Der Speiseplan der Amsel

Cornelia Koepsell für #kkl9 „beseelt“




Der Speiseplan der Amsel

Julia sehnte sich nach Vergessen. Lachen. Entspannen. Wenigstens eine oder zwei Stunden.

Heute mal keine Flasche Rotwein abends mit sich allein und einem Buch, um den Kopf frei zu kriegen, eine Zeitlang nicht an das Leid der kranken Mutter denken zu müssen. Julia ging ins Kabarett.

Dort blieb ihr das Lachen im Halse stecken. Irgendwo zwischen den Mandeln. Dafür hatte sie fünfzehn Euro bezahlt.

Auf der Bühne stand ein junger Mensch und erzählte wie eine offensichtlich demente Oma beim Metzger eine Wurst kaufen wollte. Sie wiederholte sich dauernd, verstand nicht die Antwort, sondern beantwortete stereotyp eine Frage, die sich in ihrem kranken, verletzten Hirn festgebissen hatte. Die Verkäuferin reagierte gereizt.

Die Oma wiederholte ihren Satz und der Kabarettist spielte es vor – gierig auf Lacher. Das Publikum tat ihm den Gefallen und streichelte sein Ego. Es war in etwa so lustig wie wenn einer von einem Mann erzählt, der Lungenentzündung hat und hustet.

Julias eigene Mutter war dement, davon wollte sie sich ablenken. Seit dem letzten Schlaganfall war sie auch halbseitig gelähmt, was die Mutter nicht wusste. Sie hielt sich für gesund. Meistens.

Neulich schob Julia sie im Rollstuhl durch den Park. Es gab dort Blumenbeete und die Mutter zeigte ihr, wie gut sie „ihren“ Garten in Schuss  hielt. Danach fragte sie nach Julias Kindern.

„Es geht ihnen gut“ erklärte ihre kinderlose Tochter.

Eine Amsel hielt einen Regenwurm im Schnabel. Julia zeigte darauf. Da lachte die Mutter seit langem mal wieder. Ein schiefes, rührendes Grinsen, weil die eine Seite vom Schlaganfall  starr war. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Julia fiel ein.  Was die Mutter so witzig fand, war die Tatsache, dass der Vogel Regenwürmer fraß. Sie wusste nicht mehr, dass Amseln und Menschen einen anderen Speiseplan haben. Vielleicht erinnerte es sie auch an ihre immer noch präsente Kindheit, an die früh verlorene Heimat. Je weiter zurück, desto besser arbeitete ihr Gehirn. Damals als sie Ende zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts am Ufer der Neiße mit ihren Spielkameraden als ultimative Mutprobe Regenwürmer aß.

Das schiefe Grinsen der Mutter war so viel lustiger und intelligenter als das Lachen im Kabarett über eine andere demente alte Frau, weil sie das typische Symptom der Krankheit aufwies, sich selbst in einer Endlosschleife zu wiederholen.

Der Mann auf der Bühne war längst nicht fertig. Er erzählte wie er morgens zum Bäcker ging und aufgehalten wurde von einer älteren Frau, die es wagte mit der Verkäuferin ein Schwätzchen zu halten. Er wollte unbedingt zu seinem wertvollen und kreativen Zweitberuf als Werbetexter eilen. In Julias Augen ein Job, in dem Werkzeuge zur Gehirnwäsche produziert werden. Sie sah ein, dass der Mensch sein Geld verdienen musste. Aber warum es so fürchterlich ernst nehmen, es für wichtiger halten als das Schwätzchen einer alten Frau mit einer Bäckereiverkäuferin.

Der Mann wunderte sich, dass alte Leute zur gleichen Zeit einkaufen dürfen wie er,  wenn er megawichtig zur Arbeit musste. Am liebsten hätte er für bestimmte Zeiten eine Ausgangssperre für Rentner ausgerufen.

Julia war dem Publikum dankbar, dass es mit Lachern geizte.

