Autonomie der Kunst

Bernhard Horwatitsch für #kkl8 „Das Wesentliche“




Autonomie der Kunst

Vertritt man diesen Standpunkt – wie ihn Heine gegen die Saint-Simonisten vertrat – dass die Kunst autonom sein solle, weder der Religion noch der Politik zu dienen habe, dann muss man in der modernen westlichen, kapitalistischen Welt auch konsequenterweise gegen die Marktgängigkeit von Kunst sein. Autonomie der Kunst in einer kapitalistischen Welt würde bedeuten: Jeder Cent, den Kunst (egal welche Form) einspielt, ist eine Nötigung, stellt die Kunst unter Korruptionsverdacht. Lieber Herr Heine: Es geht nicht. Kunst kann nicht autonom sein. Warum? Weil sie sonst restlos verkümmert. Kunst ist etwas Organisches, braucht Nahrung wie jeder Organismus. Autonome Kunst wäre bestenfalls ein Ziergarten und damit von den Gärtnern abhängig. Also tritt die Kunst in die Welt, mit allen Konsequenzen. Keine Reinheit der Kunst! Und hier gilt nach wie vor Schillers Spieltheorie zur Kunst. Ausgehend von Karl Philip Moritz kann man die Kunst erst einmal als Selbstzweck betrachten. So ist die Kunst ein „für sich bestehendes Ganzes“ (K.P. Moritz Über die bildende Nachahmung des Schönen 1788) hat sie kein Wozu, ist nur sich selbst unterstellt, will nichts als sich selbst und lädt uns ein, bei ihr zu verweilen. Das Gezwungene, Gehemmte, Gedrückte, sagt nun Schiller, kann niemals schön sein. Jede Dienstbarmachung von Kunst zerstört ihre Schönheit. Jedes Preisschild ruiniert den ästhetischen Eigenraum von Kunst. Schiller entwirft hierzu zwei Dichtertypen: Den Naiven  und den Sentimentalischen. Dem naiven Dichter fliegt die schöpferische Freiheit fließend und ungehemmt zu. Es ist bei ihm ein Geschehen und Geschehenlassen. Der sentimentalische Dichter dagegen wirkt eher abstrakt, gibt sich Gesetze, kommandiert die Poesie, entwirft, plant. Der sentimentalische Dichter ist sich selbst als Schöpfer teleologisch. Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Die Regeln, die sich der sentimentalische Dichter also gibt, sind seine Regeln. Das findet alles noch in einem autonomen Raum statt. Und angenommen, es gehört zu meiner Spielregel, von Kunst leben zu wollen, dann wird das Preisschild relevant. Nun ist aber der Markt bestimmend für den Preis, nicht der Künstler. Damit gibt er seine Freiheit auf und es entsteht der Verdacht der Nötigung. Doch wenn Kunst so autonom ist, dass sie sich nicht als offenes System zeigt, wird sie zur Hermeneutik. Diese Autonomie führt in den Autismus. Dieses Patt ist vermutlich nicht zu lösen.  Der moderne Ansatz besteht in der Schaffung von Kulturräumen, die ein gewisses Maß an Freiheit ermöglichen. Diese Kulturräume implizieren den Willen, autonome, geschlossene Systeme zuzulassen. Das Vorhandensein solcher Kulturräume ist ein Gradmesser für die Zivilisiertheit einer Gesellschaft. Doch leider sind diese Kulturräume eben nur Ziergärten, denn – wie schon gesagt – sie sind abhängig vom Gärtner. Damit sind sie nur zum Schein frei. Genau das ist der Status idem der Kunst in der westlichen, kapitalistischen Gesellschaft. Eine Horde durchgeknallter Autisten, die sich Künstler nennen, mogelt sich mit gekünstelter Narrenfreiheit durch die kapitalistische Welt. Und in dem Augenblick, wo sie aus ihrem Ziergarten, aus ihrem Kulturraum ausbrechen, werden sie mit aller Härte vom stahlharten Gehäuse der Hörigkeit wieder in ihren Ziergarten zurückgepfiffen. Oder – schlimmer – sie müssen einen Taxiführerschein machen. Und so wird den Narren schnell klar, dass ihre vermeintliche Kunstfreiheit nichts weiter als Ausbeutung war, ihr Kulturraum nichts weiter als eine Maschine zur Herstellung streng kalkulierter Affekterregungskunst, eine Maschine zur Herstellung großer Gefühle.

Heute sind wir längst so weit, dass sogar die Nachrichten nichts weiter sind, als Produkte aus einem Kulturraum. Den Nachrichten zu trauen, wäre in diesem Sinne nicht angebracht und genauso närrisch, wie die Narren, die diese Nachrichten produzieren. Der virtuelle Raum ist ein Kulturraum, doch überall hängt ein Preisschild. Soviel zur Freiheit! Es ist primär ein Witz. Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Raum sind durch ihre gespielte Seriosität die Narrenkrone. Nichts ist absurder, als ein Narr, der sich selbst ernst nimmt. Aus diesem Grund gilt es, die Autonomie der Kunst endgültig aufzugeben, um sie wieder herzustellen. Wer A sagt, muss nicht B sagen. Ein Preisschild bedeutet gar nichts für die Kunst. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass künstlerische Tat die Zerstörung von Kulturräumen einleitet. Diese Kulturräume sind längst die religiösen Bauten des Kapitalismus geworden und müssen niedergerissen werden. Das Niederbrennen von Filmproduktionsstätten, das Niederbrennen von Rundfunkgebäuden, von Verlagshäusern, das Zerschneiden von Glasfaser-Kabeln, das Ausräuchern von Museen, Galerien! Autonome Kunst? Das ist Anarchismus. Der Mensch ist nur da ganz Mensch wo er spielt, nicht wahr Herr Schiller! Uns geht es wie dem Felix, dem Sohn von Wilhelm Meister: An diesem ordentlichen, zweckmäßig eingerichtetem Spiel haben wir die Lust verloren. Also lasst uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir können. Tun wir dies nicht, weil wir die Barbarei so fürchten, dann bleiben wir eben Teil der Maschine. Und unser kreativer Beitrag wäre es, die Maschine hübsch bunt anzumalen, ohne die Maschine dabei zu beschädigen. Dafür gibt es eben die Kulturräume, eine bunte Maschinenwelt. Wir haben die Wahl zwischen der Maschine und der Barbarei. Den Zwischenraum nennen wir mangels poetischer Kraft „Zivilisation“.




Bernhard Horwatitsch, *1964, München, Dozent für Recht, Ethik und Literaturgeschichte, hat bereits in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.  Letzter Roman »Das Herz der Dings«, www.mabuse-verlag.de

Akrobat für Gedankenspiele, regelmäßiger Autor im Philosophie-Magazin Lichtwolf (Freiburg) und der Edition Schreibkraft (Graz),

Freies Literaturprojekt

Gespäch / Interview mit Bernhard Horwatisch und Jens Faber-Neuling HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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