Das Mädchen aus der Fremde – eine Novelle 

Kevin Markus Oelsner für #kkl9 „beseelt“




Das Mädchen aus der Fremde – eine Novelle 

„Willkommen waren alle Gäste,

Doch nahte sich ein liebend Paar,

Dem reichte sie der Gaben beste,

Der Blumen allerschönste dar.“

Friedrich von Schiller



Der Winter schien kaum enden zu wollen als innerhalb weniger Wochen der Lenz zu Besuch kam und er seine vielen Verwandten mitbrachte. Die Temperaturen stiegen merklich in fast teilweise zweistelligen Zahlen. Vögel sangen früh ihr Lied und die Blumen erlebten ihre Renaissance nach dem langen Winter. Ludovicus genoss die wärmende Sonne als er und sein adretter Klassenkamerad die ersten Frühblüher suchten. Kaum bemerkbar liefen sie der schier endlosen Allee von Eichen entlang, die zu Zeiten seiner Großmutter kaum Bestand genossen. Erst der neue König besinn sich auf die germanische Tradition und gewährte den Pflanzen ihr Leben weiterzuführen.

Endlos schienen aber auch seine Locken zu sein, welche sich um den dünnen Mantelkragen schlungen. Mutter belächelte stets seine langen Haare und verglich ihn mit den vielen grieschichen Staturen, welche zu Beginn des neuen Jahrhunderts aufgestellt wurden. Es schien eine Zeit zu sein, welche sich abgrenzen zu versucht. Noch vor wenigen Jahren schien alles möglich gewesen zu sein. Die Deutschen sehnte sich in ein einiges Reich, doch verwehrte der „verfluchte Österreicher“ dieses große Ziel, jedenfalls sprach so sein Vater beim abendlichen Essen. Vorbei sei die Zeit der Ideale. Die Revolution kam nicht und der Kongress brachte keine Einheit. Im Gegenteil schien Ludovicus alles vergebens gewesen zu sein. Dabei kämpfte er nicht für „sein Vaterland“. In der großen Schlacht von Leipzig zählte er kaum 16 Jahre. Zudem hätte Mutter nicht zugelassen, dass er ginge. Sein Bruder Albert verschied vor 24 Jahren in Jena. Seine Schwester Elisabeth folgte ihn in den Styx zwei Jahre später. Schließlich blieb nur noch er übrig mit Mutter und Vater. In diesem Jahr sollte sein 33. beginnen und kaum war abzusehen, wohin sein Weg führen würde als bürgerlicher Erbe der väterlichen Fabriken. 

Die Sonne versteckte sich hinter dem aufkommenden Gewitter und beide erreichten schließlich das Tor der Stadt und verließen den heimatlichen Wald, welcher für ihr seit kindertagen Kraft und Stärke symbolisierte. Die geteilte Wohnung war beengt und kaum des Standes der beiden Männer wert. Das väterliche Geld blieb in diesen Tagen aus ohne eine zukünftige Partie. Als ungewolltes Einzelkind trug er die gesamte familiäre Last auf seinen Rücken, sodass die Flucht vor wenigen Tagen aus dem heimatlichen Besitztum die letzte Lösung schien.

Als nun die Nacht ihre Lichter anzündete und die unzähligen Flammen des Himmels erleuchteten, hörte er gebannt die neusten Klaviersonaten des kürzlich verstorbenen Bonner Meisters. Nun frisch gedruckt liegen sie auf dem Blüthner und kaum mit Mühe unterhielt der Freund, ebenfalls im 33. Erdenjahr, den schweigenden.

Stets tief in Gedanken floh er nicht nur aus der Sippe, sondern aus dem Leben, welches zu wenig Freiheit für ihn bot. Vor Tagen noch wollte er „den Alten“ in Weimar besuchen, ohne jegliche Einladung versteht sich, aber auch ihm fehle es am dem einigen revolutionären Feuer, welches in der Feder war und vor Jahren noch Kolosse auf die Bühne brachte.

Dieses Erlöschen spürte er ebenfalls in seiner Brust und die erdrückende Enge des Zimmers nimmt ihn auch die letzte Freude. 

