höhle, in die sie sich abends zurückzog, um die unsichtbaren Wunden zu lecken, die ihr tagsüber geschlagen wurden, bevor sie also die Tür zur feindlichen Außenwelt öffnete, stülpte sie sich mental den Panzer von Heinrich dem Löwen über, welchen sie kürzlich in einer Schlossbesichtigung bewundert hatte. Daran, so hoffte sie, würden die Giftpfeile abprallen, die während des achtstündigen Arbeitstages in ihre Richtung surrten, an ihnen Spitzen, Haken und Widerhaken, die sich nicht leicht aus dem Fleisch reißen ließen, ohne tiefe Wunden zu hinterlassen.

Es war nicht die Arbeit, welche Else fürchtete. Das bisschen Briefe schreiben oder Rechnungen buchen, Angebote ausfüllen, dass Telefon bedienen, professionelle Höflichkeit verströmen, all das erledigte sie mit links.

Nein, es war Martha, die früher geliebte Kollegin, welche den Arbeitstag in eine qualvolle Hölle verwandelt hatte. Die beiden saßen sich gegenüber. Seit Wochen redete Martha kein einziges Wort mehr mit Else außer in den Momenten, wenn sie einen der Pfeile abschoss. Wobei das Schweigen schlimmer war.

Martha war zur Feindin geworden, eine der erbittertsten, die Else sich vorstellen konnte. Es kam ihr vor wie die Erbfeindschaft nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Frankreich und Deutschland.

Else wusste nicht was geschehen war, wie und ob sie etwas falsch gemacht hatte. Ihre inständigen Bitten und Gesprächsversuche in Marthas Richtung, was denn los sei, warum sie nicht mehr rede, hatten nichts gefruchtet. Sie prallte gegen eine Wand, die auch wenn sie unsichtbar war, in Härte und Konsistenz einer Betonmauer glich.

„Garnichts ist los. Ich hab viel zu tun. Muss mich konzentrieren“, antwortete Martha.

Natürlich wussten beide, dass es nicht an der Arbeit lag. Es ist unmöglich mit einem Menschen zu reden, der sich dem Gespräch verweigert, das musste Else einsehen.

Betrat der Chef oder ein Kollege den Raum, zwitscherte Martha wie ein Vogel, lachte und scherzte mit diesem hinreißenden Kichern, von dem Else früher so verzaubert gewesen war. Bloß galt es schon lange nicht mehr ihr.

Sie zermarterte sich das Hirn. Wie hatte es zu dieser unerträglichen Situation kommen können?

Noch vor ihrem Urlaub waren Else und Martha ein Herz und eine Seele gewesen. Gemeinsam wollten sie sich im Personalbüro über den neuen Chef beschweren, der Schikane und ständige Einmischung in Dinge, von denen er offensichtlich nichts verstand, für die beste aller Führungsmethoden hielt.

Als Else voller Tatendrang aus dem Urlaub zurückkehrte, redete Martha nichts mehr. Mit dem neuen Chef scherzte und kicherte sie. Die Schikanen konzentrierten sich auf Else.

Wochenlang drängte sie den naheliegenden Gedanken beiseite, dass  Feigheit und Opportunismus die Kollegin zu ihrem Verhalten trieb. Nein, das konnte nicht sein. Ihre Martha, mit der sie sich anderthalb Jahre so gut verstanden hatte. Mit der sie gelacht hatte, dass ihnen beiden die Bäuche schmerzten. Nein. Nein. Nein. Es durfte nicht sein. Es konnte nicht sein.

Plötzlich – es war ein Montag, drehte sich das Blatt. Noch am Abend vorher war Else in eine üble Sonntagnachmittagsdepression verfallen. Wie bloß sollte sie die nächste Woche überstehen, jeden Tag acht Stunden eingesperrt in einer Bürozelle mit Martha, der Feindin.

Als sie um acht Uhr den Arbeitsplatz betrat – an diesem Tag hatte sie sich einen Astronauten – Anzug erwählt, den sie in ihrer Phantasie anzog und mit Luft aufblies, um einen Schutzwall zu schaffen – als sie ihren kleinen Rucksack unter dem Schreibtisch verstaute, begrüßte Martha sie mit einem strahlenden Lächeln.

Überrascht grüßte Else zurück. Ihr eigenes Lächeln war schief. Sie traute dem Frieden nicht.

Im Laufe des Tages stellte sich heraus. Die Eiszeit war beendet. Martha hatte es  beschlossen. Sie lachte, scherzte und kicherte wie zu ihren besten, früheren Zeiten.

Langsam taute Else auf. Es dauerte die fünf Tage der Arbeitswoche. Natürlich fragte sie nicht, woher der Umschwung kam. Das war tabu. Eine No go Ärea. Fast begann sie der Kollegin erneut zu trauen. Gleichzeitig warnte sie sich selbst:

„Sei vorsichtig. Es kann wieder passieren.“

Gerade weil sie nicht wusste, wie und warum die Launen über sie hereinbrachen.

Zwei Wochen und einen Tag währte das Glück.

An einem Dienstag begann das Schweigen erneut. Else erzählte Belangloses, Verzweiflung in der Stimme. Keine Reaktion. Nichts.

Es traf sie längst nicht in der gleichen Weise wie beim ersten Mal. Else hatte ihre Schutzpanzer nicht vernichtet. Zuhause lagen sie bereit, falls ein erneuter Einsatz nötig war.

Sie gewöhnte sich an den Krieg mit gelegentlichen Feuerpausen oder gar Szenen der Verbrüderung. Ihre Devise lautete. Sich nicht einlullen lassen. Das Herz nicht öffnen. Vorsicht bewahren.

Von allen Seiten hatte sie die Waffe des Schweigens kennen gelernt und begann sich selbst darin zu üben.

Nur manchmal, wenn sie spontan die Stille zerbrach mit einem Satz an Martha gerichtet, weil sie einen Moment nicht bedacht hatte, dass Krieg herrschte – gnadenlos und unerbittlich – und das Schweigen zurück prallte wie eine Gewitterfront, schlug die Wut wie ein Blitz in sie ein.

Längst war die Enttäuschung dem Hass gewichen.

„Irgendwann kriegst du es zurück, du mieses Stück Scheiße im Businessdress“, das schwor sie sich.

Wie das vor sich gehen sollte, war ihr unklar. Martha war die Stärkere. Ihr Hass war älter und speiste sich aus unbekannten Quellen.

Irgendwann erfolgte auf eine lange Eiszeit ein erneutes Tauwetter, welches anhielt, sehr lange, unglaublich lange.

Else wurde übermütig. Sie fing an zu glauben, alles sei wieder gut. Nie mehr würde sie ihre Rüstungen, ihre Schutzwälle brauchen. Nur ein winziger Rest Misstrauen blieb übrig, verkapselt wie eine Krebszelle, welche das Immunsystem des Körpers besiegt hatte.

Als die längste aller Tauwetterperioden so plötzlich endete wie sie begonnen hatte, der Hass und das Schweigen erneut über Else herein brach, da explodierte die verkapselte Krebszelle in ihrem Körper wie eine dieser Sprengbomben, die sich in unzählige kleine todbringende Splitter aufteilen.

Wie ferngesteuert betrat Else nach einer Woche Schweigen das Büro, im Rucksack den größten Schraubenschlüssel, den ihr weiblicher Junggesellinnen – Haushalt aufzubieten hatte, zusammen mit einer fast echt wirkenden Spielzeugpistole. Beide Utensilien legte sie vor sich auf den Schreibtisch.

„Wie war das Wochenende?“ fragte Else.

Keine Antwort.

Sie packte den Schraubenschlüssel mit rechts, die Pistole mit links, umrundete den Schreibtisch, baute sich vor Else auf, hob den rechten Arm samt Schlüssel, zielte mit links auf die Kollegin und fragte:

„Wie war das Wochenende?“

Der Ton ihrer Stimme ließ Martha aufsehen.

Ihre Augen weiteten sich und sie begann zu quieken. Sehr hoch. Sehr laut. Ilse erkannte das Geräusch. Eine Zeitlang hatte sie neben dem Schlachthof gewohnt. Schweine quietschten so in Todesangst.

Else schlug mit dem Schraubenschlüssel auf Marthas Kopf. Zwischen die Augen. Blut spritzte. Die Kollegin sackte nach vorn. Der Kopf fiel auf die Tastatur. Blut sickerte in die Tasten – Zwischenräume.

Die Tür öffnete sich. Der Chef trat ein.

„Was ist hier los?“ fragte er.

Er sah Else. Rechts den Schraubenschlüssel. Links die Pistole. Sie legte den Schlüssel neben Marthas Kopf, nahm die Pistole in die rechte Hand und zielte auf den Chef.

Langsam ging er rückwärts, riss die Tür auf, stürzte hinaus und knallte sie zu.

Endlich war Ruhe.

Else setzte sich hinter ihren Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und begann zu arbeiten.

Draußen schrie jemand.

„Legen Sie die Hände in den Nacken. Kommen Sie raus. Seien Sie vernünftig.“

„Siehst du Martha, die reden mit mir“, sagte Else, bevor sie wie befohlen mit den Händen im Nacken vor die Tür trat.

Bald darauf schloss sich eine Tür hinter ihr. In der Zelle ein Bett mit blau – weiß karierter Decke.

Selten hatte Else so gut geschlafen wie in dieser Nacht.




Cornelia Koepsell

Jahrgang 1955

literarisches Schreiben seit 2002

93 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen: 3. Preis des Schwäbischen Literaturpreises 2011

3. Preis Frauen Literaturpreis 2014

3. Preis Berner Bücherwochen 2015

3. Preis Frauen Literaturpreis 2016 (Theaterstück)

1. Preis Kunsthaus Lisa 2021

Publikationsliste

Debütroman „Das Buch Emma“ , September 2013

Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-409-3

Roman „Lauf weg wenn du kannst“ Juli 2017, Geest Verlag ISBN 978-3-86685-6097

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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