Menschen, die nicht produktiv sind, sollten von der Bildfläche verschwinden, wenn die rush-hour-Wichtelmänner aufkreuzen. Kein sinnfreies Schwätzchen mehr einfach weil es sich so ergibt, ohne dass man sich auf facebook durch all die Gefällt – mir Buttons hindurch klicken muss. Nicht morgens aus der Haustür treten und mit dem Opa vom Altenheim gegenüber reden, der in glücklicher Symbiose mit seinem Rollator lebt. Obwohl es entspannter ist als ins Büro zu hetzen, in eines dieser modernen Hochsicherheitsgefängnisse, die völlig ohne Gitter auskommen. Kaum hat man dort das Fenster aufgerissen, um die muffige Luft zu vertreiben, wird man mit Arbeit für die ganze Woche zugemüllt. Dazu muss man grinsen, das müde Gesicht in ansprechende Falten werfen, während einem zum Kotzen ist.

Vor dem Schlafen gehen die Beißschiene in den Mund rammen, um sich nicht vor   lauter Frust die Zähne zu ruinieren.

Während der alte Rollator Mann so strahlend und glücklich  breit grinst, dass ihm fast das Gebiss rausfällt, weil man ihm mit einem echten Lächeln „Guten Morgen“ gewünscht hat.

Wenn Julia ihre sechsundneunzigjährige Mutter durch den Park schob, winkte die jedem Vorübergehenden mit ihrer gesunden Hand zu. Die meisten winkten und lächelten zurück, oft  verschämt, aber sie taten  es.

Julia stellte sich vor, wie es wäre, wenn viel mehr Behinderte, Kranke und Uralte sich draußen, in den Cafés und Kneipen tummeln würden, nicht nur die einigermaßen Appetitlichen, sondern auch die völlig aus dem Leim gegangene Frau aus dem Pflegeheim, die ständig ihre Zunge bis zum Anschlag heraus streckte und die Augen verdrehte, so dass nur das Weiße sichtbar war. Wenn all diese längst nicht mehr perfekten Menschen nicht nur vom Pflegepersonal und den paar Besuchern „gesehen“ würden.

Alle könnten erkennen, dass diese Welt nicht nur von Wichtigtuern bewohnt wird, nicht nur für sie da ist und ihrem Profilierungsgeschwätz von Umsatzsteigerung und Cash flow und Ayers Rock. Die meisten würden sich nach kurzem Gewöhnungsschock wohler fühlen und hätten weniger Ängste davor, dass auch ihr Hirn sich in nicht allzu ferner Zukunft auflösen und im Nichts verschwinden würde, von einem Regenwurm verdaut, der wiederum auf dem Speiseplan einer Amsel steht. Das Hirn auflösen lässt sich nicht aufhalten, auch wenn der Pharmaindustrie weiterhin die Milliarden in den gierigen Rachen geschoben werden zur Erforschung der Pille gegen Demenz. Warum nicht gleich gegen den Tod an sich?

Es sind die gleichen Milliarden, die bei der Pflege der bereits Erkrankten fehlen, so dass es nur eine Nachtschwester für dreißig  Patienten gibt. Insbesondere die Dementen sind nachts aktiv, weil ihr Tag – Nacht Rhythmus gestört ist und werden aufgrund fehlenden Personals medikamentös ruhig gestellt. Auch daran verdient die Pharmaindustrie.

Julia fand es nicht entscheidend, ob das Hirn sich schon ein paar Jahre vor dem Tod zersetzte oder erst hinterher. Wenn die dementen Leute nicht im Stich gelassen werden, können sie auch in diesen Jahren ein einigermaßen gutes Leben führen.

Auf manche Gehirne mit den dazugehörigen Anhängseln würde Julia bereits heute liebend gern verzichten, obwohl die grauen Zellen der Betroffenen einwandfrei arbeiteten, so gut, dass sie in einem nicht enden wollenden Rededurchfall Worthülsen von sich gaben und sie in ihre Handys schrien.

Julia kam von einem Besuch bei ihrer Mutter und war traurig. In der Zeitung las sie von einer Kunstausstellung zum Thema Demenz. Dort ging sie hin. Kunst ist dazu da den Menschen zu trösten. Davon war Julia überzeugt. Sie wollte getröstet werden.

Die ausgestellten Bilder zeigten Holz in verschiedenen Stadien der Verwitterung. Es gab einen einführenden Vortrag im Stil eines germanistischen Oberseminars. Julia hatte geglaubt, diese Form der organisierten Langeweile liege hinter ihr.  