So verließ er die Stadt seiner Geburt noch vor der Frühjahresmesser und lief aus Mange an Geld und ohne jegliche Verabschiedung in eine unbestimmte Zukunft.

Die Wege waren kaum als solche zu bezeichnen. Schnell verließ er die gewohnten Pfade, welche die Kutsche prägten und zerschliß seinen letzten Rock an den dornenden Büschen. 

Der Abend kam schon zum dritten Male als ein kleines kaum zu bezeichnendes Dorf seinen Weg kreuzte. 

Der letzte Schein des sterbenden Tages erleuchtete sie. 

Einfach gekleidet und ohne jegliche städtische Scheu lief sie den schlammenden Pfad entlang und wollte/konnte ihn nicht bemerken. Die langen blonden Haare quollen aus dem baumwollenen Tuch. Ärmliche Kleider umhüllten die schlanke Figur, welche auch für die Stadt zu viel ihres Busens offenbarte. Keine Brosche, kein Schmuck zierte sie, was kaum nötig war. Das natürliche Strahlen dieses Weibes beeindruckte ihn und still folgend kam er auf ein Bauerngut, welches er so nur aus Büchern kannte. Die klare Luft, welche kaum mit Kohle beschmutzt war, durchdrang seine Lunge. Doch schien es nicht möglich mit solcher Kleidung in dieses Idyll zu gehen. Auch den letzten bürgerlichen Rock, das letzte leinende Hemd musste verschwinden, sodass er wie ihresgleichen wirkt.

Als die Nacht abermals das Licht der wärmendsten Quelle nahm, entledigte er sich seiner Kleidung und strahl wenige Kilometer entfernt seines Knechtes die ärmliche Umhüllung. „Hoffentlich freue dieser sich über den Tausch“, waren seine schließenden Gedanken des Tages. Noch vor dem ersten Sonnenstrahl erwachte er durch die leisen Melodien der Vögel, welche sich einen neuen Partner der Saison suchten. Auch er schien auf Brautschau zu sein, sodass die abgetragenen Schuhe ihn zu dem Mädchen seines Traumes führten. 

Am Hof angekommen, auf dem sie gestern verwunden war, fasste er jeglichen noch verbliebenden Mut zusammen und stellte sich dem Bauern als armer Tagelöhner vor, welcher eine Unterkunft und etwas zu Essen suchte. Durch seine jahrelang geübte Rhetorik war es ihm ein leichtes den alten Mann mit städtischem Charme und Witz zu beeinflussen, sodass er bei den Frühjahresarbeiten helfen durfte. 

Schnell bemerkte er wie die harte nicht gewohnte Arbeit seine Hände aufrissen und den Rücken zermahlte. Die Tarnung eines geübten Arbeiters wankte schon zur Mittagsstunde. Selbst der Umgang mit der Sense schien für ihn schwerer als der heimatliche Klavierunterricht zu sein. Zudem kam hinzu, dass das bezaubernde Weib nicht zu sehen war. Stunden über Stunden verrichtete er die aufgetragenen Tätigkeiten, aber sie war nicht zu sehen. Mit eiserner Demut traute er sich kaum den Bauern nach der Magd zu fragen. Die Sorge beschlich ihn zudem, dass er sie nicht kannte. 

Doch ging sie nicht genau auf diesen Hof? Zweifel überkommen ihn, aber kaum war es möglich einen klaren Gedanken zu fassen, da musste er sich schon auf die nächste unlösbare Aufgabe stürzen. Der Schweiß rinnt die Stirn hinab und die nun doch zu langen Haare hingen an Bäumen, Stroh und allerein anderen Dingen fest, sodass die edlen Locken zu einem Fitz verkamen und sich mit der körperlichen Nässe mischten. Die Erschöpfung prägte ihn. Fast zusammengebrochen endete der Tag. Das abendliche Essen wird fast schweigend eingenommen. 

