Das Urteil

Rebecca Scharpenberg für #kkl8 „Das Wesentliche“



Das Urteil

Jasmin thronte im Schneidersitz auf dem alten, aber noch erstaunlich standfesten Küchenstuhl, den sie letzte Woche vom Flohmarkt mitgebracht hatte. Ein echtes Schnäppchen war das gewesen. Für so was hatte sie einen Riecher, das musste man sagen – auch wenn sie sämtliche Stilrichtungen der Möbelgeschichte für den Geschmack ihrer Mitbewohner eine Idee zu mutig kombinierte. Der rechte Ärmel ihres schlabberigen Pyjamas war schon so ausgeleiert, dass er gerade mit dem Saum in die Müslischale eintauchte, als Sven zur Tür reinkam.

„Hast du Kaffee gemacht?“, fragte er gedehnt und gähnte. Dann fischte er sich mit spitzen Fingern einen der schmutzigen Becher von dem Geschirrturm neben der Spüle und ließ Wasser darüber laufen. „Wer war denn gestern mit dem Abwasch dran?“

Jasmin schüttelte den Kopf, während sie ihren hafermilchgetränkten Ärmel über der Müslischale auswrang. „Nö, ich trink doch nur Tee. Rooibusch! Solltest du auch tun. Kaffee macht krank und stresst den Körper und Stress ist Gift für die Seele, glaub mir.“

Man hätte meinen können, ihr wäre seine zweite Frage entgangen.

„Ja, ja, schon klar“, nuschelte er und legte ein Pad in die Kaffeemaschine.

Seit einem Jahr wohnten sie jetzt schon in ihrer Vierer-WG, zusammen mit Georg und Meggi, und noch immer konnte Sven sich nicht mit Jasmins Faible für bewusste Ernährung und Selbstfindung anfreunden. Das allerdings war reine Geschmackssache und bei Weitem nicht das Problem. Er selbst aß eben Currywurst und Tiefkühlpizza und traf sich mit seinen BWLer-Freunden lieber abends auf ein leckeres Bierchen, als meditierend auf dem Teppich zu sitzen und Walgesängen zu lauschen. Warum auch nicht? Jeder von ihnen machte sein eigenes Ding. Eigentlich fand er Jasmin, die tiefenentspannte Kunststudentin, mit ihren gut gemeinten Tipps zu spiritueller Energie und Lebensfreude unglaublich liebenswert. Trotzdem brachte sie alle an den Rand der Verzweiflung. Denn wer auch immer ihr mit Pflichten kommen wollte, musste verdammt beharrlich bleiben.

„Warst du nicht gestern für die Küche eingeteilt?“ Zu gerne hätte Sven ihr bei dieser Frage scharf in die Augen gesehen – wenigstens ein einziges Mal.

Doch das war nicht leicht, wenn Jasmin ein Thema zu unwichtig erschien, und Küchendienste interessierten sie nun einmal herzlich wenig. Sie wandte ihren Blick keine Sekunde von den Dinkelflocken ab, die sie zu einer bunten Mischung anderer Power-Zutaten in ihre Schale rieseln ließ. Hochkonzentriert tat sie das, als wäre es jetzt gerade das Wichtigste auf der ganzen Welt. Sven schaute genervt zu.

„Mh, ja, hab ich noch nicht geschafft“, sagte sie beiläufig und hielt ihm eine Tüte mit Amarantkörnern vor die Nase, ohne ihn anzusehen. „Hier! Schmeckt super zu frischen Himbeeren.“

Sven drückte mit dem Handrücken die Tüte zur Seite und setzte sich neben sie an den Tisch. Er hatte keine Lust mehr auf ihre Ausflüchte. Liebenswert chaotisch oder nicht, so konnte es nicht weitergehen. In einer WG gab es Regeln wie überall sonst, wo Menschen den Versuch wagten, gemeinsam klarzukommen, und das konnte nur gelingen, wenn sich auch jeder daran hielt.

Erst vorgestern hatte Meggi geschockt einen von Jasmins lila Socken zwischen ihren weißen Blusen aus der Waschmaschine gezogen.

„Mein Chef bringt mich um“, hatte sie geschimpft und Sven ihre nun schmutzrosa gefleckte Garderobe entgegengehalten. Verständlicherweise, denn so konnte man in keiner Bankfiliale hinter dem Schreibtisch sitzen. Dann hatte Meggi alles in die Wäschewanne gepfeffert und gebrüllt: „Wenn sie nicht sofort auszieht, dann gehe ich!“

Noch wusste Jasmin nichts von dem Urteil, das sie noch am selben Abend zu dritt über sie gefällt hatten. Diesmal stand es endgültig fest: Am Monatsende würde sie rausfliegen. Dann wäre Schluss mit all den Müllbeuteln, die sich in der Abstellkammer türmten, wenn sie, wie fast immer, vergessen hatte, sie rechtzeitig runterzubringen. Nie wieder würde die Wohnungstür den halben Tag bis hintenhin offen stehen, weil sie beim Rausgehen so sehr in ihren neuesten Schmöker vertieft war. Endlich würde bei ihnen Ordnung einkehren. Dann könnte sich jeder auf das Wesentliche in seinem Leben besinnen, anstatt sich mit Jasmins nervenstrapazierenden Macken zu befassen.

„Du, übrigens …“, begann Sven und war froh, als die Küchentür aufging und Meggi mit Georg hereinkam.

Die beiden hatten erst vor Kurzem festgestellt, dass sie ab jetzt füreinander mehr als nur Mitbewohner sein wollten. Sven gönnte ihnen ihren Spaß und störte sich nicht daran, dass sie sogar am Frühstückstisch eher mit sich und ihren Zärtlichkeiten beschäftigt waren als mit Unterhaltungen über Politik, Wirtschaft oder Freizeitaktivitäten. Allerdings würde er ihnen nicht den Gefallen tun, Jasmin ganz allein von ihrem WG-Aus zu berichten. Mit einer finsteren Miene, die er extra für diesen Moment vor dem Spiegel geübt hatte, stellte er den Kaffeebecher vor sich ab und knuffte Georg unsanft in die Seite. Es war so weit und sie alle drei mussten es gemeinsam hinter sich bringen. Er holte tief Luft.

„Jasmin“, sagte er, „das Maß ist voll.“

„Er hat recht“, stimmte Georg zu.

Meggi nickte. „In drei Wochen musst du draußen sein!“

Sie alle sahen Jasmin an, die mit dem Löffel in ihrer Müslischale rührte und dabei den Blick stumm auf die Tischplatte richtete. Dabei lächelte sie so gelassen vor sich hin, dass Sven Sorge hatte, Meggi würde jeden Moment vor Wut die Tüte mit den Amarantkörnern über ihrem Kopf ausleeren. Minuten vergingen.

„Ich habe Krebs“, sagte Jasmin schließlich und versuchte, weiter zu lächeln. „In dreieinhalb Wochen beginnt meine Chemo.“

Schweigen erfüllte den Raum.

Am nächsten Tag türmten sich die Müllbeutel ein weiteres Mal in der Abstellkammer. Sven hatte vergessen, sie rechtzeitig rauszustellen.


Rebecca Scharpenberg, Jahrgang 1980, ist gelernte Juristin und war früher freie Journalistin. Heute arbeitet sie als Literaturübersetzerin, Lektorin und Texterin und schreibt außerdem als passionierte Autorin sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Ihr Alltag ist von jeher geprägt von der unerschütterlichen Liebe zum Schreiben, und das ganz ohne passende Schublade.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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