Angriff des Taigas

Caro Reichl für #kkl9 „beseelt“




Angriff des Taigas

„Du bist nicht gerade“, sagt sie, als ich mich in den herabschauenden Hund begebe. „Du musst die Beine mehr durchstrecken.“

„Mach ich doch.“

„Nein.“

Ich atme tief ein und aus. Sie sagt: „Ich hätte gerne, dass du mich Thea nennst.“

„Ich nenn dich Thea, wenn du mich nicht mehr anquatschst.“

„Wenn wir nicht sprechen, brauchst du mich nicht Thea nennen.“

„Und zum Abschluss Shavasana, die Totenhaltung“, sagt Mady Morrison, die Yoga-Youtuberin. Ich lege mich auf den Rücken, schließe die Augen. Lasse alles locker, denke an nichts. Das ist die schwierigste Position.

„Glaubst du, dass sich das so anfühlt, wenn man stirbt?“, fragt Thea. Ich antworte nicht.

„Und wir kehren langsam zurück“, sagt Mady Morrison. Ich öffne die Augen, richte mich auf und verneige mich vor meinem MacBook. Daneben der halbleere 0,7 l Wodka Taiga.

„Namaste“, sage ich. Ich nehme einen Schluck und beende das Youtube-Work-out.

Thea fragt: „Fragst du dich manchmal, warum du single bist?“

„Nein.“

„Ich mich auch nicht“, sagt sie. „Es liegt an deinem Aussehen. Du warst immer ein wenig zu dick. Versteh mich nicht falsch, du bist nicht fett, aber du hast einfach drei, vier Kilo zu viel. Du solltest weniger saufen, das macht nämlich auch dick.“

Ich starre sie an und nehme noch einen extra großen Schluck.

Thea sagt: „Außerdem bist du langweilig.“

„Dann geh doch, wenn ich dich langweile.“

„Geht nicht. Ich bin mit meinem Zuhause zu sehr verwurzelt.“

„Ha-ha.“

„Von meinem Humor kannst du noch was lernen.“

Ich seufze. „Ich hab Kopfweh.“

„Das kommt vom Trinken.“

„Oder von dir.“

Ich nehme noch einen Schluck, schmecke, dass er 4,99 gekostet hat.

„Was willst du eigentlich?“

„Dass du was machst.“

„Ich hab gerade Yoga gemacht.“

„Das waren zwanzig Minuten!“

„Man muss klein anfangen.“

„Geh doch mal zwanzig Minuten laufen.“

„Keine Lust.“

„Wenn du dich noch länger isolierst, wirst du verrückt.“

„Ich werd doch nicht verrückt.“

„Weil du es schon bist?“

Ich schalte den Fernseher ein.

„Hast du keine eigenen Probleme?“, frage ich und erwarte, dass sie so etwas sagt wie: Deine Probleme sind auch meine Probleme, aber sie sagt: „Du könntest dich zumindest mal wieder duschen.“

Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal gewaschen habe. Wozu auch? Ich treffe seit Mitte März niemanden, für den ich mich hübsch machen könnte.

„Ich würde gerne wieder arbeiten gehen, damit ich nicht ständig den Blödsinn hören muss, den du von dir gibst.“

„Schämst du dich eigentlich?“

„Wofür?“

„Dass du einer der wenigen Mitarbeiter bist, die nur auf zehn Prozent sind?“

Die Nachrichten beginnen. Diese Woche zum Glück mit Tarek Leitner und Nadja Bernhard. Die mag ich lieber als die jüngeren Moderatoren.

„Ich will jetzt Nachrichten schauen.“

„Ich versteh ja, dass dich das mit der Kurzarbeit belastet, aber du kannst deswegen nicht jeden Tag eine Flasche Wodka saufen und dich daheim verstecken.“

„Ich versteh nicht, was Tarek sagt.“

Thea sagt: „Du sollst nicht an deinen Fingernägeln kauen.“

„Mach ich nicht.“

„Machst du doch.“

„Ich bin nervös.“

„Du bist immer nervös.“

„Und nun zu den aktuellen Zahlen, Tarek.“ Wie sie seinen Namen haucht. Tarek. Manchmal stelle ich mir vor, wie sie es nach der Show miteinander machen, heimlich, weil sie laut Google mit jemand anderem zusammen sind, aber so wie sie ihn ansieht, bin ich mir sicher, dass da was läuft.

„Die Zahlen steigen weiter“, sagt Tarek, beziehungsweise Tarek.

„Stehst du auf ihn?“

„Pssst!“

„Du stehst auf ihn.“

„Halt den Mund!“

„Du wirst ja rot!“

„Thea!“

„Na bitte, geht doch!“

Sie lacht so laut, dass ich zusammenzucke. „Wie einfach du dich pflanzen lässt. Irgendwie ironisch.“

Ich trinke den Taiga wie ein Läufer sein Wasser nach dem Sport. Ich bin im letzten Drittel. Normalerweise höre ich sie in dieser Phase nicht mehr. Das sind die besten Stunden des Tages, wenn alles ruhig ist.

„Du hast seit Monaten niemanden gesehen, kein Wunder, dass du da Gefühle für den Nachrichtensprecher entwickelst. Erzähl mir von deinen Fantasien“, sagt sie.

„Gerade fantasiere ich nur, ob ich dich lieber verdursten lasse oder ertränke.“

„Das lallst.“

Ich zeige ihr den Mittelfinger. Thea schnaubt.

„Ich glaube nicht, dass Tarek dich attraktiv finden würde, wenn er dich so sieht. Du mit deiner Wodka-Fahne und deinem verkürzten, ungewaschenen Körper.“ Sie lacht. „Merkst du eigentlich, wie verkorkst du bist? Was würde er wohl sagen, wenn er sehen könnte, dass du seit Wochen mit deiner Zimmerpflanze diskutierst?“

Da macht es in meinem Kopf Klick. Ich stehe auf, packe sie mit beiden Händen, mein Griff ist fest. Sie schreit, aber das Schreien ist nur in meinem Kopf, sage ich mir. Alles, was Thea sagt, ist nichts weiter als mein geistiges Eigentum.

„Dafür hast du mich aber ziemlich schlecht im Griff!“ Sie lacht.

 Ich reiße ihre Blätter ab, breche die Stängel, zerre sie samt Wurzeln aus der Erde. Plötzlich ist es still.

„Und nun zum Wetter“, sagt Nadja Bernhard.

Ich atme tief ein und aus. Vor mir die kleinen, abgetrennten Blätter Calathea ornata, die Erde wie Blut am Boden verteilt. Ich frage mich, ob ich überreagiert habe.

„Das war der Taiga“, sage ich. Sie antwortet nicht. Ob das ihr Shavasana ist?




Caro Reichl, geboren 1993 in Linz, lebt seit vier Jahren in Wien und arbeitet als Texterin in einer Werbeagentur. Ihre Kurzgeschichten wurden unter anderem in den Literaturzeitschriften mosaik, erostepost, Rampe und & Radieschen veröffentlicht, darüber hinaus erhielt sie den 1. Platz beim Wiener Werkstattpreis 2020 (Sonderpreis der Stadt Wien) sowie den 3. Platz beim Jurypreis.

Publikationen

  • 1. Platz Wiener Werkstattpreis 2020 (Sonderpreis) – erscheint 2021 in einer Anthologie, Text: FLUCHTWEGE
  • Literaturzeitschrift mosaik, Text: Unausgesprochenes
  • Literaturzeitschrift Erostepost #60, Text: Zu früh gegangen
  • & Radieschen #56. Thema: klein & geistig, Text: Angriff des Taigas
  • Advent-mosaik, Text: Die Geburt Schatzibinkis
  • Literaturzeitschrift mosaik, Text: Herr Pechmann
  • & Radieschen #57. Thema: Bier & Bauch, Text: 300 Gramm

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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