Das Album

Evelyn Langhans für #kkl8 „Das Wesentliche“




Es liegt immer da. Immer auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer. Neben dem Sessel. Er nimmt das Album auf, während an diesem Morgen ein kühler Hauch durch die geöffnete Tür weht. In den letzten Tagen hat er wieder öfter hineingeschaut. Die Erinnerungen sind automatisch da. Sie sind immer noch stark. Wieder jährt sich der Tag. Dieselbe staubige Hitze, die Farbe der Jacarandas, deren Kronen den Himmel über der Allee lila färbten, während ihre hinab fallenden Blüten am Boden einen lila Teppich bildeten. Dort entlang führte ihr bescheidener Trauerzug. Wie oft hatte er sich in seinen Gedanken wiederholt. Er streicht über den Einband des Albums. Sie hatte seinen Namen auf den Titel geschrieben. Jeden Buchstaben in einer anderen Farbe. Jonathan. Die Buchstaben sind blasser geworden. Sie leuchten nun mit weniger Dringlichkeit. Damals loderte in den Farben ihr ganzes junges Leben, das so bald endete. Dann, es war an diesem Tag vor dreißig Jahren, als der Pastor nach seiner Rede auf dem kleinen Friedhof ein wenig abseits des Dorfes endlich das Zeichen dazu gab, ihren Körper in das ausgehobene Grab zu betten.

Er saß allein im Schlafsaal. Es war eigentlich nicht erlaubt, außerhalb der Ruhezeiten hierher zu kommen. „Jonathan, wenn Du willst, ruh‘ Dich ein bisschen aus“, hatte Mr. Moses gesagt, der ihn nach dem Tod seiner Mutter in seinem Heim aufgenommen hatte. Auch nach zwei Jahren fiel es ihm schwer, den Alltag zu meistern. Ohne sie. Es war fast Mittag. Er hörte von draußen das unerbittliche Zirpen der Grillen, die am nahen Teich zu Hause waren. Er setzte sich aufs Bett. Der Schlafsaal lag im Halbdunkel. Trotzdem staute sich hier die Hitze. Er trocknete sein Gesicht, ein paar Tränen hatten sich unter den Schweiß gemischt. Aus dem Fenster am Horizont sah er die Kette des Rwenzorigebirges. Wie schön musste es dort oben sein. Weit, frei. Unter dem Kissen nahm er behutsam das Album hervor.

Es war das einzige, was übrig war vom Leben mit seiner Mutter. Die Seiten waren schon ganz abgegriffen an den Ecken. Er begann langsam zu blättern. Wenn er durch die Seiten ging, war sie ihm nah. Es machte ihn sicher. Er beruhigte sich langsam. Sie hatte in dem Album ihre Erinnerungen eingefangen. Damit er sie nicht vergaß. Damit er Antworten fand auf die Fragen nach seiner Herkunft, wenn sie nicht mehr für ihn sorgen konnte. Sie hatte für ihn geschrieben und gemalt. Sie hatte etwas eingeklebt, das Papier eines Bonbons, die Karte, die sie ihm zum fünften Geburtstag gebastelt hatte. Er blätterte durch ihr gemeinsames Leben. Memory Book. Viele Kinder im Heim in Uganda hatten solche Bücher. Seine Mutter hatte gewusst, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Die Krankheit war unerbittlich gewesen. Seit er sich erinnern konnte, war sie krank gewesen, schwach, an manchen Tagen unfähig aufzustehen. Sie hatte nicht viel über ihre Krankheit gesprochen. Dann war ihre Kraft aufgebraucht.

Auf der nächsten Seite kommt sein Lieblingsfoto. Immer noch. Ein Baby auf dem Arm einer Frau. Nahaufnahme. Sie sieht jung aus und schön. Sie lächelt in die Kamera. Das Baby hält sie ganz vorsichtig, als würde das Wertvollste in ihrem Leben Gefahr laufen abzustürzen, wenn sie nicht achtgab. Er blättert weiter. Auf der letzten Seite die Karte, die er von seiner Klasse bekommen hatte, als sie gestorben war. Herzliches Beileid. Er war sieben Jahre alt gewesen. Damals konnte er die Worte schon selbst lesen, mit denen sie ihn hatten trösten wollen. Jetzt ist er wieder der Junge, der seit zwei Jahren hier im Heim ist. Seinen Vater hatte er nie kennen gelernt.