Der Alte schien nicht viel zu sprechen und legte kaum Wert darauf ihn weiter kennenzulernen. Die Nacht verbringt er behütet in der Scheune und der bürgerliche Rücken war den harten Boden nicht gewöhnt, welcher gedämpft wurde von totem Gras. Der nächste Tag verging abermals ohne sie zu sehen. Die Sense mäht ohne viel Geschick. Das Pferd haste ihn förmlich und zeterte, wenn er an es ging.

Wie sollte er weiter die Fassade des bäuerlichen Hefters aufrecht halten? Doch schnell begann er zu lernen und der Umgang mit den Tieren wurde leichter. Selbst die harte Arbeit wurde über Tage, später über Wochen einfacher. Er sog die neuen Informationen gleich einem Schwamm auf. Der Alte zeigte ihm alles mit überraschender Geduld und erklärte die Arbeitsschritte gleich für ein Kinde. 

So verflogen die Tage immer schneller, sodass der Sommer zu scheiden begann und das Stroh für den Herbst vorbereitet werden musste. Seit über einem halben Jahr sah er sie nicht. Wie konnte das sein? Trotz der schweren Arbeit dachte er täglich an sie, auch wenn es nur für wenige Minuten des Tages war. Sonst prägte der Alte den Tag von Ludovicus. Kaum war eine Tat vollendet begann die nächste. Der Hof musste versorgt werden wie auch die einzelnen Tiere, aber immer leichter ging ihn die Aufgaben von der Hand. Mit jedem Tag waren die Griffe einfacher, die Arbeit wurde besser und präziser. 

Noch als Kind ignorierte er die Tätigkeiten der Niedrigen, was ihm stets so gelehrt wurde. „Erdrücke die Kleineren, sodass dein Leben besser wird.“ Auf diesem Grundsatz waren die väterlichen Fabriken errichtet wurden. Doch wie schnell vergas er die hohen Werte und Gebote der Familie. Diese Zeit kam ihm wie ein Traum, wie eine weit entfernte Vergangenheit, vor, die nicht mehr real war. Die Fabriken verschwommen, sowie die heimische Villa, Vater und Mutter. Selbst der Freund geriet weiter in Vergessenheit. 

Die „ehrliche Arbeit“, wie der Alte pflegte zu sagen, zeigte ihm, was seine Händearbeit schufen konnten. 

Der milde Winter verging und das neue Jahr kam wesentlich schneller als er erwartete. Für einen kurzen Tagelöhnerbesuch war es schon zu lang, aber beide sprachen nicht über ein zeitiges Gehen seinerseits. Der Alte ließ ihn gewähren und behielt ihn gleich einen Sohn, sodass er ihn auch lehren wollte.

Der Alte sprach in den kälteren Tag viel über die Gesellschaft mit ihn und so wurden die Abende über die Zeit lebhafter. 

Als die Jahreszeit heranrückte, dass Persephone wieder in den Hades gehen sollte, gewährte der Alte seinen Aufenthalt komplett in dem heimischen Hof, auch über die Nacht hinweg. 

So sprach er auch eines Abends über das Gemeinwohl:

„Was heute als große Bauernbefreiung deklariert wird, war für uns ein Elendes. Zu viele meiner Weggefährten fielen in die große Krise. Pauperismus hörte ich vor Wochen, ein neues Wort, was unsere Zeit prägen wird. Sie verloren Dank der Befreiung erst Felder, dann Höfe durch die hohe Verschuldung gegenüber dem adligen Herrn und so sind die Bauern von dem Regen in die Traufe gekommen. Zuerst waren sie unfrei und nun kam die einsame Armut dazu. Und das nennen sie Befreiung. Hieß es nicht, dass ihr das Feld ehren sollt, welches euch nährt? Diese ganze Ehre wurde dem deutschen Bauern zu Teil. Es ist der Fluch eines scheinbar großen Allgemeinwohls, auf welches man hinsteuert. Der König der Philosophen erzählt uns von der einfachen Formel, dass die größte Masse ein größtes Glück erfahren sollte. 

