Der Silbermann

Rebecca Scharpenberg für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Der Silbermann

Lorenz Steiner saß an seinem blank polierten Mahagonischreibtisch und blickte ungeduldig auf die Uhr. Noch ein Meeting hatte er für heute vor sich und keine Möglichkeit, einen seiner Mitarbeiter an seiner Stelle dazu zu verdonnern. Vertragsverhandlungen waren Chefsache und das war zu seinem großen Bedauern niemand anderer als er selbst. Firmeninhaber in dritter Generation, um genau zu sein, und gleichzeitig der Hoffnungsträger fürs internationale Geschäft. Nicht umsonst hatte er an den besten Universitäten Europas studiert. Da war es beinahe Pflicht, dass er einer Firma, die seit Jahrzehnten den deutschen Markt in Sachen Gummi und Kunststoff mitprägte, endlich zum großen Wurf jenseits der Landesgrenzen verhalf. Eigentlich hätte er sich dabei vor Vergnügen die Hände reiben müssen. Zumindest war es das, was sie von ihm verlangten: sein alter Herr, seine Mutter, seine Frau und seine seligen Vorfahren, die im Sepia-Stil, edel in Goldfarben gerahmt, die Wände seines Büros zierten. Es war unmöglich, ihnen zu erklären, wie sehr er das alles hasste. Er war sie so leid, die steifen Anzugträger der Chefetagen, deren graue Zellen sich zu neunzig Prozent des Tages mit Umsatzsteigerung und Wachstumschancen befassten – mindestens so leid wie das unterwürfige Lächeln seiner Sekretärin, das er ihr trotz größter Bemühungen einfach nicht abgewöhnen konnte

Seit acht Jahren machte er diesen Job nun schon. Acht lange Jahre, in denen es ihn täglich mehr Kraft kostete, vor der Welt die Leidenschaft zu heucheln, die er seiner Familie schuldig war.

„Agnes, ich will hier raus“, hauchte er besagter Sekretärin entgegen, die mit einem Stapel Papiere unterm Arm und einer Tasse Kaffee ins Büro schwebte.

Sie kicherte höflich. „Hier sind die Unterlagen fürs Meeting, Herr Steiner“, sagte sie und huschte zur Tür hinaus.

Es war zwecklos. Er war ihr König, doch wenn er einfach nur Mensch sein wollte, nahm ihn hier niemand für voll. Lustlos nippte er an seinem Kaffee, während er sich über die aktuellen Verträge beugte.

Noch einmal ertönte Agnes’ zarte Stimme, diesmal allerdings durchs Telefon: „Herr Fernandez lässt mitteilen, dass sein Flieger in Madrid festsitzt. Triebwerkschaden. Er bittet, das Meeting auf nächsten Montag zu verschieben.“

Da trat ein Glanz in die Augen ihres so inbrünstig verehrten Chefs, dessen Anblick sie eher verwirrt als erfreut hätte. Doch sie sah ihn ja nicht und er wunderte sich, warum er das so beruhigend fand.

„Geht klar, Agnes“, gab er knapp zurück und legte auf.

Dann schob er die halb volle Kaffeetasse zur Seite und erhob sich aus seinem Ledersessel. Das Schicksal hatte es diesmal gut mit ihm gemeint. Für heute war er hier fertig und weder Agnes noch seine Frau, seine traditionell gestrickten Eltern oder sonst jemand in seinem terminbeherrschten, vorprogrammierten Leben hegte auch nur den geringsten Verdacht, was das bedeutete. Wenn es so lief wie bisher, würde auch niemand von ihnen je etwas von seinem kleinen Geheimnis erfahren und alles könnte so bleiben, wie es war. Ja, haargenau so, wie es war! Während er mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss des Bürogebäudes rauschte, fragte er sich, ob es das tatsächlich war, was er wollte. Doch diese Frage war bedrohlich und er hatte gelernt, Bedrohliches gekonnt zu umschiffen, notfalls auch dann, wenn er selbst sein größtes Hindernis war.

Auf dem Firmengelände parkte sein nagelneuer Mercedes und glänzte teuer in der Nachmittagssonne. Er ließ ihn stehen und ging stattdessen zu Fuß bis zur übernächsten U-Bahn-Haltestelle. So machte er es immer, wenn er nicht nach Hause, sondern in seine kleine Einzimmerwohnung in der Nordstadt fuhr. Niemand, der den Erfolgsmenschen Lorenz Steiner kannte, sollte sehen, wohin er unterwegs war. Als er vor der Eingangstür des Mietshauses ankam, das wahrscheinlich seit Anfang der sechziger Jahre keinen neuen Anstrich mehr bekommen hatte, atmete er tief durch. Hinter dieser Tür begann die Freiheit. Keine Meetings, keine Geschäfte, kein Druck, keine Rechtfertigungen. Einfach nur schweigen, vergessen und wirken lassen.

Eine Frau von Mitte achtzig schlurfte ihm auf dem Hausflur entgegen, die Hände in ihrer ausgeblichenen Kittelschürze verstaut.

„Hier, Herr Meier“, krächzte sie und hielt ihm ein mit silberner Farbe überzogenes Stofftaschentuch unter die Nase. „Haben Sie letzte Woche auf der Treppe verloren.“

Er lächelte. Überall sonst hätte ihn das aus der Fassung gebracht. Doch hier war er nichts weiter als der stille Eigenbrötler Meier und seine Nachbarn waren so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass niemand im Haus ihm auch nur eine lästige Frage stellte. Da konnte er sich jede Angst vor Entdeckung getrost sparen.

„Vielen Dank, Frau Katlowski“, sagte er höflich. „Schönen Tag noch!“

Dann nahm er immer zwei Treppenstufen auf einmal, um zügig im zweiten Stock anzukommen. Er wollte sich beeilen, denn es war schon kurz vor vier und er hatte eigentlich nicht vorgehabt, zu spät zu kommen. Hastig zog er sich in seinem Zimmer bis auf die Unterwäsche aus, streifte seinen Ehering ab und hängte seinen Anzug feinsäuberlich an die Garderobe. Anschließend schlüpfte er in Socken, Hose, Hemd und Schuhe, die allesamt genauso silbern waren wie das Taschentuch, das ihm beim letzten Mal aus der Brusttasche gefallen sein musste. Das steckte er zurück an seinen Platz. Am Badezimmerspiegel kämmte er sich und griff nach einer Farbspraydose auf dem Waschbeckenrand. Damit sprühte er sich Gesicht, Hals, Hände und Haare an, bis er schließlich von Kopf bis Fuß in Silber gehüllt war. Er holte einen mülleimergroßen Plastiksockel in Marmoroptik und einen leeren Pappkarton unterm Bett hervor und setzte sich eine silberne Melone auf. So eilte er mit seinem eigentümlichen Gepäck aus dem Zimmer und wieder die Treppen hinab.

Als er endlich in der Altstadt neben dem Kaufhaus auf seinem Sockel stand, war ihm klar, dass er zu spät gekommen war. Damals, vor sechs Wochen, als sie zum ersten Mal vor ihm gestanden hatte, war es genau vier Uhr gewesen. Eigentlich hatte er sich bloß ein bisschen Abwechslung gönnen wollen, als ihm die Idee gekommen war, sich einmal die Woche als stummer Silbermann in die Fußgängerzone zu stellen und zum Spaß ein paar Münzen zu sammeln. Reglos auf einer Stelle stehen, das hatte er als kleiner Junge schon gut gekonnt und Clowns, Akrobaten und Pantomimen faszinierten ihn, seit er denken konnte. Aber dann war plötzlich alles ganz anders gekommen. Die Menschen waren stehengeblieben und hatten ihn bewundert für das, was er konnte und liebte, und nicht für das, was er sein musste und hasste. Seitdem stand er dort jeden Freitagnachmittag, stumm, unerkannt und frei. Die Kinder winkten ihm mit leuchtenden Augen zu, man staunte beeindruckt und ließ sich mit ihm fotografieren. Jede Minute dieses bescheidenen Glücks war dabei für ihn unendlich viel mehr wert als sämtliche Münzen in seinem Pappkarton. Er spendete sie an verschiedene Wanderzirkusse und redete sich ein, spätestens am Ende des Sommers damit endgültig Schluss zu machen. Eine Episode – eine Laune sollte es sein, nicht mehr, das versprach er im Stillen all den Ahnungslosen daheim und in der Firma, die so eisern an den Marktführer in ihm glaubten. Er war ein Mann, kein Junge und da war kein Platz für Flausen. Doch dann war sie gekommen.

Wie aus dem Nichts war sie erschienen mit ihrem Korb voller Gemüse unterm Arm und hatte ihn angelächelt. Eine halbe Stunde lang hatten sie sich schweigend und ohne jede Bewegung gegenübergestanden. Dabei hatte sie ihm unverwandt in die Augen gesehen, bis er dachte, er würde, von unsichtbaren Schnüren nach hinten gezogen, von seinem Sockel stürzen. Dann hatte sie ihm ein Zweieurostück in den Karton gelegt, ihm zugezwinkert und war gegangen. Einfach so.

