Die Krise  

Fernand Muller-Hornick für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Die Krise  

Büttner suchte verzweifelt nach Zigaretten. Eigentlich hatte er sich das Rauchen längst abgewöhnen wollen. Ob er schnell an den Kiosk, drei Straßen entfernt, laufen soll? Dazu hätte er den Mantel anziehen müssen, draußen regnete es in Strömen.

Büttner drückte am Fernseher gelangweilt sämtliche Programme durch, alles Wiederholungen von Wiederholungen. Er ging zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Bier, öffnete sie und trank in gierigen Zügen.

„Trink nicht so viel“, rief seine Frau aus dem Bügelzimmer. Büttner hasste nicht perfekt gebügelte Hemden, sie sind ein Zeichen mangelnder Perfektion.

Büttner rülpste laut, das Bier schmeckte schal. Langsam goss er den Rest der Flasche in das Spülbecken, sah dem abfließenden Schaum zu.  

Ob er doch zu dem Kiosk laufen soll, schnell Zigaretten gekauft, ein Bier getrunken, seine Frau wird bestimmt noch eine Stunde mit dem bügeln beschäftigt sein.

Sie begrüße den Tag, an dem er pensioniert wird, hatte seine Frau noch gestern Tagen gesagt. Und dass sie dann sofort sämtliche Hemden in den Mülleimer schmeißt. Über dreißig  Jahre jeden Tag ein frisches Hemd, das macht zusammen bei fünf Hemden pro Woche über achttausendvierhundert in dreißig Jahren, sie käme noch ins Guinness Buch der Rekorde.

„Vielleicht gehe ich noch fünf Jahre arbeiten“, rief Büttner ins Bügelzimmer.

„Muss das sein?“, rief seine Frau zurück.

„Immerhin werde ich noch gebraucht“, rief Büttner zurück. Ob er nicht doch schnell zum Kiosk rennen soll?

„Wirklich?“, wollte seine Frau wissen, sie kam ins Wohnzimmer, Schweißperlen auf der Stirn.

Natürlich wird Büttner noch gebraucht. Wer in über dreißig Jahren Wissen angesammelt hat, kann nicht einfach abtreten, ohne seine Erfahrung weiterzugeben.

Seit fast fünf Jahren wartet Büttner darauf, dass ihn jemand um Rat bittet.

Ob sie dieses Jahr wieder an die Nordsee fahren, wollte seine Frau wissen. Sie möchte einmal nach Rimini, oder nach Ibiza, in die Sonne, die Wagners von nebenan fahren jedes Jahr nach Teneriffa, einen ganzen Monat lang, der Mann ist nur Hilfsarbeiter. Wie die das schaffen, einen ganzen Monat Urlaub?

Die Nordsee sei viel schöner, die Betten dort in Ordnung, Ungeziefer gebe es auch nicht, er habe keine Lust, nach zwei Nächten wie ein Streuselkuchen auszusehen, brummte Büttner.

Seine Frau seufzte,  sie sei müde. Büttner schaltete den Fernseher aus, ging ebenfalls schlafen.

Kaum im Bett, schnarchte seine Frau. Büttner wälzte sich hin und her, einen so tiefen Schlaf wünschte er sich seit langem.

Am anderen Morgen klingelte der Wecker wie seit nun fast vierzig Jahren um sechs Uhr und fünfzehn Minuten, Büttner fühlte sich wie erschlagen, aber er wollte nicht krank feiern. Genaugenommen war er nie krank gewesen, die Firma wird es ihm zu danken wissen.

Büttner schleppte sich zur Bushaltestelle. Heute wird er eine Stunde früher Schluss machen, sich zu Hause  aufs Sofa legen und schlafen.

Ecke Wiedenbacherstrasse und Brendlerplatz staute der Verkehr. Ein Auffahrunfall, nichts Schlimmes. Büttner schaute ungeduldig auf die Uhr, bereits Viertel nach acht, er wird zu spät im Büro erscheinen.