Doch sieht nur die Massen um uns herum. Entweder hat uns der Adel in der Hand oder diese kleine bürgerlichen Clique, welche sich wortwörtlich an den Feldern bereichert. Somit schein klar, wer die Macht besitzt: die Geburt oder das Geld. Die Rechnung wird später nicht einfacher. Zu viele forderten, dass beides verschwinden müsste, aber später ist die Lösung nicht auf einem Präsentierteller. Stelle dir vor, dass die neue Gesellschaft ausschließlich für das Gemeinwohl kämpft nach der alten Formel des größtmöglichen Glücks und du steht nicht auf dieser Nutzerseite. Wenn über 80 Prozent glücklich wären und jegliches Handeln ginge gegen dich, weil du zu der Minderheit von den 20 gehörst. Zudem du es schließlich nicht ändern kannst, weil dieses Unglück dir abermals über angeborene Eigenschaften vererbt wurde. Wozu dann dieses Wohl anstreben, wenn am Ende nie alle glücklich werden können? Wem bringt ein geeignetes deutsches Reich, wenn im Resümee die Macht in den gleichen Händen bleiben würde? Ob ich unter einem deutschen Präsidenten oder unter dem sächsischen König unfrei bin, ändert nichts an meinem aktuellen Schicksal. Das Etikett des Staates ist nur ein anderes.“

Ludovicus war sichtlich erstaunt über solch große Gedanken in dieser kleinen Welt. Doch zeugte die bescheidene Bibliothek des Alten von einer erstaunlichen Fülle. Von Aristoteles bis hin zu Goethe waren vertreten. Selbst Ausgaben von den Horen waren zu finden, welche er in seiner Jugend mit Begeisterung las. Es zeigte sich eine Art der Belesenheit in den weiteren Wochen und so arbeiteten sie über den Tag und philosophierten in der Nacht. 

Also Christi Geburt nahte schient die Einsamkeit ein stehender Besucher des Alten zu sein. Seit dem Beginn der Arbeit kam kein Eingeladener zu ihm. Die Bewohner des Dorfes grüßten höflich, aber sprachen kein privates Wort. Keine Bilder zierten die Wände. Als wäre er allein auf der Welt und kein Wort über seine Vergangenheit. Nur manchmal verließ er das Haus und lief in das nachbarliche Dorf, aber nie ohne Ludovicus genug Aufgaben zu erteilen, bis er zurück kam. 

Die Zeit kam heran, dass der Lenz abermals Einzug halten sollte und Ludovicus vorschlug sie sollten zu dem Fest dieser Ehren hingehen. 

„Ich bin kein Faust. Ich mische mich nicht unters Volk vor dem Tor und erzähle ihnen etwas von des Volkes wahrem Himmel. Wir leben nicht in solch edlem Bund, sondern die pure Rohheit ist dieses Fest.“

Trotz der Warnung, aber keines Verbotes, ging er allein zu dem feierlichen Anlass. Schon von der Ferne war des Dorfes Getümmel zu hören. Die Geigen spielten und Frauen in Trachten tanzten zusammen um einen stattlichen Herren. Es schein als hätte das ganze Dorf seine sonntäglichen Kleider herausgeholt und sie feiern zusammen die Rückkehr des Frühlings. Mit freundlichen Worten und missgünstigen Blicken wurde Ludovicus empfangen. Schweigend setzte er sich und trank etwas von dem viel zu dünnen Bier. Nicht nur das Volk schien zu feiern. Trotz der Lautstärke waren deutlich Vögel zu hören, welche kräftig mitsangen. Das Getümmel wurde ihm schnell zu wild und die Einsamkeit umschmeichelte sein Herz, da keiner bereit war mit ihm zu sprechen. Doch im fliegenden Getümmel erblickte er ein bekanntes Gesicht. 

Es war sie!

Drehend, fast fliegend bekomplimentiert sie die Männer. Alle Herzen um sie herum schienen weiter zu werden. Sie hatte Blumen mit und verschenkte diese mit einem Lächeln, welches ihre ganze Schönheit ausdrückte und tanze ohne jegliche Sorge. Kaum zu glauben, dass sie es war, blieb er angespannt sitzen. Erst nach weiteren drei kurzen Reigen entschied sie sich zu setzen. Leichte Perlen traten aus ihrem Körper hinaus und junge Männer rannte, um ihr Wein zu holen. Alle umflügelten die junge Frau und sein Mut verließ ihn vollends. Zu gern wäre er zu ihr gegangen und hätte ihr alles gesagt, aber zu groß war die Angst vor einer Abweisung. 

Traurig und leicht betrunken von dem abschließenden vierten Bier zog er wieder bei dem Alten ein. Sei es der Alkohol gewesen oder die emotionale Aufwühlung, aber er erzählte dem Bauern erst die Geschichte von dem Fest, später die seines Lebens, von seiner Flucht, die ersten Blicke zu ihr und das Leben in Leipzig.

Schweigend hörte er alles an und ließ gefühlte Minuten vergehen eh eine Antwort kam:

„Du dachtest wirklich, dass dieser alte Bauer nicht wusste, dass du kein Arbeiter warst? Zwar legtest du deine bürgerliche Kleidung ab, aber diese Aufmachung konnte dein wahres Ich nicht verhüllen. Diese edle Verbindung zwischen Mensch und Natur, welche wir hier pflegen fehlte dir Gänzlich. Die Stadt quoll dir aus jeder Pore.“

„Aber warum verjagten Sie mich nicht?“

„Du wirkest strebsam, wissbegierig und ich wollte dir die Arbeit lehren.“

„Aber bitte sprechen Sie, ist Ihnen die Dame bekannt?“

„Dame ist ein großes Wort. Das Weib kenne ich. Sie kommt aus dem Dorfe aus dem du die Sachen stahlst. Noch vor einem knappen Jahr kam sie öfters zu mir und half bei leichteren Arbeiten, doch als du kann, benötigte ich sie nicht mehr und bat sie nicht mehr zu kommen. Somit konntet ihr euch die letzten Wochen nicht sehen.“

Diese ekelhafte Ironie verärgerte ihn und wenige Tage später war der Trieb und die Sehnsucht so stark, dass er in das nachbarliche Dorf ging. Mithilfe des Segens des Alten und seiner Beschreibung fand er sie zügig. Das Umwerben lag ihm leider nicht, sodass mehr unbeholfen seine Schritte zu ihr führte.

„Fräulein.“ Sie drehte sich zu ihm.

„Bitte. Dürft ich Sie etwas fragen?“

„Nur zu. Frag.“

Die Worte wurden vor Stunden zurechtgelegt, aber sie entfliehen im Takt der Sekunde.

„Verzeihen Sie, aber waren Sie nicht vor kurzen auf dem Fest?“

„Ja. Es war ein herrlicher Abend. Ach“, stöhnte sie, „aber warum?“

„Zu gern hätte ich mit Ihnen getanzt, aber leider fehlte mir der Mut.“

„Heut wird es leider etwas schwieriger. Die Musik wird fehlen.“ Ein Lächeln zeichnete ihr Gesicht.

„Doch können wir ja selbst Musik gestalten und tanzen!“

„Wie meinen?“

Er begann eine Walzermusik zu summen und ging zu ihr. Verwirrt legt sie den Korb, den sie mitführt, ab und legte sich in seine Arme. Noch etwas scheu von der Situation begann sie auch zu summen und beide wogen sich im Takt. Der Wind zog die ersten Blüten von den naheliegenden Kirschbäumen und wie in einem kleinen Schneerieseln fielen die Blätter um sie herum auf den Boden. Die Vögel stimmten in ihr Lied ein und der Tanz nahm seinen Lauf. 

Weitere Wochen vergingen und immer öfters sahen sie sich zufällig, später verabredet. Sie besuchte den Alten wieder und das heimische Essen wurde größer. 

Eine Verlobung geschah recht schnell, sodass im Sommer die Hochzeit anstand, sieben Monate vor der Geburt der ersten Tochter. Das Glück schien vollkommen. Beide halfen weiter dem Alten und dieser nahm sich der Kleinen an. Und die Schönheit aus dem Nachbardorf zeugte von einer umfangreichen Bildung, sodass sie in den abendlichen Gesprächen einen dritten Part im philosophischen Bund spielte. Bis der kommende harte Winter die letzten Lebenskräfte des Alten von ihm zog und er im Januar verstarb. 

