Die Solidarität der Wale

Cornelia Koepsell für #kkl8 „Das Wesentliche“




Die Solidarität der Wale

Ich hatte mich überreden lassen und besuchte ein Bioenergetik – Seminar. Irgendwo am Starnberger See. Veranstalter war so ein solider Verein wie die Münchner Volkshochschule. Geleitet wurde es von einem mittelalten Paar, deren Qualifikation mir bis zum Schluss unklar blieb. Ich fragte auch nicht nach, weil ich  zu sehr damit beschäftigt war, mich in diesem Umfeld selbst zusammenzuhalten.

Die Teilnehmer der Veranstaltung saßen auf dem Fußboden und stöhnten. Das war die Arbeitsaufgabe. Stöhnen. Möglichst laut. Mir stellten sich alle Härchen einzeln auf. Wie sollte ich das ein Wochenende lang aushalten? Irgendwann fing  auch ich an, keuchte und stöhnte, um wenigstens die anderen nicht mehr so laut hören zu müssen.

Eine Erinnerung blitzte in mir auf – wie ich als Dreijährige ins elterliche Schlafzimmer tappte – die Geräusche, die aus dem Zimmer drangen, hörten sich ähnlich an – und als ich die ineinander verknäuelten Körper entdeckte, war ich überzeugt, der Papa bringt die Mama um. Und ich schrie und schrie, was meine Lungen hergaben, so dass sie aufhören mussten und die Mama am Leben blieb.

Einige weibliche Teilnehmerinnen des Seminars  schienen sich – was Bioenergetik betrifft – schon ein wenig auszukennen. Sie kamen bereits zum wiederholten Mal. Zwei dieser Damen fielen mir besonders auf. Sie wirkten vollkommen regrediert auf dem Status eines Babys oder Kleinkinds. Jede hatte eine Art Schmusewindel bei sich, auf der sie herum kauten, als wenn sie gerade am zahnen wären.

Fast durchgehend war mir das Seminar peinlich. Selbst die schöne Umgebung half nichts. Die Windelkauerinnen und andere begeisterte Bioenergetiker hielten mich für verklemmt.

„Du willst dich nicht öffnen“, sagte der Leiter und das konnte ich nur bestätigen. Eben das übliche Psycho – Gewäsch, dem man sich aussetzt, wenn man in diesem Umfeld einen Rest Eigenwillen behalten will.

Inzwischen kann man mich mit Therapie – Geschwafel  jagen. So in der Art:

„Sprich mit dem Inneren Kind. Nimm es in den Arm. Schau ihm in die Augen. Tief. Tief. Sag ihm, dass du es liebst.“

Als Antwort erhalte ich dann:

„Verpiss dich – Alte“.

All ihr Irren – und Geisteskranken, die ihr euch auf dem Esoterik – und Psychomarkt herumtreibt, kommt mir bloß nicht zu nahe. Sonst gibt es ein Unglück.

Früher war ich aufgeschlossener, habe mich mitten hinein gesetzt in den Topf, wo die Psycho- Suppen gekocht wurden. Als Zutaten und Gewürzmittel wurden  das Herzblut und die Eingeweide der Teilnehmer verwendet.

Die Leiter der Gruppen – oft nicht durch Ausbildung, sondern durch simple Selbstermächtigung zu ihrem Posten gekommen – sie können einem haargenau die jeweiligen Neurosen benennen, an denen man leidet, auch wenn man sich vorher recht wohl gefühlt hat.

Wenn man die Leute später wiedertrifft, diagnostizieren sie oft andere Neurosen oder gar Psychosen, nicht weil sie sich früher getäuscht haben, sondern weil man selbst so viele davon hat.

Falls man Widerspruch wagt, sagen sie:

„Du bist noch nicht so weit“, oder etwas ähnliches, jedenfalls hat man immer selbst schuld.

Das Unternehmen Psycho hat gegenüber der organmedizinischen Heilkunst den unschätzbaren Vorteil, dass es jeden offensichtlichen Fehlschlag der Behandlung auf das Versagen des Klienten abwälzen kann.

Neulich befand ich mich mit einem Freund auf einem Waldspaziergang. Es hatte geschneit, die Welt sah schön und friedlich aus. Es hätte mich nicht gewundert, wenn das Christkind hinter einem der Bäume hervorgetreten und „Friede auf Erden“ gebrummelt hätte.

Stattdessen erschien die uns wohlbekannte, esoterisch verseuchte Familie Rogge. Die Frau fragte uns wiederholt, ob wir nicht den Engel gesehen hätten, den sie uns an die Tür gehängt habe. Letztes Jahr auch schon.

Wir sagten „Ja“ und „Vielen Dank“ und „Schöne Feiertage“, obwohl die Engel uns nicht begegnet waren. Jedoch – es schien der Frau sehr wichtig zu sein.

Ihr Sohn stand eng umschlungen in inniger Umarmung mit einer Frau auf dem Waldweg. Sie bemerkten uns nicht, zumindest taten sie so, da sie gerade demonstrierten, wie ungeheuer lieb sie sich hatten und wie tief die Umschlingungs – Meditation war, der sie sich hingaben.

Sie wirkten wie Passagiere der Titanic, die sich auf dem Meeresgrund wieder getroffen hatten und nun gemeinsam von den Fischen gefressen werden wollten.

„Ich pack das Getue nicht“, erklärte ich meinem Freund, als wir weit genug weg waren.

„Dieses ganze Ich-bin-so-sensibel-Gedöns und ich-halte-dich-fest-fest-fest. Wenn ich die Frau wäre, müsste ich dem Typ irgendwann die Knie in die Eier rammen, damit er wieder runter kommt.“

„Du bist ganz schön brutal“, sagte mein Freund und nahm meine Hand.

„Das war nicht ich, sondern mein inneres Kind“, erklärte ich ihm.

Ich kenne mich in der Szene aus. Eine Zeitlang – ist schon ein bisschen her – befand ich mich auch mal in so einer Psychogruppe, wo man sich gegenseitig die Quintessenz  seines Lebens erzählt und sich bestenfalls verstanden, aufgehoben, erleichtert fühlt. Es war wie eine Ersatzfamilie.

Wir hielten es für notwendig, dass die Menschen auf ihr Unbewusstes hörten, ihr Leben umkrempelten und andere, bessere Menschen wurden, indem sie an sich arbeiteten. Die Schutthaufen in ihrem Inneren beiseite räumten.

Die vorige Generation, das waren unserer Meinung nach die großen Verdränger, weil sie nie über die schrecklichen Ereignisse in ihrer Vergangenheit sprachen, ihre Traumen zuschütteten, mit Arbeit, Alkohol oder was weiß ich.

Wir dagegen stellten uns unseren Neurosen, schürften in den Eingeweiden und es war nicht immer Gold was wir fanden. Durch die therapeutische Arbeit würden wir über uns selbst hinauswachsen, daran glaubten wir fest.

Manche besonders Eifrige sprachen nur noch in einer Art Therapie – Kauderwelsch, hatten sich wie die Mitglieder einer Sekte eine eigene Sprache zugelegt, die Außenstehende ratlos ließ. Außerdem steuerten sie während jedes Gesprächs mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets auf Intimitäten zu, die andere nicht unbedingt wissen wollten.

Trotzdem verstanden wir uns meistens sehr gut. Bis zu dem Zeitpunkt, als meine Freundin Kaja – auch ein Mitglied der Gruppe – an Blutkrebs erkrankte. Nur drei Monate später und sie war tot.

In dieser Zeit sprachen wir fast jeden Tag miteinander. Noch heute – Jahre später – kann ich ihre Stimme hören, wenn der Alltagslärm zur Ruhe kommt.

Die anderen aus der Gruppe, der Ersatzfamilie, zogen sich zurück. Als Kaja ins Hospiz kam, war der Kontakt vollständig erloschen. Einmal noch rief sie von sich aus eine der Gruppenfrauen an, erzählte von ihrem vermutlich letzten Aufenthalt hier auf Erden, dem Hospiz, in dem sie sich befand. Der anderen verschlug es die Sprache – als sie wieder Worte fand, musste sie das Gespräch sofort beenden. Dringender Termin oder so.

Ich war dermaßen sauer. Wer mich tröstete, war Kaja:

„Nimm es ihnen nicht übel. Die können nicht anders“, erklärte sie mir. So eine war sie.

Im Gegensatz zu den Therapierten, den Leuten, die es gewohnt waren, tief, tief in sich selbst zu schürfen, kümmerte sich Kajas geschiedener Mann hingebungsvoll um seine Ex-Frau, obwohl er bisher nicht  durch Hoch – Sensibilität aufgefallen war.

Auch ein paar Frauen aus dem Dorf, die Kaja eher flüchtig kannten, waren einfach da und taten was sie konnten.

Frauen, die keine therapeutische Anleitung brauchten, um zu wissen, dass man Sterbende nicht alleine lässt.

Wale übrigens, obwohl vollkommen untherapiert, lassen niemals ihre sterbenden Artgenossen im Stich, selbst wenn sie selbst dabei draufgehen.

Es gibt perverse Walfänger, die das ausnutzen. Sie treiben die Tiere in seichtes Wasser, schlachten eines ab, womit sicher gestellt ist, dass die anderen dableiben. Irgendwann werden die dann auch massakriert.

Soviel zur Solidarität der Wale. Sie sind den Menschen überlegen und wissen was sich gehört.




Cornelia Koepsell

Jahrgang 1955

literarisches Schreiben seit 2002

93 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen: 3. Preis des Schwäbischen Literaturpreises 2011

3. Preis Frauen Literaturpreis 2014

3. Preis Berner Bücherwochen 2015

3. Preis Frauen Literaturpreis 2016 (Theaterstück)

1. Preis Kunsthaus Lisa 2021

Publikationsliste

Debütroman „Das Buch Emma“ , September 2013

Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-409-3

Roman „Lauf weg wenn du kannst“ Juli 2017, Geest Verlag ISBN 978-3-86685-6097

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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