Sie fragte die Künstlerin, wie sie zum Thema Demenz komme. Diese hatte Jura studiert und an einem Seminar zum Thema Patientenverfügung teilgenommen.

„Kennen Sie einen oder zwei Demente persönlich?“ fragte Julia.

„Nein“, sagte die Künstlerin.

Fluchtartig verließ Julia die Ausstellung.

Erneut im Pflegeheim. Julia fütterte die Mutter. Sie aß gut. Julia sagte:

„Erst schlucken. Dann kommt der nächste Happs.“

Was man so sagt, wenn die eigene Mutter zum Kind geworden ist.

Ein anderer Patient schlurfte vorbei. Wenigstens kann er schlurfen, dachte Julia neidisch. Für die Mutter gab es nach dem Schlaganfall nur  den Rollstuhl.  Auch wenn sie es nicht akzeptierte und manchmal im Bett tobte. Einmal hatte sie es geschafft trotz des hoch gezogenen  Rollgitters und trotz halbseitiger Lähmung und trotz ihres  Alters von sechsundneunzig Jahren heraus zu klettern. Sie lag vor dem Bett. Gebrochen hatte sie sich nichts. Der Geburtsjahrgang 1922 war wohl ein harter. Danach lag in der Nacht ein riesiger Sandsack vor ihrem Bett.

„Noch ein Happs“, sagte Julia, als der andere Patient neben ihnen stehen blieb.

„Sind Sie die Tochter?“ fragte er.

Seine Stimme war vorwurfsvoll. Als ob Julia schuld wäre. An was auch immer.

„Ja“, sagte Julia. „Das bin ich. Schon länger.“

„Ihre Mutter macht manchmal ganz schön Randale.“

Julia zuckte mit den Schultern, mittlerweile abgebrüht. Als die Mutter noch zuhause wohnte zusammen mit einer Pflegerin, hatte sie oft am Zaun gestanden und mit den Hunden des Nachbarn geschimpft, weil die bellten. Mit dem Ergebnis, dass die gar nicht mehr aufhörten zu kläffen.

Einmal kam der Nachbar und regte sich auf, was die Mutter da mache, Julia solle sie wegholen und besser im Griff haben.

„Meine Mutter kann bellen so viel sie will“, erklärte Julia.

Der Nachbar verzog sich. Jetzt also der Vorwurf, die alte Frau randaliere.

Julia erinnerte sich, wie die Mutter in den sechziger Jahren in die Schule ihres Heimatdorfes zitiert wurde, weil der Bruder oder sie sich mal wieder daneben benommen hatten. In Mathe hatte Julia drei Sechsen hintereinander geschrieben. Der Lehrer erklärte sie für stinkfaul, aufsässig und völlig daneben. Die Mutter erzählte ihm im Gegenzug, dass ihr Ältester Medizin studiere und nur Einsen bekomme. So redeten sie eine Zeitlang aneinander vorbei – der Lehrer von Julias Sechsen, die Mutter von den Einsen des Ältesten. Dann trennten sie sich.

Jetzt waren die Rollen vertauscht. Irgendjemand erzählte,  die Mutter randaliere und sie antwortete mit „Alles klar“ oder „Mhmm“ oder „Interessant“ und reichte unterdessen den nächsten Happs.

„Einen für Hermann, einen für Paul“. Sie ratterte nacheinander die Namen der Brüder, des Vaters, der Onkel und Tanten herunter. Es konnte sein, dass auf diese Weise der Mutter beim nächsten Besuch der richtige Name einfiel, worüber der Betreffende sich freute.

„Sie hat mich erkannt.“

Das Leben hatte seine Freuden. 

„Ich sterb ja bald“, erklärte die Mutter immer mal wieder.

„Heute wird nicht gestorben“, erwiderte Julia so autoritär wie möglich. Sie konnte das, weil sie sich gut an ihre Kindheit erinnerte, in der genauso mit ihr gesprochen wurde.

„Nicht?“ fragte die Mutter.

