Der beseelte Zehnmarkschein

Gertraude Grabert für #kkl9 „beseelt“




Der beseelte Zehnmarkschein

Es ist Abend. Ich stehe vor einem Schaufenster in der erleuchteten Innenstadt.
Es ist mit modernem Schmuck gefüllt.Ich will gar nichts kaufen. Ich bin einfach nur so
stehengeblieben. Das Glitzern hat mich wohl so angezogen. Ich schaue gedankenlos darüber hin.
Eine Kette gefällt mir, bunte Glasperlen auf eine Angelschnur gezogen, hübsch und gar nicht teuer.
Ich blicke in mein Portemonnaie, aber da steckt nur noch ein Fünfzigmarkschein , den jetzt wechseln, nein. Aber ich muss doch irgendwo noch einen Zehner haben. Ich habe neulich auf dem Trödelmarkt einen herausbekommen und achtlos eingesteckt. Ich durchsuche meine Taschen, da ist er. Er ist alt und total zerknittert. Durch wie viele Hände mag der Schein wohl schon gegangen sein? Es ist fast ein Wunder, dass er dem Umtausch durch irgendeine Bank bisher entgangen ist. Ich sehe sie direkt vor mir, diese Hände. Kleine verschwitzte Kinderhände, etwas schmutzig vom Spielen im Sand. „Zwei Kugeln Schokoeis bitte. „Junge kräftige Hände, die zupacken können:

„Hallo , Wirt, einen Korn, ein Bier, aber schnell, ich hab´s eilig. Nein, nicht auf den Deckel, ich zahle gleich.“ Alte zittrige Hände mit so vielen Falten, wie sie dieser Schein hat. Sie ziehen ihn aus einem schäbigen , abgewetzten Portemonnaie heraus, langsam, zögerlich. Es ist der letzte. Wird er reichen?
Sorgsame Hände, die Hände einer Mutter, die ihn glattstreichen, mehrmals und in eine Schachtel legen, sparen. Ich starre auf den Schein. Auf welchem Dachboden mag er wohl in irgendeinem Schubfach bis jetzt gelegen haben? Er muß Geschichten erlebt haben, Schicksale.
Ich sehe noch einmal in das Schaufenster und auf die bunten Glasperlen. Nein, für so einen Tand gebe ich den Schein nicht aus. Ich stecke ihn sorgfältig in mein Portemonnaie und gehe weiter.




Gertraude Grabert, unverheiratet, kinderlos

  • geboren am 20.04.1939 in Rüdersdorf, wohnhaft in Zinndorf, Herzfelde und Grünheide
  • Tochter des Schlossermeisters Paul Grabert und seiner Frau Dorothea Grabert
  • Abitur in Strausberg
  • 30 Jahre lang Sachbearbeiterin im Bereich Metallurgie
  • nach 1990 Zimmermädchen in Hotels in Grünheide
  • mit 60 Jahren in Rente

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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