Herr Fallert sucht

Markus Trautwein für #kkl8 „Das Wesentliche“



Herr Fallert sucht

Herr Fallert – so nennt sich der Protagonist dieser Erzählung – Herr Fallert war ein großgewachsener, hagerer Mann mittleren Alters. Seine tiefliegenden Augen und sein damit einhergehend dümmlicher Gesichtsausdruck sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um einen ausgesprochen intelligenten Erdenbürger handelte. Er absolvierte nicht nur das Abitur mit ausgezeichneten Noten, sondern meisterte auch das sich anschließende Studium der Mathematik ebenfalls mit Bravour. Danach gelang es ihm durch einen glücklichen Zufall, den Fuß in die Tür eines Wirtschaftsunternehmens zu kriegen, in welchem er nun bereits seit knapp fünfzehn Jahren einen anspruchsvollen, jedoch unauffälligen Job verrichtete.

Seit er in diesem Unternehmen tätig war, fuhr Herr Fallert jeden Morgen an Wochentagen auf der staubesetzten A100 in Berlin zur Arbeit, außer, wenn er tatsächlich einmal krank war oder Urlaub nahm. Da auf der A100 jeden Tag im Berufsverkehr Stau war, hatte Herr Fallert mittlerweile eine beträchtliche Zeit seines Lebens im Stau verbracht Der genaue Zeitraum ließe sich sogar gut ausrechnen, wenn man davon ausginge, dass er jeden Tag etwa zwei Stunden im stockenden Verkehr zubrachte. Diese Rechnung erscheint aber für den Fortgang dieser Erzählung nicht von Bedeutung.

Herr Fallert beobachtete gerne Menschen, während die Blechlawine nur in Schrittgeschwindigkeit vorankam. Irgendwann, es müssen etwa zwei Jahre gewesen sein, fiel ihm auf, dass er im Stau oft die gleichen Fahrzeuge wiedersah. Manche sah er einmal alle paar Wochen, andere wöchentlich, doch ein Fahrzeug sah er mehrmals pro Woche, im Schnitt etwa dreimal. Herr Fallert fühlte sich mit dem Fahrer (er hatte bemerkt, dass es sich um einen Mann handelte) auf eigenartige Weise verbunden, war er doch wie er eine gebeutelte Seele, verdammt dazu, so viele kostbare Stunden des Lebens auf Asphalt zu verbringen, ohne nennenswert Strecke hinter sich zu lassen. Ja, dieser Mensch war mindestens genauso arm dran wie er. Es handelte sich um einen roten Opel Corsa und das Kennzeichen lautete B für Berlin und dann TZ und vier Ziffern. In der Gedankenwelt von Herrn Fallert war es ein Wunschkennzeichen mit Initialen. Nach reiflicher Überlegung kam er zu dem Schluss, dass der Mann Torsten heißen müsse, Torsten Zollenbauer. Das war ein stattlicher Name, wie es sich für einen so leidgeplagten Menschen gehörte.

Seitdem der Name des Fahrers des roten Corsas geklärt war, war es Herr Fallert ein besonderes Anliegen, jeden Tag nach seinem neuen Freund Ausschau zu halten. Einmal hatte er sogar den Mut, den Fahrer durch ein Heben der geöffneten Hand freundlich zu grüßen, als dieser auf der rechten Spur neben ihm fuhr. Herr Fallert hatte dafür extra die Spur gewechselt, denn Herr Fallert fuhr sonst immer und ausschließlich auf der rechten Spur, wenn er die Wahl hatte. Aber für seinen neuen oder gar besten Freund brach er sogar mit seinen Gewohnheiten. Torsten schien allerdings die Geste nicht recht deuten zu können, es folgte eine merkwürdige Sekunde der Unsicherheit, ehe er dann doch auch die Hand hob und zurückgrüßte.

Herr Fallert beschloss jedoch, dass Torsten und er keinerlei Gesten des Grußes mehr benötigten, man verstand sich schließlich auch ohne Worte und Taten blendend. Die nächsten Jahre hielt Herr Fallert also jeden Tag Ausschau nach dem roten Corsa, sich innerlich freuend, wenn er ihn erblickte. Fast könnte man sagen, dass die Tage, in denen er das Objekt seiner Begierde zu sehen bekam, die besten der Woche, des Monats, des Jahres waren…

Eines Tages fiel Herrn Fallert auf, dass er den roten Corsa und damit auch Torsten länger nicht mehr gesehen hatte. Es musste nun schon drei Wochen her sein, dass man sich im Stau begegnete. Er fing allmählich an, sich Sorgen zu machen. Als er auch in der vierten Woche seinen besten Freund nicht wiedertraf, wurde er unruhig. War Torsten etwas zugestoßen? Etwas Ernstes gar? Dieser Gedanke brannte in der Seele des Herrn Fallerts wie Feuer, die Idee, dass Torsten im Krankenhaus läge oder gar Schlimmeres, besorgte ihm zahlreiche schlaflose Nächte.

Herr Fallert beschloss, dass er nach seinem Freund suchen müsse. Er druckte Flugblätter, wo er ein symbolisches Bild des Corsa abdruckte mit der Frage, wer den Fahrer des Autos mit dem Kennzeichen B-TZ und den vier Ziffern kenne. Unten drunter stand noch: Der Fahrer hört vermutlich auf den Namen Torsten Zollenbauer. Diese Flugblätter klebte er an fast alle Autobahnauffahrten der A100. Doch er beschränkte sich nicht darauf. Im Stau kurbelte er das Fenster runter und versuchte andere Fahrer zu fragen, ob sie den Mann kennen würden und was mit ihm wohl geschehen sei. Meistens erntete er jedoch nur irritierte Blicke, mal gemischt mit Abscheu, mal mit Aggression oder auch Mitleid.

Er beschränkte sich jedoch nicht nur darauf, sondern rief außerdem noch bei der Auskunft an und meldete Torsten bei der Polizei als vermisst. Jedoch wurde er bei beiden Stellen nur vertröstet, einen Torsten Zollenbauer könne man in der Kartei nicht finden, man werde sich aber melden, wenn man etwas herausfände. Herr Fallert wollte sogar bei einer der Fernsehshows mitmachen, bei denen Angehörige ihre Vermissten wiederfinden, natürlich ausgesprochen dramatisch inszeniert, aber womöglich seine letzte Chance. Als er jedoch bei einem Vorgespräch am Telefon die Sachlage erörterte, legte der Mann vom TV-Sender einfach auf.

Herr Fallert wurde schließlich drei Wochen später, mitten im Winter, im Grunewald aufgefunden, wo er immer wieder lauthals „Tooooorsten!“ gerufen haben soll. Zu dem Zeitpunkt war er vollkommen unterkühlt und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und später in eine Spezialklinik überwiesen. Noch heute fragt er jeden Morgen die Krankenschwestern, ob Torsten Zollenbauer endlich wiedergefunden worden sei.


Markus Trautwein, geboren in Fürth, 1989. Aufgewachsen in Brandenburg, 90er. Gereift in Berlin, ab 2000er. Studium Deutsch und Geschichte auf Lehramt, aktuell Lehrer in Berlin, verheiratet, 2 Kinder.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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