Es wird Zeit rüberzugehen. Auch wenn heute ein besonderer Tag für ihn ist. Das Leben geht weiter, das Leben war weitergegangen. Jonathan kommt rein ins Haupthaus und sieht die Kinder noch beim Frühstück sitzen. Er schließt sein Büro auf. Ein voller Tag erwartet ihn. Bald kommen die Prüfungen, die Schülerinnen und Schüler des Abschlussjahrgangs werden die Schule verlassen. Und das Heim. Zum Glück werden wieder einige von ihnen ein Stipendium erhalten. Er findet das Album von Noemi auf seinem Schreibtisch. Sie muss es vergessen haben, als sie am Vortag in seinem Büro miteinander sprachen. Auch Noemi ist neun Jahre alt. Auch ihre Mutter starb, als sie sieben war.

Es war sein sehnlichster Wunsch, als er zehn wurde. Ein weiteres Album, für sich ganz allein. Er kannte seine Wurzeln aus dem Buch, das seine Mutter für ihn gemacht hatte. Es war sein größter Schatz. Die Geschichte brauchte eine Fortsetzung. Er selbst wollte sie weitererzählen, seine Geschichte, so wie er sie sich ausmalte. Jonathan sah es sofort, als er in den Essraum kam und zu seinem Platz hinüberschaute. Neben der brennenden Geburtstagskerze lehnte es an der Vase mit der kleinen Blüte. Das grüne Geschenkpapier schimmerte. Er wartete geduldig, bis seine Klassenkameraden für ihn gesungen hatten. Dann riss er das Papier auf. Und tatsächlich, die gleiche Kladde, wie sie schon seine Mutter gehabt hatte. Er fand das Foto in einer Zeitschrift im Leseraum. Darauf ein Kind in einer Schulbank. Sein Lehrer lächelte dem Kind aufmunternd zu, während seine Hand schützend auf der Schulter des Kindes lag. Er malte die Szene in sein Heft. Damals war er das Kind, eines Tages würde er der Lehrer sein. Auch wenn der Weg lang war und er noch nicht wusste, wie er ihn meistern sollte. Er machte sich auf seinen Weg.

Jonathan wollte studieren, nachdem er die Schule geschafft hatte. Er bewarb sich um ein Stipendium. Er tanzte über den Schulhof an dem Tag, als die Zusage kam. Er ging zum Studium in die Hauptstadt. Die Fahrt mit dem Bus. Fast dreihundert Kilometer auf der schnurgeraden Straße von Fort Portal nach Kampala. Er hatte wenig Gepäck. Jonathan ging, um zurückkehren zu können. Nach drei Jahren war es soweit. Der umgekehrte Weg. Mit seinem Abschluss in der Tasche. Am nächsten Tag begann er seine Arbeit im Heim. Mr. Moses war alt geworden. Er brauchte einen Assistenten. Das ganze Kollegium hatte gewollt, dass Jonathan es probierte. Er würde seine Chance nutzen, dessen waren sie sicher. Er lernte unschätzbar viel von demjenigen, der ihn damals im Heim aufgenommen hatte. Und als sich Mr. Moses nach fast zwei Jahren nach seiner Rückkehr endgültig zur Ruhe setzte, übernahm Jonathan die Leitung. Manchmal konnte er es immer noch kaum fassen.

In seiner Schule hat jedes Kind mindestens ein Album. Vielleicht eines, das die Eltern hinterließen, bevor sie starben. Ganz sicher aber eines, das jedes Kind selbst für sich macht, das wächst und sich verändert wie jedes der Kinder. Noemis Album sieht ganz neu aus. Es hat noch viele leere Seiten. Sie hat gerade erst angefangen. Doch es wird wachsen und bunt werden, und es wird Momente geben, in denen es ihr helfen wird, ihren Alltag zu meistern. Weil sie etwas hat, an das sie sich wenden kann. Auch mit geheimen Gedanken, auch ohne Worte. Jonathan weiß, was es bedeutet. Er hat es selbst so erlebt.

Es klopft. Jonathan schaut zur Tür und bittet den Gast herein. „Guten Morgen, Mr. Jonathan“, Noemis Gesicht erscheint im Türspalt, ihre großen Augen schauen fragend. Und hoffend: „Habe ich gestern mein Album bei Ihnen vergessen? Ich habe es überall gesucht. Mir ist etwas eingefallen. Ich muss es unbedingt aufschreiben.“ Jonathan steht auf, geht lächelt herüber und reicht ihr das Album ohne ein Wort.




„Mein Name ist Evelyn Langhans. Ich wuchs im Bergischen Land auf und verbrachte die anschließenden Studienjahre hauptsächlich in Köln. Heute lebe ich in Bonn und arbeite im Team Marketingkommunikation bei einer international tätigen Organisation.“

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: