Füße

Monika Schlößer für #kkl10 „Der nächste Schritt“




Füße

Er muss hier sitzen.

Sie brauchen ihn.

Denn er krankt an ihren Leiden.

Heute hängt nicht viel in der Luft. Hitze, gleißende Sonne, Mückenvolk und albernes Gekicher schwirren über zähschmelzenden Asphalt. Wer verirrt sich an solch einem Tag schon hierher, hinter diese altehrwürdigen Mauern? Allenfalls mit dem Auftritt eines „Kleinen-Fünfziger-Regiments“ kann er noch rechnen. So nennt er sie insgeheim, die Schulklassen, die mit geballter Kraft an ihm vorüberziehen und durch die Türe stapfen – tapf – tapf –tapf – fünfzigmal tapf. Leicht sind ihre Füße und so eigenwillig naiv, dass sie beinahe schon Zärtlichkeit ausströmen. Er liebt und fürchtet diese Kinderfüße gleichermaßen; denn sie müssen ihn passieren, weil das Curriculum des Ministeriums es so verlangt.

Doch was wissen die Leute vom Schulministerium schon von ihm, von dem Körper, dessen Daseinsberechtigung einzig und allein darin besteht, jene Museumstür zu öffnen? Ob die Damen und Herren Minister jemals kapieren werden, was sie getan haben – damals, als sie diese ABM-Stelle ausschrieben?

„Das Gros der Besucher ist arrogant, stumpfsinnig oder beides zugleich”, hat er eines Abends der Putzkolonne anvertraut. „Die meisten Ankömmlinge besichtigen unsere Ausstellungen doch nur, weil auch die anderen Jünger vom Stamme MAN hier tagen. Oder die Fernsehproduzenten mal wieder keinen Quotenhit landen konnten.”

Oft genug hat er dem Publikum nachgeschaut. „Diese blasierten Gesichter werden sich vor keinem dieser wunderbaren Kunstwerke öffnen. Ihre Augen sind schon gestorben“, winkt er verächtlich ab. „Die sind genauso leblos wie ihre Füße.“

Das Gebaren der Besucher bestätigt seine Beobachtung: Rechtes Bein kurz ausgeschert, Miene mitleidig, Blasebalg antippen – tapf – hart und ohne jedes Gespür. Ein wenig Luft für den Aufblasbaren, damit er wieder fähig ist, den engen Türspalt zu öffnen. Freier Durchgang für sie, Miene tot. Krank sind sie alle.

Hin und wieder kommen verirrte, neugierige Mütterchen zu ihm, das Ausmaß ihrer Handlung möglicherweise ahnend. Mit zitternden Füßen bearbeiten sie vorsichtig den kleinen Blasebalg unterhalb seiner Lunge und schenken ihm ein dankbares Lächeln für seine Gegenleistung. Vermutlich sind sie es, die den ewigen Kreislauf von Geben und Nehmen am ehesten begreifen.

– Interessante Konstruktion, diese Türmenschtür – denken die anderen, falls sie das Denken noch nicht total verdrängt haben. Kritisch forschend tasten ihre Füße sich vor, neugierig die Wirkung auskostend. Sie suchen den perfekten Beweis für eine technische Funktion. Ihre Aufmerksamkeit konzentriert sich ausnahmslos auf die Türklinkenfunktion, zu der diese Kreatur, die sich Mensch nennt, geworden ist.

Und diesem Menschen ist es mit den Jahren vollkommen gleichgültig geworden, was die Füße, die ihn Tag für Tag treten, wirklich denken oder fühlen. So abhängig ist er von ihnen geworden. Ihr Fußtritt wird für ihn zu Brot, Milch und Honig, wenn sie den kleinen Blasebalg unter seiner Lunge bedienen, um ihn mit Luft, seinem einzigen Lebenselement, vollzupumpen – wenn sie ihm die Kraft verleihen, jenen engen Mauerspalt zu öffnen und sie ein paar Stunden lang Kultur inhalieren können.

– Heute werden sie wohl alle im Schwimmbad liegen -, denkt er zermürbt. Fünf Füße erst haben ihn getreten. Hunger lässt den bizarren Türhüter zu einer Handvoll Haut und Knochen zusammenschrumpfen. Fünf Tritte reichen gerade mal für ein dreiviertelstündiges Dasein in menschlicher Normgröße. Und bald schon wird die nahe Turmuhr den Mittag einläuten.

Plötzlich horcht er auf. Täuscht er sich – oder ist in der Ferne tatsächlich leises Kindergekicher zu hören? Nach einigen Sekunden angespannten Lauschens kann er auch das hektische Lehrerinnengetrippel wahrnehmen. Hoch lebe der Kulturplan! Sie kommen tatsächlich. Und kein Weg führt an ihm, dem Türöffner, vorbei.

Die Lebensspender formieren sich im Vorhof zu einer apathischen Zweierreihe. Ihre Füße sehen wütend aus. Offensichtlich sehnen sie sich nach unbeschwerter Badehosenkultur. Eine der erhitzten Lehrerinnen erklärt mit monotoner Stimme den Mechanismus der skurrilen Türmenschtür. Und mit einem Mal werden fünfzig Füße munter – Action pur statt öder Museumstour!

Heiße, verschwitzte Füße erobern den Blasebalg. Sie tasten, treten, trampeln, toben. Übermütige Augenpaare ergötzen sich an der seltsamen Vergrößerung des kranken Körpers. Springen, Jauchzen, wilde Füße, wilde Augen, ekstatische Füße, menschlicher Ballon in der Zerreißprobe.

„Aufhören! Es reicht!”, schreit eine Aufsichtsperson.

Ein Schritt noch, ein letzter Fußtritt – gellende Schreie, erstarrte Füße, mordbefleckte Sohlen. Mord durch Brot, Milch und Honig.

Der Zug eines „Kleinen-Fünfziger-Regiments“ schleicht sich in Richtung Schwimmbad davon, eine adrette Zweierreihe – fast ein wenig zu fröhlich für einen Trauerzug.


Anmerkung: Überarbeitung des Originaltextes „Hinter Mauern“, veröffentlicht von der Autorin in der Kurzprosa-Anthologie MAUERN, 1978 by WONS-Verlag, Saarbrücken




Monika Schlößer

Geboren 1949, lebt in Bad Münstereifel, verheiratet, 2 erw. Töchter. Knapp 80 Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis und Kurzprosa in zahlreichen Anthologien, Kalendern, Jahrbüchern, Zeitschriften, Schaufenstern, einem Rundfunk-Podcast und auf einer Lyriksäule.

Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: