beseelt

Jonas Schneider für #kkl9 „beseelt“




Schau her. Das ist mein offenes, freundliches, erwartungsvolles Gesicht. Die breit gezogenen Lippen, die Falten an den Augen. Das ist mein Lächeln. Du erkennst es wahrscheinlich – auch wenn dich seine Plastizität vielleicht erschreckt. Ich lächle, weil ich mich auf unsere Begegnung in dieser Welt freue. Ich möchte dir zeigen, dass du keine Angst zu haben brauchst, obwohl ich dir so nahe bin. Ich bin bereit.

Während du sprichst, habe ich mich etwas zu dir geneigt und schaue dich mit leicht gehobenen Brauen an. Das ist mein Interesse. Meine Augen sind groß, weil ich nichts verpassen will. Mein Blick scheint dir vielleicht übermäßig direkt, doch er fordert nichts und du musst ihn nicht erwidern. Ich lächle ein wenig, weil du ihn erwidern darfst, wenn dir danach ist.

Pass auf, jetzt kommt Bewegung in mein Gesicht. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, ich neige den Kopf seitlich nach hinten und öffne leicht den Mund. Sprich weiter und erschrecke nicht, weil meine Bewegung vielleicht groß und unvermittelt auf dich wirkt. Ich habe keine echten Schmerzen. Es ist mein Mitgefühl. Ich begleite nur, was du erzählst, weil ich mich mit dir verbinden will. Jetzt zweifle ich mit dir. Jetzt hoffe ich mit dir. Was du jetzt sagst, kann ich auch kaum fassen.

Das sind die Geräusche meines Lachens. Mit hahaha hat es nichts zu tun, aber vielleicht ist dir der helle Klang sympathisch. Du hast etwas Lustiges gesagt und ich lache, weil ich dich wissen lassen will, dass du dem Komischen und auch dem Gefährlichen nicht alleine gegenüberstehst.

Schau jetzt auf meine Hände, sie sind zum Greifen nah. Während ich spreche, streifen sie durch den Raum, der uns gerade trennt. Schau, wie er immer kleiner wird. Weich bitte nicht zurück, auch wenn die Bewegungen vielleicht ein wenig plump und unstet auf dich wirken. Das liegt nur daran, dass ich ein wenig schüchtern bin und sich mein Wunsch, den Raum zu dir zu überwinden, ein bisschen unbeholfen äußert.

Das was du jetzt bemerkst: das ist mein Geruch. Er hat nichts weiter zu bedeuten. Außer mir ist nichts, was hinter ihm verborgen ist. Das bin nur einfach ich, ein wenig näher dran an dir.

Und das – das ist, wie ich dich berühre.




Jonas Schneider, geboren 1988 in Stuttgart (Deutschland), studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg und Prag. Erste Regiearbeiten im Studium (u.a. „Crave“ von Sarah Kane). Am Landestheater Marburg führte er Regie bei „Julius Caesar“ von Shakespeare und war als Autor bei diversen Projekten tätig, u.a. für das Open-Air-Spektakel „Robin Hood“ und das interaktive Theaterstück „Fremde Texte“. Von August 2018 bis August 2020 war er als Regieassistent am Volkstheater Wien verantwortlich für „Die Vermessung der Roten Bar“ (Text und Regie) und das Bürgerprojekt „200 aus Wien“ (Text und Regie) und die dreiteiligen Science-Fiction-Theaterserie „Space Junk“ (demnächst im Henschel Verlag) sowie das interaktive Theaterabenteuer „Space Junk Escape“. Seit September 2020 ist er freierschaffender Autor und Regisseur.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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