Ein überraschendes Ende nahm der letzte Wille des Friedrich-Ernst, wie er mit Namen vor 66 Jahren geboren wurde. Der Hof ging an das junge Ehepaar. Die Felder, sowie die Güter waren abbezahlt und in ihrem vollständigen Besitz. Trotz der Trauer erhob diese Erbschaft beide und sie zogen ein. 

Kurz war alles so tadellos. Das kleinste Wesen im Haus verließ nach sieben Monaten auf der Welt die Eltern und folgte dem Alten. Der Schock zerbrach beide fast, aber aufgrund des kleinen Glücks, welches sich Liebe schimpfte, schafften sie die Beerdigung von Maria im kleinen Kreis zu überstehen. Der Sommer ging abermals zu Ende und der Herbst zog in das Dorf ein. Nach über einem Jahr der Ehe wollten sie nach den beiden Verlusten neu beginnen und hofften auf ein weiteres Kind. 

An einem späten Nachmittag mit goldenem Laub hielt eine zu schöne Kutsche vor der heimatlichen Tür. Lang kam kein Besuch mehr und dieser schien zu hoch zu sein, um ihretwegen zu kommen. 

Ludovicus und seine Liebste traten heraus und der Kutscher öffnete nach einem Handwink aus dergleichen die Tür. Heraus traten zwei Gesichter, welche bekannte Züge trugen, aber das Alter beide zeichnete. Es war Mutter und der ehemalige musikalische Freund. Erstarrt blieb er im Hof stehen. Kaum eines Wortes des Grußes betrachten beide die Wohnung und setzten sich in die kleine Kammer. Mutter begann viel zu sprechen. Vater sei im Sommer verstorben. Sie suchten schon einmal nach ihm, aber er verbot es scheinbar. Nur mithilfe des Freundes, welcher auch im Fabrikwesen nun zu arbeiten schien, war es möglich die kleinen umliegenden Dörfer nach dem Erben auszusuchen. In einer nahen Siedlung hörten sie die Geschichte des zauberhaften Rockes, welcher über Nacht zu einem Knecht kam. Man sprach über ein Wunder, ein Zeichen Gottes, dass dieser zu Höherem geboren sei. Mithilfe dieses Rockes suchten sie in der Nähe und schließlich kam sie an dem Hof. 

Mutter sprach viel im Gegensatz zu den anderen, welche den Ausführungen zuhören und seine liebe Frau ihren Mann nicht wiedererkannte, welche nichts von seinem ehemaligen Leben wusste. Die warmen mütterlichen Herzensworte sprangen in kalte, ernste Lehren um. Sie sprach von Pflicht, von Gotteswillen, Ehre und Verpflichtungen gegenüber der Familie. Weiter und weiter pflanzte sie die Schuld in seine Seele, dass er damals ging, kein Zeichen hinterließ und bald in seinem 35. Jahr stünde ohne jegliche Ausbildung im ökonomischen Wesen. Sie sprach er sei der Gegensatz von dem Freunde, welcher in der Branche des Vaters Ziele erreichte, in den Ludovicus nicht in seinen Albträumen dachte. Beide veränderten sich gänzlich. Mutter bestand darauf, dass er seinen Sohn alles zeihen werden, dass er spätestens in zwei Jahren die Führung der Fabriken übernehmen würde. Die Zunge zog Wunden in sein Herz und als die Sonne langsam ihre Strahlen zurückzog und der Glückliche einen grünen Blitz sah, war die Entscheidung getroffen, dass er das väterliche Erbe antreten musste. Seine Frau zögerte noch in die weiteren Tage hinein, bis auch sie aufgab und ihren Mann aus Liebe in das große Leipzig folgte. Der Hof, so meine Mutter mehr spöttisch als liebevoll, könnten sie als Sommerfrische behalten. Die Schwiegertochter wurde kaum angeblickt, dieses kleine bäuerliche Wesen passt nicht in die bürgerliche Welt. 

