UNSER TREFFEN

Claudia Dvoracek-Iby für #kkl8 „Das Wesentliche“




UNSER TREFFEN

Manche Dinge ändern sich nie. Deine Unpünktlichkeit zum Beispiel. Wie immer lässt du mich warten. Und nach wie vor stört mich das nicht. Traumhaft schön ist es hier an der Donau. Ich betrachte den Wolkenhimmel, der sich im Wasser spiegelt, lasse meine Gedanken schweifen, denke über dich, über uns nach, denke an unsere Kinder- und Jugendzeit im Dorf, die wir quasi gemeinsam verbrachten. Wie Schwestern. Wir vertrauten einander, vertrauten einander alles an. Später dann, in Wien, gründeten wir mit anderen eine WG, studierten, arbeiteten beide in der Flüchtlingshilfe, feierten Feste, reisten zusammen, nach Spanien, in die Pyrenäen.

Jetzt stehst du vor mir, hast wie immer eine Erklärung für dein Zuspätkommen parat. Während du redest, suche ich nach Vertrautem in deinem Blick, deiner Gestik. Wir haben uns schließlich lange nicht gesehen. Unser letztes Treffen war vor ungefähr drei Jahren. Es endete in einem gewaltigen Streit.

Du gestikulierst lebhaft, hältst dich aufrecht wie immer. Dein halbes Gesicht ist von einer FFP2-Maske bedeckt. Ich bilde mir ein, dass deine Augen lächeln, spüre die Verbundenheit der Kindertage, denke: Gut, dass ich dir geschrieben habe, gut, dass du umgehend geantwortet, dieses Treffen vorgeschlagen hast. Ich würde dich gerne umarmen, würde gerne dein Gesicht sehen. Doch du nimmst die Maske nicht ab, auch nicht, als wir die Donau entlangspazieren, obwohl wir doch den vorgeschriebenen Abstand einhalten, mir scheint, sogar mehr Abstand als nötig. Ich folge deinem Beispiel, auch ich behalte die Maske an.

Wir tauschen vorsichtig Sätze, erzählen, wie es uns, unseren Familien geht, was sich so tut in unserem Leben. Sprechen über gemeinsame Bekannte. Behutsam versuche ich, von der Oberfläche in die Tiefe zu gehen, von den allgemeinen zu jenen Themen zu gelangen, die man nur mit vertrauten Menschen bespricht. Du gehst auf nichts ein, blockst ab. Beklagst dich über einen deiner Kollegen, streifst dabei das politische Thema, wegen dem wir uns bei unserem letzten Treffen zerstritten haben. Beiläufig bestätigst und bekräftigst du deine Haltung dazu, eine Meinung, die ich zutiefst ablehne, die mich sofort meilenweit von dir entfernt. Ich kenne die Menschen, kenne die Gründe, die deine Sichtweisen derart verändert haben, doch dieses Wissen ändert nichts daran: Die Basis unserer Freundschaft ist dadurch zerstört.

Diesmal kein Streit deswegen. Aber irgendwann unangenehmes Schweigen. Wir trennen uns früh.

Ich bin traurig. Nicht die Masken, nicht die Abstandsregeln sind schuld daran, dass keine Nähe zwischen uns entstanden ist.

Am Abend eine Nachricht am Handy. Du hast geschrieben: ‚Lassen wir es/uns. Verabschieden wir uns im Guten. Nichts kann uns die Erinnerung an die schönen gemeinsamen Zeiten nehmen. Bist mir die beste Freundin gewesen. Ich wünsche dir ein glückliches Leben. Von Herzen.‘

Es ist ein guter Abschied. Wie so oft früher hast du ausformuliert, was ich denke. Manche Dinge ändern sich nie.




Claudia Dvoracek-Iby, geb. 1968 in Eisenstadt, lebe in Wien, schreibe, zeichne, erstelle Collagen

Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, wie zum Beispiel in: SternenBlick, ..&Radieschen, Pappelblatt, Etcetera, Der Maulkorb

2015 Finalistin beim zeilen.lauf art experience Baden

Arbeite derzeit an einem Kinderbuch

claudia.dvoracek-iby@gmx.at

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: