Teddy

K. Theo Frank für #kkl9 „beseelt“




Teddy ist der wenig originelle Name eines Teddybären: braunes, struppiges Fell mit jeder Menge Flicken, schwarze Knopfaugen, schwarze Nase, sanfte Ohren. Er ist fast so groß wie ich und mindestens genauso alt. Nachdem er fünfundzwanzig Jahre lang in einem Spielzeugmuseum begafft wurde, habe ich ihn gerettet, als Meistbietende auf einer Online-Auktion. Seitdem wohnt er bei mir. Wir bilden sogar eine Symbiose. Das bedeutet, wenn wir Zeit miteinander verbringen, hat jeder von uns mehr davon als ohne den anderen. Klingt kompliziert? Liegt wahrscheinlich an meiner Formulierung.

Viel wichtiger ist die Frage, wie ein uralter Teddybär es schafft, das Leben einer Frau zu verschönern, die ihre Wohnung nur dann verlässt, wen es unbedingt nötig ist und die mit der Welt hauptsächlich über ihren Computer kommuniziert. Nun, einerseits ist er kuschelig. Jedenfalls sieht er von Weitem so aus. Obwohl er in Wirklichkeit recht borstige Haare hat, bin ich oft in seiner Nähe und streichle ihn. Das ist kein Problem, denn meine Phobie bezieht sich ausschließlich auf Menschen. Übrigens hat sie weder eine besondere Bezeichnung noch tieferliegende Aspekte. Ich bin kein Hypochonder oder so etwas, nicht einmal Corona macht mir Angst. Die Nähe anderer Menschen treibt mir einfach Schweißperlen auf die Stirn, automatisch. Berührungen? Nein, danke! Natürlich sehe ich ein, dass es für „normale“ junge Leute das Allergrößte ist, sich bei lauter Musik in engen Klubs gegenseitig anzufassen und die gepiercten Zungen in die Hälse zu stecken. Schon jetzt können sie es gar nicht mehr abwarten. Wenn die Corona-Pandemie irgendwann vorbei sein sollte, wird es bestimmt eine Herpes-Pandemie geben.

Schon während meiner Jugend waren mir solche Ausschweifungen zuwider. Trotzdem bin ich hin und wieder ausgegangen und ja, selbstverständlich habe ich einen Mann geküsst. Ich hatte sogar Sex mit einem, danach mit noch einem. Mit dem Zweiten habe ich es nur getan, weil es mit dem Ersten so fürchterlich war. Ich dachte, es hätte an dem Mann gelegen, ich meine, an dem ersten. Aber mit dem Zweiten war es genauso schlimm. Also lag es wohl an mir. Seitdem haben meine Aversionen immer weiter zugenommen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte ich nicht einmal meine Freunde treffen, ohne dass mir kalte Schauer über den Rücken liefen. Apropos Freunde – die glauben mir kein Stück. Sie behaupten, ich sei nur zu faul und überhaupt würden meine Anwandlungen von selbst verschwinden, wenn ich auf eine richtig geile Party gehen würde. Als sich eine unserer Zoom-Diskussionen wieder einmal in diesem Thema verfing – das gab es übrigens lange vor Corona, hat nur keiner genutzt – wusste ich mir nicht anders zu helfen und schaltete den Teddybär-Filter für mein Gesicht ein. Das Gelächter in den Kopfhörern beendete das Thema – fürs Erste. Plötzlich kam mir eine Idee. Ich behauptete einfach, dass ich mit jemandem zusammen wäre, einem festen Freund mit Namen Ted. Was soll ich sagen? Wenn man die jeweils nächste Party als Infektionskrankheit betrachtete, so war es Ted, der mich gegen die penetranten Einladungen immunisierte: Nein, Ted will mit mir spazieren gehen. Nein, Ted und ich haben heute unseren Spieleabend. Nein, Ted kocht heute für mich. Diese Ausrede hat am besten gezogen. Als schließlich die Corona-Wellen über die Welt schwappten, war es die Infektionskrankheit selbst, die mich gegen die Partys immunisierte. Verrückt, nicht? Zu Beginn, als die Zahlen exponentiell anstiegen und sich die Menschen in die Lockdown-Isolation zurückzogen, konnte ich Ted sogar ab und zu „freigeben“. Und wenn die Zahlen sanken, stellte ich ihn wieder ein.

Was ein Teddybär davon hat, als Alibi herzuhalten, dabei seine Zeit in einer spinnenverwebten Wohnung zu verbringen, in die sich kaum jemand verirrt, höchstens der Mann vom Lieferdienst, wo überall Akten und Papiere herumliegen, mit einer schrulligen Homeoffice-Tante? Nun, sprechen kann das Tier leider nicht, und wenn, hätte ich es sowieso nicht verstanden. Ich beherrsche nämlich kein bärig. Allerdings habe ich den Eindruck, dass er sich mit mir freut, in der glücklichsten Zeit meines bisherigen Lebens, die ich ihm, dem Teddybären und der Pandemie zu verdanken habe. Gott, ich könnte die Ewigkeit so verbringen: allein mit meinem Teddy. Lang lebe der Lockdown.

Leider sinken die Infektionszahlen neuerdings wieder und Ted verliert so langsam seine immunisierende Wirkung. Verdammt! Ich mag meine Freunde, wirklich, aber warum leben sie nicht außerhalb der Stadt, außerhalb Deutschlands, Europas? Keiner von ihnen ist nach dem Studium weggezogen. Und die werfen mir Faulheit vor? Verärgert hebe ich die Finger von der Tastatur. Plötzlich klopft es, ziemlich laut, ungehörig laut.

„Hey“, ruft jemand durch die geschlossene Tür. „Wir wissen genau, dass Du da drin bist. Also hör zu: Der Virus hat Sommerpause und heute ist Open-Air-Party am Fluss. Du kommst mit uns, ob Du willst oder nicht.“

Die Stimme gehört Tamara, meiner besten Freundin. „Mach auf!“, brüllt sie und hämmert gegen den Verbundstoff, der heutzutage als Holz bezeichnet wird. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als nachzugeben. Entweder habe ich gleich eine Delle in der Tür oder die Nachbarn verständigen die Polizei. Ich stehe vom Schreibtisch auf, gehe in den Flur und drücke die Klinke nach unten.

„Na endlich“, schnauft Tamara. Sie tritt ein und schießt missbilligende Blicke auf mich ab. Flankiert wird sie von Jeff und Amor. Die Jungs kichern. Sie haben schon ziemlich getankt.

„Los zieh Dich um!“, befiehlt sie, doch plötzlich hält sie inne. Ihre Miene gefriert, ihre Bewegungen versteinern. Jeff und Amor bekommen den gleichen Gesichtsausdruck. Ihre Augen fixieren etwas, das sich hinter mir befindet. Unsicher drehe ich mich um und muss mich gedanklich sofort korrigieren. Nicht „etwas“ steht hinter mir, sondern jemand: ein Mann, bekleidet mit Boxershorts und einem durchtrainierten, ansonsten nackten Körper. Sein Gesicht wird von üppigen Locken umrahmt.

„Ich bin Ted“, stellt er sich mit tiefer Stimme vor und seine vollen Lippen entblößen ein strahlendes Lächeln.

„Was?“, ruft Tamara aus und klimpert mit den aufgeklebten Wimpern. „Und wir dachten, Dich gäbe es gar nicht.“ Nachdem sie sich beruhigt hat, tritt sie an mich heran und hält die Lippen an mein Ohr. „Alle Achtung! Ein außergewöhnliches Exemplar. Viel Spaß damit!“ Zurück an der Tür lässt sie den berühmten Pfiff hören, den sie ihren leicht auseinanderstehenden Zähnen zu verdanken hat. „Abflug!“, ruft sie. Die Jungs folgen ihr ohne ein weiteres Wort. Hatte sie überhaupt etwas gesagt? Ich bleibe allein mit Ted zurück. Wir schweigen. Nur die abendlichen Straßenlaternen hinter den Fenstern und der flackernde Computerbildschirm beleuchten sein schmales Gesicht.

„Bist Du wirklich mein alter Teddybär?“, frage ich nervös.

„Nicht so alt“, erwidert er ruhig. „Erst sechsundzwanzig, die Jahre im Museum eingerechnet.“

Seine Hand streckt sich nach mir aus. Ich frage mich heute noch, warum ich sie ergreifen konnte, einfach so. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich ihn nach wie vor als Teddybären betrachtete und nicht als Menschen. Er zieht mich zu sich. Seine Arme umfangen meinen schlaffen Homeoffice-Körper. Er küsst mich. Ich lasse es geschehen. Gern lasse ich es geschehen, sogar sehr gern. Er hebt mich hoch und trägt mich ins Schlafzimmer. Ich werfe einen verstohlenen Blick in die Ecke neben dem Kleiderschrank. Dort hatte er immer gesessen, die Vorderpfoten auf seine Beine gestützt. Nur ist er jetzt nicht mehr dort, denn er hat sein Fell abgestreift und liegt auf mir. Und ich liege auf dem Bett. Wir küssen uns, lieben uns – stundenlang. Danach gehen wir in die Küche und essen lachend Nutella, direkt aus dem Glas, verfeinert mit Schlagsahne. Dann lieben wir uns noch einmal. Gott, ich könnte die Ewigkeit so verbringen: allein mit meinem Teddy.




K. Theo Frank

  • Geboren in Sachsen-Anhalt
  • Physiker
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Bisher veröffentlicht:

-GYM Magazin, Ausgabe 1, 2020, „Von Büchern und Baumaschinen“.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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