Ellerstraße/Oberbilk

Vera Vorneweg für #kkl8 „Das Wesentliche“




Der sich im Wind wiegende Grashalm, dunkles, kräftiges Grün, daneben der gelbe Löwenzahn, klimpernde Autoschlüssel.
In den Betonritzen des Kopfsteinpflasters schlafende Zigarettenstummel; kleine Mumien, dunkelgelb zwischen grau; wüstenokka; ein Kamel lugt von einer weggeworfenen Zigarettenpackung hervor.
Der auch hier schwer tragende Bauarbeiter, der Mann mit Zange und blauer Hose und dazwischen immer wieder Kinder an den Händen von Müttern, die Kinderwagen schieben.
Von überall herabhängende Taschen mit Lauch; Petersilie und Gurken.
Die Dominanz der Farbe Grün bei den in den Plastiktüten transportierten Waren.
Der vor einem Klingelschild stehende Mann mit einer schwarzen Trainingstasche in der rechten Hand. Sein den Namensdschungel durchkämmender Blick; endlich das erlösende Surren, das Aufdrücken der Tür, ich habe etwas für dich und das will ich dir geben.
Das mit einer Abdeckung versehene Motorrad, grau; oh schlaft ihr Motoren, schlaft ein. Der daraus hervorschauende Spiegel, als Auge, als Hinweis: Mich wird es immer geben und: Ich sehe dich.
Das Ertönen des Geräusches einer Ratsche, „oh, oh, da musst du vorsichtig sein. Die sind fest. Da kannst du nicht runterfallen“.
„Ich weiß nicht, ob ich das nur Steffi erzählt habe … mit dem Pulver“ …; vorbeiziehende Dialoge zum Weiterträumen, die Immer-Möglichkeit, sich eine Geschichte auf die eigene Weise weiterzuerzählen.
Ein Hund bellt, etwas fiept, sich zuziehende Dinge, Rohre, Wasserleitungen; immer noch Justierungsgeräusche.
Der Paketbote und sein Paketturm; ein Balanceakt, eine artistische Darbietung. Die auch ihn erlösenden Surrgeräusche des Türöffners, der Widerhall des Sirrens seines Paketscanners im Eingangsflur, sein schneller Schritt beim Abgang.
Die Variationen der Menschen beim Gehen, ein Schleichen, ein Schleifen, ein stöhnendes Gehen, ein Tapsen, ein Trippeln; Vogelgezwitscher, das sich jetzt in die Geräusche der Ratsche mischt. Ebenso das Bemerken der Menschen an ihrem Gang, ob sie Zeit haben
oder nicht; ob sie ein Ziel haben, oder nicht, „Guten Tag!“, „Assalamu Aleikum“, اَلسَّلامُ عَلَيْكُم , der vorbeifahrende Bus und seine aus ihm schauenden Augenpaare, TECHNIK VON MORGEN FÜR DIE LUFTVERBESSERUNG VON HEUTE.
Das lange, schwarze, sich über den Bürgersteig ziehende Kabel, der Strom, die Energie, die Zeit; immer noch Ratschengeräusche. Ein brauner, kastenförmiger LKW zieht vorbei, WIR
SYNCHRONISIEREN DIE WELT.
Lila Frühlingsblumen nur auf der weggeworfenen Plastikfolie einer Slipeinlage; hell- und dunkelviolettes Blütenblätter-Wechselspiel, sie liebt mich, er liebt mich nicht.
Der zum Abend gewordene Tag und der zur Nacht gewordene Abend, Nacht ohne Dunkelheit, überall Licht.

Vorbei schlurfende, piepsend-blinkende Jugendliche; die Mini-Bildschirme wohlverstaut in ihren Hosentaschen, immer wieder aufleuchtende Oberschenkel, das Schwarz der Trainingshosen für einen kurzen Moment erhellend.
Ein vorbeischießendes schwarzes Auto, die Straße als Rennbahn nutzend; ein Vater mit Sohn an der Hand, Schnalzgeräusche mit den Lippen machend, ferne Lieder anstimmend.
Hinter der weißen Spitzengardine tanzende Fernsehbilder, Szenen eines Kampfes aufmarschierender Ritter und ihrer Schwerter und Schilder; es war einmal in einem Land vor unserer Zeit.
Die in der Mitte schwebende Straßenlaternenlampe, befestigt an einem über die Straße gespanntem Stahlseil, die Fahrbahn zum Flur machend, zum Raum zwischen den Häusern.
Klimpernde Rucksäcke, raschelnde Trainingsjacken, ein Schlüssel steckt sich ins Schloss; eine Tür wird aufgedrückt. „Klar, das ist Chaos“, sagt der auf den Bürgersteig tretende Mann, unter seinem Arm klemmen zwei Pizzakartons.
Eine in der Ferne wütend aufschreiende Frauenstimme, der Kakteengarten gegenüber nun verschwunden hinter einer Jalousie aus luftig-grauen Lamellen; engumschlungene Schattentänze, gedimmtes Licht.
ERCIYES KULTURVEREIN und der im Eingang stehende, freundlich lächelnde Herr. Das erwiderte Lächeln und das darauf umgehend folgende Servieren eines köstlich-schwarzen Tees mit einer Überanzahl an Zuckerwürfeln, „trinken Sie, trinken Sie.“

Ein auf dem Haltestellenplakat aufblitzend roter Mund, glänzend poliert; das Aufstöhnen des Busses beim Anfahren, ein Atemholen tief aus dem Inneren des Motorbauchs.
Ein auf den Radweg gekippter E-Roller, der von einem Eis weggeworfene Holzstiel, daneben das plattgetretene Blatt einer Buche, hellgrüne Rippen, auflachende Stimmen aus unbestimmbarer Richtung.
Ein Schleim aushustend passierender Mann, immer wieder sein Inneres nach außen herauf beschwörend, rasselnde Speiseröhre, auf den Boden klatschende Klumpen, Bläschen auf dem Boden schlagend, mit ihrem neuen Untergrund sanft in Kontakt tretend.
Die einäugigen E-Roller als die Einziglichter auf dem Radweg; sich leise anpirschend, beim Vorbeischießen Zischlaute von sich ausstoßend, kleine Radwegraketen, flink zu ihrem Ziel schnellend. Ein Rahmen knackt, ein Fenster wird geöffnet, eine Frau hängt sich heraus; ein Stöhnen, „nicht schon wieder“. Das hellerleuchtete Gesicht eines auf dem Boden sitzenden Mannes; Schneidersitz mit Handy und Zigarette, Yoga für Fortgeschrittene.
Orange aufblinkendes Warnlicht eines plötzlich auf der Straße stehengebliebenen Autos, zuckende Farbblitze in das Stadthelldunkel zaubernd; ein auf den Balkon getretenes schwarz gekleidetes Männerpaar; der eine mit Kapuze, der andere ohne, kleine glühende
Minisonnen mit ihren Zigaretten in die Luft malend; Asche, die noch im Fallen zu Staub wird.


KŸnstlerin, Rolladen, Zum Blauen Bock, Ellerstr. 173, Oberbilk Photo : Andreas Endermann

KŸnstlerin, Rolladen, Zum Blauen Bock, Ellerstr. 173, Oberbilk Photo : Andreas Endermann




„Teil meines Straßenportraits. Ich habe viele Tage vor einer stillgelegten Kneipe in Düsseldorf verbracht und immer aus dem gleichen Winkel auf die Straße geschaut. Der Text ist eine Art Versuch, das Wesen der Straße zu fassen und sie gewissermaßen mit Worten zu porträtieren.

Ich habe den entstandenen Text dann letztendlich genau dort aufgetragen, wo er entstanden ist: auf die alten Rolladen der Kneipe.

Die Urheberschaft für die Bilder 1-2 liegt bei Andreas Endermann und für die Bilder 3-5 bei mir, Vera Vorneweg.“




Vera Vorneweg, geb. 1985, wohnhaft in Düsseldorf, Studium der Sozialen Arbeit und Philosophie in Düsseldorf und Israel.
Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, z.B. Text + Bild, etcetera, neolith, DAS PROSATÜCK sowie im öffentlichen Raum; Debüt erscheint im Winter 2021 in der Edition Muschelkalk im Wartburg-Verlag, Weimar. Verschiedene Preise und Stipendien, u.a. Harald-Gerlach-Preis, Stipendiatin „Künstler*innen im ländlichen Raum“, 1:1 Mentoringprogramm mit Marion Poschmann und Künstlerstipendium NRW.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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