„Nein. Heute nicht. Wir trinken jetzt einen Cappucino. Nachher gibt es ein Eis. Das geht dann nicht mit sterben. Heute geht es uns gut.“

„Ja“, sagte die Mutter und grinste ihr schiefes Lächeln, rechter Mundwinkel hoch, linker ging nicht mehr so richtig.

Beim nächsten Besuch hatte sie wieder einen großen blauen Fleck am Kopf. Sie holte sich die Male bei ihrer nächtlichen Unruhe im Bett, die sich nicht vollständig unterdrücken ließ, es sei denn, man stellte sie mit Psychopharmaka völlig ruhig. Das wollten ihre Kinder nicht. So mussten sie  mit den blauen Flecken leben, die der Mutter völlig egal zu sein schienen.

Der Mann vom Zimmer nebenan hielt Julia auf und beklagte sich.

„Ihre Mutter ist frech. Ihre Mutter kratzt und beißt.“

„Mich hat sie noch nie gekratzt oder gebissen“, erwiderte Julia.

„Wenn sie sich nicht bessert, kommt sie weg“, sagte der Mann, ein Patient, gelähmt, aber wohl nicht dement. Vielleicht auf eine andere Art.

Der Pfleger erklärte die beiden könnten sich nicht riechen und provozierten sich gegenseitig.

„Der ist auch frech“, sagte die Mutter.

„Recht so“, dachte Julia.

Das Revolutionäre an ihrer Demenz war, dass es der Mutter im Gegensatz zu früher völlig egal war, was andere Leute von ihr dachten. Julia liebte sie dafür.

Sie nahm sich das Buch mit den alten Gedichten, dort fühlte sich die Mutter zuhause und las vor:

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ und die Mutter sagte eifrig wie ein kleines Mädchen:

„Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“.

„Ein Märchen aus uralten Zeiten“ las Julia.

„Das geht mir nicht aus dem Sinn“, antwortete die Mutter.

Sie wusste zwar manchmal nicht so genau wer Julia war, aber dieses und andere Gedichte konnte sie in großen Teilen noch auswendig aufsagen. Gelernt ist gelernt.

Die Mutter wurde in einer Zeit sozialisiert, als das große Morden stattfand. Behinderte wurden nicht nur versteckt, sondern getötet, sie „kamen weg“, wie ihr Mitpatient es noch heute verlangte.

Julia erinnerte sich gut an ihre Kinderangst in ein Heim gesteckt zu werden, wenn sie nicht parierte. Dort wartete Fritz Haarmann mit dem Hackebeilchen. So stellte sie es sich vor. Oh du fröhliche Nachkriegszeit, Zeit des Schweigens, der grausamen Ängste und Phantasien, die in den Nachgeborenen tobten.

„Wenn es dir zu viel wird, kipp mich einfach in den Graben“, sagte die Mutter viele Monate, nachdem sie auf den Rollstuhl angewiesen war und von Julia geschoben wurde.

„Das würde ich nie tun“, antwortete die Tochter.

„Wenn es dir zu viel wird, kipp mich einfach in den Graben“, sagte die Mutter.

„Rollstuhlschieben ist mein Sport. Es hält mich fit“, erklärte Julia.

Das überzeugte die Mutter. Sport fand sie gut. Schon immer.




Cornelia Koepsell, Jahrgang 1955

literarisches Schreiben seit 2002

98 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

Auszeichnungen: 3. Preis des Schwäbischen Literaturpreises 2011

3. Preis Frauen Literaturpreis 2014

3. Preis Berner Bücherwochen 2015

3. Preis Frauen Literaturpreis 2016 (Theaterstück)

1. Preis Kunsthaus Lisa 2021

Publikationsliste

Debütroman „Das Buch Emma“ , September 2013

Geest Verlag, ISBN 978-3-86685-409-3

Roman „Lauf weg wenn du kannst“ Juli 2017, Geest Verlag ISBN 978-3-86685-6097

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Der Speiseplan der Amsel

  1. Ich kann die Zeilen der Autorin Cornelia Koepsell sehr gut nachvollziehen, weil meine Mutter im Alter ebenfalls dement war. Man braucht ein „dickes Fell“, um mit den Erinnerungsverlusten der Mutter und den Reaktionen der Mitmenschen umgehen zu können.

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