Die Nachricht

Jürgen Artmann für #kkl9 „beseelt“




Die Nachricht

Das Erste, was ich wahrnehme,

ist das Bildnis einer Frau in der Fressgass.

Überdimensionierte Statue.

Sie wirkt lebensfroh.


Ich breche die Arbeit ab,

spaziere ziellos durch die Stadt.


Schon der Dritte dieses Jahr.

Vater, Cousin, Freund.


Und ich beweine mich.


Bin lebendig und gesund.

War dreimal im Theater,

allein in dieser Woche.

Dramatische Bühnen,

zeitgenössische Konflikte.

Auch im eigenen Leben.


Was würdest du mir erzählen können?

Das Theaterstück am Abend vor der Nachricht.

Ausgerechnet Jedermann,

als Monolog in einer musikalisch untermalten Punk-Version.


Deine Witze, dein Humor,

Nie mehr zusammen lachen.

Wir hatten uns das doch fest vorgenommen!


Antoine de Saint-Exupéry sagte:

Ein Lächeln ist oft das Wesentliche.

Man wird mit einem Lächeln bezahlt.

Man wird mit einem Lächeln belohnt.

Man wird durch ein Lächeln belebt.

Du hattest die Kunst beherrscht, Menschen mit einem Lächeln zu beseelen.


„Komm erst mal rein, leg ab, such dir einen schönen Platz, nimm dir einen Kaffee

und dann quatschen wir”, hast du dann gesagt.


Hoffnung zu Wochenbeginn.

Die Ärzte wecken dich wieder auf, hieß es.


Mein Vater war alt, mein Cousin mir kaum bekannt.

Es ist der Freund, der mir fehlt.


Glocken läuten.

Die Kirche an der Hauptwache liest meine Gedanken und versucht zu trösten.

Gedämpft nehme ich sie sehr verzögert wahr.


Deine Frau, geheiratet vor wenigen Wochen.

Nach Jahren der Liebe.

Um die Bedeutung der Diagnose wissend.


Und ich beweine mich, lenke mich ab, gehe spazieren in der Stadt.


Kein Kölsch und keine Bratwurst mehr, gemeinsam mit den Kollegen.

Kein Frotzeln über deinen Fußballverein, die Fahrstuhlmannschaft.


Und ich beweine mich.


Ein Mann vor der Alten Oper macht riesengroße Seifenblasen.

Sie reflektieren die Sonnenstrahlen auf wundersame Weise.

Kleine Kinder schauen und zeigen mit ihren Fingern.

Altmodisch und vertraut, aber immer noch schön.

Ich sehe alte Bilder von Sommerfesten und dich darauf,

albern verkleidet und herzhaft lachend in der Gruppe der Kölner Kollegen.

Das Vertraute macht uns traurig, wenn es fehlt.

Und auch wenn es da ist, plötzlich wieder aufblitzt, die Erinnerung wieder hervorlugt.


Ich suche einen Biergarten auf. Mein Weizenglas wäre viel zu groß für dich.

Ich proste dir zu.

Um mich herum Studenten, junges Volk, gute Unterhaltungen, lachende Gesichter.

Es hätte dir hier gefallen.


Heute beweine ich dich.




Jürgen Artmann, Jahrgang 1970, wohnt in Strasbourg und in Frankfurt. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr schrieb er für lokale Tageszeitungen und für Fachzeitschriften der Informatik-Branche. Nach Jahren der beruflichen Karriere hat er das Schreiben neu entdeckt. Veröffentlichungen erfolgten in diversen Literaturzeitschriften.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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