Er kannte sie nicht und sie kannte ihn nicht. Doch nun kam sie jeden Freitag um Punkt vier und jedes Mal wiederholte sich das Spiel dieser schweigsamen Zweisamkeit. Sie war es auch, die ihn an seinem Plan, das Ganze im Herbst für immer zu beenden, mehr und mehr zweifeln ließ. Die Tage im Büro wurden unerträglich und nichts auf der Welt führte ihm deutlicher vor Augen, dass er seine Ehefrau mit ihrer Gier nach Ansehen und Glanz nicht liebte. Er hatte es nie getan, aber gemerkt hatte er es nicht.

Heute fiel es ihm zum allerersten Mal schwer stillzustehen. Ganz sicher hatte sie um vier auf ihn gewartet und er war nicht pünktlich an seinem Platz gewesen. Bestimmt hatte sie ihr Gemüse genommen, das sie immer vorher auf dem Markt kaufte, und war nach Hause gegangen – ganz ohne ihre unaufgeregt spannende und so berührungslos zärtliche Begegnung. Er spürte, dass seine Hände zitterten. Es hatte keinen Zweck. Er hatte diesmal seinen Einsatz verpasst und würde ohne das wohlige Gefühl der Erinnerung an diesen Tag in eine unterkühlte neue Woche starten müssen. Ein wenig wacklig bemühte er sich, für einen strahlenden Dreijährigen mit Eiscreme am Kinn noch einmal auf seinem Sockel zu erstarren. Dann beschloss er, für heute seine Sachen zu packen.

Als er den Pappkarton vom Boden aufheben wollte, stand sie plötzlich vor ihm: stumm, mit Gemüsekorb und fragendem Blick. Langsam ging er rückwärts auf sein Podest zurück, ohne seine Augen von ihrem Gesicht abzuwenden. Damit begann unerwartet eine neue halbe Stunde ihrer schweigsamen Unterhaltung. Anders als sonst zogen so viele Fragen in seinem Kopf ihre Kreise. Hatte er den Mut, vor der Welt zu sein, wer er sein wollte? Wer würde ihn meiden, wenn er seinem Cousin die Leitung der Firma übergab und sein Geld in eine eigene Artistenschule steckte? Was würde er vermissen und was gewinnen? Wem würde es schaden, wenn er sich scheiden ließ und sich damit von etwas trennte, was im Grunde nichts weiter war als eine seiner vielen Geschäftsbeziehungen? Es waren Rufe nach einem nächsten Schritt, wie er sie nie hatte hören wollen.

Er schluckte, als sie den Kopf von ihm abwandte, um in ihrer Tasche zu kramen. Die halbe Stunde war vorbei. Gleich würde sie ihm die zwei Euro in den Karton legen und gehen. Bisher hatte ihm das immer genügt, aber heute wäre er am liebsten von seinem Podest gestiegen, hätte sie fest in den Arm genommen und gesagt: „Hol mich da raus! Lass nicht zu, dass es Herbst wird und alles vorbei ist!“

Traurig sah er zu, wie sie etwas in den Karton fallenließ. Erst als er begriff, dass es nicht die zwei Euro waren, wurde ihm klar, dass für ihn nichts mehr so bleiben konnte, wie es war. Ein Zettel lag dort. „Komm mit, Silbermann, wir haben genug geschwiegen!“, stand darauf und er wusste, dass sie recht hatte.

Wahrscheinlich ahnte sie nicht, wie viel es zu erzählen gab, aber das kümmerte ihn nicht mehr. Denn als sie gemeinsam durch die Altstadt in Richtung Park davonschlenderten, war er längst auf dem Weg in ein Leben, das er schon viel zu lange entbehrt hatte.

„Woher wusstest du, dass ich später noch kommen würde?“, fragte er, als sie eng nebeneinander in der U-Bahn saßen.

Sie lachte. „Weil du es mir beim letzten Mal versprochen hast.“

Er sah sie verwundert an. „Aber ich habe doch nie geredet.“

Sie schob den Korb unter die Sitzbank und tippte ihm auf die Nase, sodass ein wenig Farbe an ihrem Finger haften blieb.

„Du bist der Silbermann“, sagte sie, „für solche Dinge brauchst du keine Worte.“

Da nahm er ihre Hand und beschloss, sie so lange wie möglich festzuhalten. Ja, er war der Silbermann und das würde er bleiben – wie auch immer!


Rebecca Scharpenberg, Jahrgang 1980, ist gelernte Juristin und war früher freie Journalistin. Heute arbeitet sie als Literaturübersetzerin, Lektorin und Texterin und schreibt außerdem als passionierte Autorin sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Ihr Alltag ist von jeher geprägt von der unerschütterlichen Liebe zum Schreiben, und das ganz ohne passende Schublade.

Interview, Gespräch mit Rebecca Scharpenberg und Jens Faber-Neuling Redaktion #kkl HIER

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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