Auf die Frage, ob er aussteigen und den Rest zu Fuß gehen könne, antwortete der Busfahrer mit einem barschen „Nein!“

Viertel vor neun Uhr setzte sich der Verkehr wieder in Bewegung. Am Belzplatz stieg Büttner aus, vor neun Uhr wird er nicht im Amt eintreffen. Er hätte sich beim Fahrer eine Bescheinigung geben können, der Bus habe unverschuldete Verspätung. Aber man wird ihm auch so glauben.

Vor dem Tabakwarengeschäft am Belzplatz blieb Büttner stehen. Auf die zwei Minuten wird es auch nicht mehr ankommen, unbedingt muss er eine Zigarette rauchen, das beruhigt die Nerven.

„Heute etwas spät dran“, meinte der Ladenbesitzer, offenbar an einem Gespräch interessiert, Büttner war der einzige Kunde.

„Jaja, ein Unfall Ecke Wiedenbachstrasse und Brendlerplatz, nichts schlimmes, bloß ein Riesenstau“, sagte Büttner.

„Wie immer, fahren durch Rot, aber niemand will der Schuldige sein“, antwortete der Ladenbesitzer.

„Genau“, sagte Büttner und überlegte, ob er vielleicht noch eine Schachtel Zigaretten auf Reserve kaufen soll.

„Geben Sie mir bitte noch eine Schachtel“, sagte Büttner.

„Vielleicht noch eine Zeitung?“

 Büttner kaufte die Morgenpost. Auf der Titelseite ein riesengroßes Foto mit Nacktbadenden am Strand. Unter dem Foto eine Schlagzeile: Dort müsste man sein.

Büttner verließ den Laden, Viertel nach neun, sie werden auch ohne ihn klar kommen. Im Park setzte er sich auf eine Bank und betrachtete das Foto. Ihm fiel ein, nie weiter als an die Nordsee gefahren zu sein. Früher war es wegen der Kinder, später flogen die nach New York, oder nach Australien in Urlaub, Büttner und seine Frau fuhren weiterhin an die Nordsee. Wegen der gesunden Luft, den nicht vorhandenen Flöhen, aus Gewohnheit, man kennt die Strecke, schafft sie im Schlaf. Bis vor einigen Jahren hat er immer eine Ansichtskarte an die Kollegen im Amt geschickt, irgendwann gab es keine neuen Motive mehr.

Über Büttner  brauten sich dunkelgraue Wolken zusammen. Er steckte die Zeitung in die Westentasche, zündete sich eine Zigarette an, sog den Rauch gierig auf. Vor  dem Schaufenster eines Reisebüros las er die Sonderangebote nach Tunesien, Djerba war besonders günstig, zweihundert Euro pro Person für eine Woche,  Erstklassiges Hotel, Vollpension, schönes Wetter garantiert. Ägypten war noch billiger, hundertfünfzig Euro, Thailand war fast geschenkt. Büttner wäre nie nach Thailand geflogen, allein schon wegen dem guten Ruf, schnell wird einem etwas angehängt, Büttner hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen.

Kurz entschlossen betrat Büttner das Reisebüro, fragte nach dem Angebot Tunesien.

Die Dame hinter dem Computer lächelte ihn freundlich an, knapp zehn Minuten später hatte Büttner unterschrieben, bezahlte bar.

„Heute Abend geht der Flug“, sagte die Dame, er möge rasch die Koffer packen und ab in die Sonne, sie würde ihn beneiden.

Büttner verließ das Reisebüro, Koffer packen fällt aus, wie soll er seiner Frau gestehen, allein nach Djerba zu fliegen. Er wird ihr eine Karte schreiben, versuchen, ihr alles erklären. Natürlich wird sie nicht begreifen, wieso er ohne sie geflogen ist. Vielleicht wird er sie auch anrufen, eine Ansichtskarte erlaubt nur ein paar Urlaubsgrüße, Wetter herrlich, Essen gut, Betten akzeptabel, Zimmer sauber, kein Ungeziefer, bis bald. Er wird ihr schreiben, Freiraum zu brauchen, Luft vor allem, um neue Kraft zu tanken, fünf Jahre Monotonie am Arbeitsplatz muss er noch überstehen, dann werden sie gemeinsam verreisen, ganz weit weg, vielleicht nach Australien, seine Frau darf sich das Ziel aussuchen.

Büttner war noch nie in einem Flughafen gewesen. Die Hektik irritierte ihn, dass er ohne Gepäck reist, wunderte die Dame an der Gepäckannahme.

Es handele sich um eine Last Minute Reise, erklärte Büttner etwas verlegen, unbedingt brauche er Luftveränderung, die Monotonie sei erdrückend.

„Wenn sie bitte weitergehen möchten“, drängelte die Dame am Abfertigungsschalter, vielleicht war sie neidisch, nicht der Sonne entgegenfliegen zu können.

Der Flug nach Tunesien wurde aufgerufen. Büttner befiel ein komisches Gefühl. Was ist, wenn das Flugzeug entführt wird? Wenn es abstürzt, über dem Meer zum Beispiel, man wird seine Leiche nie finden, seine Frau wird alle Rentenansprüche verlieren. Nein, jetzt keinen Rückzieher machen, die Woche Trennung wird ihm und seiner Frau gut tun. Monotonie ist der Tod einer jeden Beziehung, mit den Jahren hat man sich nichts mehr zu erzählen, man lebt nur noch nebeneinander.

Büttner biss die Zähne zusammen, stieg langsam die Treppe hoch ins Flugzeug, gleich darauf schloss sich auch schon die Tür. Aussteigen war jetzt unmöglich. Büttner wird als neuer Mensch zurückkommen, seine Frau wird in der Flughafenhalle auf ihn warten. Sie werden sich gegenseitig in die Arme fallen, den zweiten Frühling einläuten, das Leben neu starten, als seien sie frisch verliebt, neue Pläne schmieden, die Zukunft planen, die Jahre vergehen wie im Flug, schon ist man alt, gleich darauf tot.

Als das Flugzeug sich immer höher und höher schraubte, schloss Büttner die Augen. Vielleicht gewöhnt er sich in Tunesien auch das rauchen ab.




Fernand Muller-Hornick

Geb. 1947 in Luxemburg,

Bücher: u.a.

Luxembargo, Fortsetzungsroman, Letzeburger Journal, 1980

Knecht oder die Liebe zu den Sternen, Roman, Rauhreif Verlag, Zürich 1985

Sage nicht immer Mama zu meiner Mama, Erzählung für Kinder, Verlag Op der Lay, Esch-Sauer, (Luxbg.) 1989.

Anthologien: (Auswahl)

Nachrichten aus Luxemburg, Georg Olms Verlag, Hildesheim 1979

Rosa Luxemburg, Autoren aus Luxemburg, Orte Verlag, Zürich, Schweiz, 1985

Händedruck, Atelier Verlag, Andernach, BRD, 1981

Poesia Liuksburgesa, Raduga Verlag, Moskau, 1988.

Ich denk, ich denk, was du nicht denkst…, Neuer Breitschopf Verlag, Wien, 1991. (für Kinder)

Wenn ich zaubern könnte, Neuer Breitschopf Verlag, Wien, 1993

Le Luxembourg, Klioueva Verlag, Moskau, 2000

Rundfunk:

Texte für Kinder beim: Bayrischen Rundfunk, Radio Bremen, Süddeutscher Rundfunk, SWF, NDR.

Zeitschriften: (u.a.)

Alternativ Presse 70ger Jahre; Matern Dienst Graberg & Görg, Frankfurt/Main; Protokolle, Verlag Jugend& Volk, Wien; Wiener Journal; Die Märchenzeitung: Herausgeber: Hans Christian Kirsch, BRD. Kurzgeschichten, 2007; Maulkorb, Dresden 2017.Experimenta, Bingen, 12/2019. Literatur und Kritik, Salzburg, November  2019. Mosaik, Salzburg, 2021.

Preise:

2 Preise für Kindergeschichten, Kulturministerium Luxemburg, 1982.

Preis des Erziehungsministeriums Luxemburg für Texte für ein Schullesebuch, 1992.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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