Eine Woche später brauchen beide in einer Kutsche nach Leipzig auf. 

Die neue Welt war groß und bunt. In den wenigen Jahren seiner Abwesenheit schient doch viel, aber auch zu wenig geändert worden zu sein. Die heimische Villa, in die beiden ziehen sollten, war kalt und zeugte nicht von einer familiären Welt. Zu schnell scheint alles zu gehen. Sie musste zu Haus bleiben, wenn er über Stunden die Geschäfte seines Vaters lehrte. Die Rechnerei, der Profit und die Bilanzen langweilten ihn. Sehnsucht nach der lieben Heimathütte waren die ablenkenden Bilder als er über Büchern studierte. Sein Freund half stetig dabei, aber hatte keinen Sinn als über andere Dinge zu reden außer von der Ausbeute.

„Die Philosophie gehört nicht in ein Geschäftswesen. Es ist deine Pflicht den Arbeiter die Arbeit zu gewährleisten und nicht zu träumen.“

„Aber sprach Schiller nicht selbst, dass keiner zu großen Leistungen fähig sein wird, wenn er nur ein einzelnes kleines Bruchstück der Arbeit ist? Harmonie und die ganze Menschlichkeit verschwindet hier.“

„Das Handwerk wir in unserer Zeit bezwungen und diese Fabriken sind die neuen Schmieden des Landes. Versuchte nicht die Zeit zurückzudrehen. Der Zeiger dieser Uhr wird dich zermahlen.“

Und der verließ das Büro. Verzweifelt fiel Ludovicus in den Stuhl und betrachtete das große Gemälde aus Öl, welches seinen Vater zeigte. „Carl Heinrich“ steht in großen Buchstaben in einem goldenen Band. Von ihm erbte er seinen zweiten Namen, doch scheinbar nicht mehr als diesen. 

Seine Frau bemühte sich die neue Welt zu verstehen. Mutter prägte sie schnell, wenn ihr Sohn nicht da war, sodass ihre langen Haare in Hochsteckfrisuren gequält und die leichten Locken mit einem heißen Stab in Form gebrannt wurden. Die Korsage erdrückte sie. 

Kaum erkannte er sie wieder, wenn er jeden Abend abermals nach Stunden aus den Werken kam und sie weiter geprägt wurde. Der feine Unterricht zog an ihren Nerven, sodass sie nach wenigen Wochen in eine tiefe Krankheit viel. Eine Kur in Posen wurde veranlasst, sodass sie zögerlich von ihrem Mann Abschied nahm in der Hoffnung gesund zurückzukehren.

Er versuchte weiter die heimatlichen Fabriken zu steuern und probierte selbst mit den Arbeitern zu sprechen. Kaum fand er die richtigen Worte. Der Versuch ihnen ein Urteil über die Schönheit zu lernen, interessierte kaum jemanden.

„Von Schönheit werde ich nicht satt. Dann müsste ich schon meine Frau fressen“ johlte ein Unbekannter und alles lachte.

Er verzweifelt:

„Aber versteht ihr nicht, dass diese Produktion die Seele von den Dingen nimmt? Diese Ausbeutung ist nicht schön. Sie repräsentiert keine Schönheit. Die Natur wird nicht geschätzt, sondern aufgebrochen und zerstückelt, benutzt und verschwendet. Wie könnt ihr denn ein Ganzes sein, ein ganzer Mensch, wenn ihr stets nur ein kleines Bruchstück spielt. Diese Produktion kann nichts Gutes entstehen lassen, nichts Edles, sondern nur…“

„Schließen Sie jetzt die Fabriken? Werden wir mittellos Dank der Schönheit?“

Ein Tumult begann sich zu formieren, bis der Freund in der großen Halle auftaucht, ihn von der kleinen Erhöhung wegnimmt und den Arbeitern ihren Platz zusicherte.

Beim abendlichen Essen zeigt sich, dass dieser bei Mutter Bericht erstatten haben musste.

„Wie begründest du dein heutiges Verhalten?“

„Mutter, ich wollte ihnen ein Bewusstsein geben…“

„Für was? Den Aufstand? Wie hast du dich verändert. Fantasierst vor der ganzen Belegschaft und stellst dich noch scharmlos selbst bloß als verrückter Idealist. Hier ist kein Platz für so etwas. Diese Fabriken sind unsere Lebensbasen und du ziehst hinaus und versuchst das Werk unserer Familie zu zerstören.“

Der Abend endet gekränkt. Ludovicus sehnte sich nach dem kleinen Hof, nach dieser kleinen Welt und vor allem nach seiner Frau, welche weiter in Pflege war. 

Nach wenigen Tag erreichte das Haus einen Brief. Sie habe sich in Posen mit der Cholera angesteckt und kurze Zeit später kämpfte der ausgezehrte Körper, bis sie letzte Woche friedlich entschlief. Der letzte Halt aus diesem alten Leben brach weg. Aufgrund der Kosten und der Organisation entschied Mutter, ohne sein Wissen, dass sie dort beerdigt werden sollte. Helene sollte nie mehr zurück in das heimische Sachsen kommen.

Wenige Wochen später stelle Mutter ihm eine neue Braut vor, welche ihm und ihr die ersehnten Erben bringen sollte. Nach langer Abwehr ergab er sich der Bitte, welche von seinem ganzen Umfeld gestützt wurde. 

„Sie wird dir eine würdigere Frau sein, welche den Stand kennt und schätzt. Zudem wird sie deine Zier und Stütze im Leben sein.“

Die Hochzeit geschah im folgenden Sommer. Zwei Jahre später war er Vater von zwei Söhnen. Die Fabrik leitete sich weiter und weiter im Selbstlauf ohne seine Hilfe. Der Freund übernahm die Leitung, wie auch nach seinem Wissen Teile von Geldern und die Nächte seiner Frau. Stillschweigen sieht er zu wie seine bürgerliche Ehe zu einer einzigen Interessensgemeinschaft verkam. So wenig wie er an der Zeugung seiner Kinder beteiligt war, so wenig erbten sie auch seine Denkweise. Die Erziehung durfte für ihn keine Rolle spielen und seine Frau übernahm die Geschickte der Familie. Er aber vereinsamte in Literatur und Philosophie, ohne mit jemanden sprechen zu können… Freudlos in der Freude Fülle.

So vergingen die Jahre und sein 55. begann. Der Kalender zeigte 1852 als er am Abend seinen Beschluss fasste. Der scheinbare Sohn spiele im Salon auf dem großen Blüthner, Klavierkonzerte von Beethoven. Ohne eine Verabschiedung verlässt er das heimische Haus zu Fuß mit wenigen Büchern im Gepäck. 

Er verließ die Wege, welche kaum als solche zu bezeichnen waren und ging aus der Stadt seiner Geburt vor der Frühjahresmesse und verschwand für immer.






Kevin Markus Oelsner (geboren 1994) studierte 11 Semester Deutsch und Geschichte (Lehramt) an der Universität zu Potsdam. Er lehrt zurzeit an einem Gymnasium in Altenburg (Thür.). Während seiner Schulzeit begann er selbst zu schreiben, aber erst das Studium von verschiedenen Werken der klassischen und modernen Literatur beflügelten ihn, selbst literarisch tätig zu werden. Zurzeit verfasst er verschiedene Kurzgeschichten („Das Mädchen aus der Fremde“) und arbeitet weiter an seinem unveröffentlichten Roman „Der rote Faust – Untergang eines selbst gewählten Helden“. Weiterführend schreib er an Exposees und Aufsätze („Weihachtsaufruf“, „Einen Freund geprüft im Tod – Die Revolution in Beethovens 9. Sinfonie – 4. Satz“ „Wagner – Eine Antithese zur Faust?“).

Oelsner unterrichtet nicht nur in Altenburg, sondern wohnt ebenfalls aktuell dort. Weitere Informationen zum Autor erhalten Sie unter: kevinmarkus_1208@freenet.de.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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